Nr. 22/2020 vom 28.05.2020

Eine unmögliche Beziehung

Verbotene sexuelle Bedürfnisse im muslimischen Norden Nigerias: Abubakar Adam Ibrahims Debütroman ist ein intensives Stück Literatur.

Von Anja Bengelstorff

Behutsam und intensiv: «Wo wir stolpern und wo wir fallen» gibt Einblick in die Gesellschaft der Haussa im muslimischen Teil Nigerias. Foto: Luc Gnago, Reuters

Wie aus Zufallsbegegnungen Beziehungen entstehen oder immerhin eine erotische Anziehungskraft erwächst – das ist Stoff vieler romantischer Komödien mit einem erwartbaren und daher etwas langweiligen Happy End. Der Roman «Wo wir stolpern und wo wir fallen» beginnt mit einem Einbruch, bei dem ein junger Eindringling von der älteren Bewohnerin des Hauses überrascht wird: Er bedroht sie, verletzt sie, beraubt sie – währenddessen sich beide zunehmend zueinander hingezogen fühlen.

Wie dieser Roman sich weiterentwickelt, wie sein Autor aus dieser höchst verstörenden Zufallsbegegnung ein komplexes Stück Literatur voller verschiedenfarbiger Handlungsfäden strickt, ist weder erwartbar noch langweilig, sondern höchst lesenswert.

Der nigerianische Schriftsteller Abubakar Adam Ibrahim hat mit seinem Debütroman, der unter dem Titel «Season of Crimson Blossoms» erschienen ist, 2016 den wichtigsten Literaturpreis seines Landes gewonnen. Schon zwei Jahre zuvor war der heute Vierzigjährige, der als Kulturredaktor bei der Tageszeitung «Daily Trust» in Nigerias Hauptstadt Abuja arbeitet, zu den 39 vielversprechendsten AutorInnen Afrikas unter vierzig Jahren gewählt worden. Mit seinem Roman, der im muslimischen Norden Nigerias spielt, hat sich Ibrahim in die Riege zeitgenössischer SchriftstellerInnen Afrikas geschrieben, die für das weltweit wachsende Interesse an Literatur aus dem und über den Kontinent verantwortlich sind.

Eine schier unglaubliche Affäre

Während der österreichische Residenz-Verlag die deutschsprachige Ausgabe etwas klischeehaft als die Geschichte einer verbotenen Liebe bewirbt, die sich Konventionen einer traditionellen Gesellschaft widersetzt, hat Ibrahim auf den 350 Seiten noch viel mehr zu bieten. In ihrer – teilweise explizit beschriebenen – sexuellen Beziehung kompensieren die 55-jährige Witwe Binta und der dreissig Jahre jüngere Kleinkriminelle Reza unbewusst tief sitzende Verluste: Bintas Sohn Yaro, der in Rezas Alter wäre, ist von der Polizei erschossen worden. Wie die dortige Tradition es verlangte, durfte sie ihrem Erstgeborenen nicht offen ihre Liebe zeigen oder seinen Namen aussprechen – darunter leidet sie noch immer, genauso wie unter seinem Tod. Sie drängt Reza im Verlauf ihrer Beziehung immer wieder, die Schule abzuschliessen und sein Leben umzukrempeln. Reza wiederum fühlt sich von seiner Mutter im Stich gelassen und sucht eine Form von Bestätigung bei Binta, die ihn an seine Mutter erinnert.

Der Autor hat ein behutsames und intensives Buch geschrieben, in dem er ein breites Spektrum an Menschen verschiedenen Alters und aus unterschiedlichen Milieus beleuchtet, die er mit genauer Beobachtung in ihrer Vielschichtigkeit zu beschreiben weiss: Der junge Reza haust mit seinen Gangmitgliedern in einem verlassenen und heruntergekommenen Gebäude, stets auf der Hut vor der unberechenbaren Polizei, während er sich und seine Jungs für Geld in politische Intrigen verstrickt.

Binta lebt mit ihrer von gewalttätigen Auseinandersetzungen traumatisierten Nichte Fa’iza, die daran verzweifelt, dass das Gesicht ihres getöteten Bruders aus ihrer Erinnerung verblasst. Binta selbst ist eine devote Muslimin, eine sich sorgende Mutter und Grossmutter. Sie ist ein geachtetes Mitglied ihrer islamischen Gemeinschaft, bis Gerüchte über eine schier unglaubliche Affäre die Runde machen, die von allen verurteilt wird – wobei gerade diejenigen die grössten Steine werfen, die selbst im Glashaus sitzen. Binta ist eine Frau mit sexuellen Bedürfnissen, auf deren Erfüllung sie so lange gewartet hat und für die sie sich doch schämt, widersprechen sie doch sämtlichen Werten einer strengen muslimischen Gesellschaft.

Fehlende sprachliche Nuancen

Ibrahim gewährt einen Einblick in die nordnigerianische Gesellschaft der Haussa, der er selber auch angehört. Er erzählt seine Geschichte vor dem allgegenwärtigen Hintergrund von politischer Gewalt und Korruption und deren dauerhaften Folgen für den Einzelnen. Häufige Einschübe von Haussasätzen machen seine Erzählung noch unmittelbarer. Sie sind in einem Glossar erklärt. Während des Schreibprozesses, so der Autor in einem Interview mit dem Magazin «Johannesburg Review of Books», stelle er sich vor, dass seine Romanfiguren Haussa sprechen, die meistgesprochene afrikanische Sprache in Westafrika. «Das macht mir grossen Spass», erzählt er. «Ich fungiere dann als ihr Medium und übersetze die Figuren in eine andere Sprache. Denn Englisch ist eine Fremdsprache in Nordnigeria und eher die Ausnahme als die Regel.»

Der deutschen Übersetzung fehlen leider hin und wieder die sprachlichen Nuancen: An manchen Stellen wird sie der Feinsinnigkeit des englischen Originals nicht gerecht. Für den deutschen Romantitel, «Wo wir stolpern und wo wir fallen», hat der Verlag eines der nigerianischen Sprichwörter umgeschrieben, die Ibrahim jedem Kapitel voranstellt: «Sieh nicht dorthin, wo du gefallen, sondern dorthin, wo du gestolpert bist.» Binta und Reza stolpern über ihre Entscheidungen – ihr Fallen mitzuverfolgen, ist trotz aller Tragik ein grosser Lesegenuss.

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