Nr. 20/2007 vom 17.05.2007

Schweizer Spitzenweine?

Interview: Benjamin Shuler, Foto: Florian Bachmann

Andrin Willi: «Es gibt Weinfreaks, das sind obsessive Sammler.»

WOZ: Was trinken wir hier?
Andrin Willi: Wir trinken den Pinot noir «Der Andere» aus dem Jahr 2003 vom Schlossgut Bachtobel von Hans-Ulrich Kesselring. Für mich einer der besten Pinot noirs der Schweiz. 2003 war es extrem heiss, und deshalb wirkt er sehr konzentriert. Trotzdem ist die Bombe, so nennt man einen kräftigen Wein, elegant geblieben. Man merkt schon in der Nase: sehr filigran, wunderschönes Holz, eingebunden in eine 
sensationelle Frucht. Dann im Gaumen fein und geschmeidig, mit einem nicht allzu langen Abgang. Schön.

Ich habe gemeint, in der Schweiz gebe es keine Spitzenweine.
Bleiben wir beim Beispiel Pinot noir, wenn wir schon einen trinken. Die Fortschritte, die man in der Schweiz gemacht hat mit dieser Traubensorte, die sind gewaltig. Der Schweizer Wein muss sich nicht verstecken. Es ist einfach schwierig, solche Weine zu finden, 
darum nennt man sie wohl Trouvaillen. Ich wüsste nicht, bei welchem Lieferanten ich suchen müsste, um diesen Wein hier zu kaufen. Am besten ist es, man fährt hin, spricht mit dem Winzer, probiert und entscheidet. Unser Wein wird deshalb international nicht wahrgenommen, weil die Verkaufs- und Marketingstrukturen fehlen.

Wieso ist das so?
Sicher sind die Mengen vergleichsweise klein. Die besten Pinots aus 
Graubünden sind schneller ausverkauft als gemacht. Die Kenner fahren hin, machen den Kofferraumdeckel ihres Offroaders auf, dann bestellen zwei, 
drei Hotels und Restaurants – und die 
Topprodukte sind weg. Schwerer hat 
es die Durchschnittsqualität.

Viele Leute schwören auf eine Traubensorte, sind Pinot-Trinker oder Merlot-Trinker. Wie ist das bei Ihnen?
Es muss nicht immer Pinot noir sein. Man geht ja auch nicht immer nur Shakespeare gucken im Theater. Man geht ins Kino und schaut sich einen Blockbuster an. Übersetzt heisst das: Es darf auch mal ein Merlot oder ein 
Cabernet Sauvignon sein. Es macht mir Spass, ab und zu einen einfacheren Wein zu trinken.

Haben Sie mal einen Wein getrunken, bei dem Sie sagten: Das ist der Wein meines Lebens?
Oh ja. Einen Merlot von Anna Barbara Kopp von der Crone, den Balino 2001. Der einzige Wein, von dem ich je geträumt habe. Das ist ein unglaubliches Erlebnis, wenn man sich im Traum 
erinnern kann ans Holz, an die Frucht, ans Tannin, an die Struktur.

Sie bewegen sich oft in der Welt der obsessiven Weinliebhaber. Was sind das für Leute?
Es gibt Weinfreaks, mit denen kann man über nichts anderes sprechen als über Wein. Viele haben ein unglaubliches geschmackliches Erinnerungsvermögen. Wenn die einen Wein einmal degustiert haben, erkennen sie ihn auch Jahre später. Es sind obsessive Sammler. Sie sammeln den Geschmack 
von Weinen. Für sie ist der Wein das Zentrum des Lebens.

Muss man ein theoretisches Wissen haben, um Wein geniessen zu können?
Genuss hat weniger mit Wissen zu tun als mit dem richtigen Moment. Trotzdem: Oft erlebt man gewisse Dinge intensiver, wenn man weiss, was dahintersteckt. Wenn jede schrumpelige Beere eines Eisweins von Hand ausgelesen wird und es am Ende aus einem Rebberg ein paar wenige Fläschchen Wein gibt, dann gebührt dem Produkt doch ein gewisser Respekt, finde ich. Er heisst ja Eiswein, weil er aus Trauben hergestellt wird, die gefroren geerntet werden – und nicht, weil man ihn on the rocks trinkt.

Die Weinwelt ist für ein Laienpublikum unglaublich komplex, 
weil es so viele Faktoren gibt: 
Traubensorte, Lage, Jahrgang, die Art der Kelterung und so weiter. Was empfehlen Sie jemandem, 
der ratlos vor dem Weinregal im 
Supermarkt steht? Gibt es Faustregeln?
Am besten probiert man einfach alles. Faustregeln gibt es keine. Ich würde empfehlen, nicht unbedingt in den Supermarkt zu gehen, sondern in den Fachhandel. Nicht weil dort die Weine immer besser sind, sondern weil es dort Beratung gibt. Die Spezialisten kennen ihr Sortiment, so kann man gemeinsam herausfinden, was einem entsprechen könnte.

Was empfehlen Sie als Begleitung zu einem frühsommerlichen Grillplausch?
Ein Bier.

Andrin WillI, 31, ist Chefredaktor von «Marmite», der Zeitschrift für Esskultur, und Redaktor bei rtr, dem rätoromanischen Radio der SRG.

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