Nr. 21/2007 vom 24.05.2007

Im Kielwasser

Von Michael Saager

Mit 43 Jahren ist Arvid psychisch und körperlich am Ende. Vor sechs Jahren hat er sich verloren, wieder gefunden hat er sich bisher nicht. Er erinnert sich an seinen Vater, nicht besonders liebevoll, aber auch nicht voller Abscheu. Wie im Leben sind auch in «Im Kielwasser», Per Pettersons jüngstem Roman, die Erinnerungen ambivalent. Der Vater, das ist ein Mann scheinbar ohne Schwächen, der seinerseits Arvid zeitlebens für einen Schwächling hält. Auch belächelt er die Schriftstellerei des Sohnes und schweigt über Gefühle wie ein Grab.

Arvid und sein älterer Bruder haben das Trauma auch nach sechs Jahren nicht gemeistert. Es hat sie nicht nur von sich selbst entfernen lassen, sondern auch voneinander. Petterson konzipiert die Ursache des Traumas geschickt als machtvolle Beinahe-Leerstelle. Erst im letzten Drittel des Buches wird die Ursache beschrieben: Bei einem Brand auf einer Fähre kommen Arvids Vater, die Mutter und die beiden jüngeren Brüder ums Leben. Die Fernsehbilder vom Unglück wird Arvid nicht mehr los, seinen Schuldkomplex auch nicht.

Und den Vater? Petterson geht es in diesem autobiografisch gefärbten Roman darum, den Erzähler beim Versuch zu beschreiben, den verlorenen Vater zu verstehen und so zu sich zurückzufinden. Das ist selbstverständlich schon oft geschehen in der Literatur. Und wird es weiterhin - solange es Väter gibt. Die Frage ist also, was man daraus macht. Am besten das Beste, wie Petterson, dessen Sprache poetisch und präzise, schwebend und vorsichtig tastend zugleich die abgründige Erinnerungswelt einzufangen weiss. Mächtige Väter müssen gestürzt werden, so oder so. Und es ist gut, aber nicht leicht für Arvid festzustellen, dass sein Vater sehr menschliche «Schwächen» hatte: Die Frau, die sein Vater am meisten geliebt hatte, wollte nicht bei ihm bleiben. Mit Unbehagen erinnert sich Arvid an ein Kindheitserlebnis: den Skiunfall dieses so unverwundbaren Mannes. Sein Knöchel ist gebrochen, Arvid soll Hilfe holen. Er kann nicht gehen, und er will nicht bleiben. Schliesslich geht er.

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