Nr. 38/2007 vom 20.09.2007

Wer sagt denn, dass Gott lieb ist?

Peter Henischs Roman über das grosse Leben einer sehr kleinen Frau - und über die Frage, ob es möglich ist, ein richtiges Leben im falschen zu führen.

Von Erich Hackl

Das Einzige, was man Peter Henisch während der Lektüre seines neuen Romans ankreiden möchte, ist die dünne, psychologisch unglaubwürdige Rahmenhandlung, signalisiert sie doch das geringe Vertrauen des Autors in sein Vermögen, die Geschichte einer gleichermassen unauffälligen wie einzigartigen Frau ohne Verkettung mit der Gegenwart darzustellen, in der Erzählzeit und erzählte Zeit ineinanderfallen.

Da kehrt der aus Österreich stammende Icherzähler Paul Spielmann, Literaturprofessor an einem US-amerikanischen College, nach etlichen zwanzig Jahren in seine Geburtsstadt Wien zurück. Klaviermusik aus einem Fenster im Hinterhof, ein Stutzflügel im Schauraum eines Antiquitätenhändlers, Unterhaltungsromane in der Wühlkiste eines Secondhandshops verdichten Pauls Gedanken an seine Grossmutter Martha Prinz, die gewiss der Grossmutter des Autors nachempfunden ist.

Verstörende Botschaften

Henisch nähert sich dieser Frau von zwei Seiten, setzt ihre Wahrheit zusammen aus den subjektiven, oft ungeordneten, an sonderbaren Redensarten sich entzündenden Erinnerungen ihres Enkels, der mittlerweile viel älter ist, als sie damals war, da sie ihn zu ihrem Vertrauten machte, sowie aus nachgereichten Informationen und Mutmassungen über Marthas Verzicht auf das unverstellte Glück.

Als kleine Frau wurde sie nicht nur wegen ihrer zierlichen Gestalt wahrgenommen, sondern auch, weil sie sich scheinbar kaum von der Umgebung abgehoben hat. Duldsam wie zäh sei sie gewesen, lebenshungrig, aber pragmatisch genug, nach frühem Liebesverrat der reinen Leidenschaft zu entsagen, selbstbewusst und kleinmütig, angepasst an die gesellschaftlichen Verhältnisse und sich doch der Tatsache bewusst, dass es immer der Auflehnung bedarf.

Gegen den Glauben, dass es möglich wäre, ein richtiges Leben im falschen zu führen, ist der Schriftsteller Peter Henisch vor vier Jahrzehnten angetreten. «Eine sehr kleine Frau» nimmt diesen Impuls zurück. Sie, die ihrer Herkunft nach Jüdin war, hatte sich mit einem faden Postbeamten eingelassen, der als illegaler Nazi an Aufmärschen, Saalschlachten und Sprengstoffanschlägen teilnahm, das Kind verachtete, das sie in die Ehe mitgebracht hatte, und noch vor der Okkupation Österreichs, zu Silvester 1937, in einem Stundenhotel das Zeitliche segnete. Von da an war Martha auf sich gestellt. Sie nahm ihren Beruf als Krankenschwester wieder auf, kümmerte sich später um den erstgeborenen Enkel. Durch sie hat er die Welt erfahren, auf gemeinsamen Wegen in Wien ihre verstörenden Botschaften angenommen, die sie, vorsichtig genug, als Fragen formuliert hat: «Wer sagt denn, dass Gott lieb ist. Wer sagt, dass man heiratet, um glücklich zu sein.»

Die Sache mit dem richtigen und falschen Leben ist jedenfalls komplizierter, als der junge Henisch geglaubt haben mag. In seinem Roman gibt er zu erkennen, dass strenge moralische Massstäbe nicht zur Beurteilung gefährdeter Menschen taugen. Im Grunde ist es ihm bei jedem Buch um solche Menschen gegangen, hat er geduldig alle Zeichen ihrer Sehnsüchte und Widersprüche gesammelt. Er registriert den eigentlichen Fehltritt der Grossmutter - dass sie sich dem antisemitischen Postoberoffizial hingegeben hat - , macht ihr jedoch im Nachhinein keinen Vorwurf. Während ihr Mann gegen Plutokraten und Bolschewisten wetterte, las sie Romane, die frei waren von Nazigesinnung. Keine grosse Literatur, aber immerhin Geschichten und Lebensentwürfe, in denen es um den eigenen Kopf geht, um den festen Willen, ihn oben zu behalten, sich nicht unterkriegen zu lassen. «Menschen im Hotel», «Vom Winde verweht», sogar «Jane Eyre». In Marthas Nacherzählungen, im Nachdenken des Enkels öffnet sich der Roman zum Plädoyer für das Lesen von Romanen, die immer auch Möglichkeiten des Neinsagens aufzeigen, zu einer Würdigung des «kleinen Widerstands», wie es der Erzähler nennt.

Zu sich kommen, bei sich bleiben

Den Vorwurf der dürftigen Rahmenhandlung ziehe ich lieber zurück. Wie, wenn nicht auf dem Umweg über die Topografie einer Stadt, die sein Alter Ego aufs Neue erkundet, hätte Henisch der Grossmutter gerecht werden können? Das Netz von Strassen, Parks, Gebäuden verweist auf die Vielfalt eines arg begrenzten Lebens. Der Autor bringt es in klaren Sätzen zum Schwingen. Er schreibt ohne Wut, ohne Sarkasmus, ohne Lamentieren. Auch ohne Altersmilde, die zur Verklärung neigt - aber mit jener Empathie, die fast alle Grossmütter verdienen.

Ganz nebenbei korrigiert Henisch mehrere Fehlurteile. Das eine, dass in Österreichs Familien nach Ende der Naziära vorzugsweise geschwiegen worden sei. Martha Prinz hat nicht geschwiegen, jedenfalls nicht gegenüber ihrem Enkel. Zweitens, dass es gar keine Nachkriegskindheiten gegeben habe, die glücklich zu nennen wären. Drittens, dass eine glückliche Kindheit Garant für ein erfülltes Erwachsenenleben sei. Es gibt keine Garantie, auf nichts.

Im Laden, in dem er sich mit literarischer Massenware eindeckt, kommt der Erzähler mit der Verkäuferin ins Reden, einer Frau aus Serbien, die offenbar Schlimmes erlebt hat. Er gesteht ihr, dass er dabei ist, ein Buch über seine Grossmutter zu schreiben. Hoffentlich habe diese, erwidert die Frau, ein gutes Leben gehabt. «Ein gutes Leben? Wie würden Sie das definieren? fragte ich. Dass man bei sich ist, sagte die Frau, oder dass man bei sich bleibt.» Die Antwort auf die Frage, ob diese Definition auf «eine sehr kleine Frau» zutrifft, überlässt der Autor uns LeserInnen.

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