Dschoint Ventschr : Bauchlandung nach Höhenflug

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Die renommierte Zürcher Filmproduktionsfirma steckt in finanziellen Nöten. Was bedeutet das für die Branche und für das Bundesamt für Kultur?

Die Nachricht kam überraschend: Die Züricher Filmproduktionsfirma Dschoint Ventschr stecke in finanziellen Schwierigkeiten und habe ihre fünf fest angestellten MitarbeiterInnen gekündigt, berichtete der «Tages-Anzeiger» am Montag, 1. Oktober. Eine harte Landung: Erst letztes Jahr wurde der von Dschoint Ventschr produzierte Film «Das Fräulein» von Andrea Staka in Locarno mit dem Goldenen Leoparden ausgezeichnet, und «Nachbeben» von Stina Werenfels erhielt den Zürcher Filmpreis. Dies sind nur zwei der unzähligen Spiel- und Dokumentarfilme, die Dschoint Ventschr seit 1994 produziert hat. Die Firma der FilmemacherInnen und ProduzentInnen Samir, Werner «Swiss» Schweizer und Karin Koch gilt landesweit als Talentschmiede, in der junge RegisseurInnen gefördert und innovative Projekte realisiert werden. Dschoint Ventschr möchte sich im Moment nicht zu der aktuellen Situation äussern, also hat sich die WOZ in der Schweizer Filmlandschaft umgehört.

«Die Situation von Dschoint Ventschr beunruhigt mich», antwortet Nicolas Bideau, Chef der Sektion Film des Bundesamtes für Kultur (Bak) auf Anfrage, denn das sei eine mutige Firma, die viel zur Kreativität des nationalen Filmschaffens beigetragen habe. «Gleichzeitig ist es in der Schweizer Filmlandschaft aber nichts Neues, dass eine Produktionsfirma, die sich zu hundert Prozent dem unabhängigen Filmschaffen verschrieben hat, mit finanziellen Problemen kämpft.»

Warum die und warum jetzt?

Für Thomas Tribolet, Sekretär des Schweizerischer Verbands der Filmproduzenten, dem auch Dschoint Ventschr angehört, war die Nachricht über die finanzielle Krise beim Zürcher Unternehmen ein Schock: «Man fragt sich, warum gerade Dschoint Ventschr und warum gerade jetzt, wo sie so erfolgreich waren.» Weniger überrascht hat die Nachricht den Regisseur und Produzenten Andres Brütsch von Topic Film AG: «Man konnte sich ausrechnen, dass Dschoint Ventschr finanziell in Schwierigkeiten kommen würde. Die Firma investierte in viele gute Projekte, die in Bern beim Bundesamt für Kultur jedoch meistens nicht oder nur teilweise durchkamen. Das hält auf die Dauer niemand aus.»

Über die letzten zwei Jahre wurden etwa zwei Drittel der von Dschoint Ventschr eingereichten Projekteingaben vom Bak abgelehnt. In der Filmbranche spricht man vom Dreisäulenmodell: Eine Filmproduktion wird mit Geldern von Kanton und Stiftungen, dem Schweizer Fernsehen und dem Bund finanziert. Der Bundesbeitrag soll in diesem Finanzierungsmodell der bedeutendste sein. Wenn dieser nicht oder nur teilweise zugesichert wird, ist die Durchführung des Projekts gefährdet. Dschoint Ventschr hat für nächstes Jahr kein einziges Projekt finanziell umfassend absichern können.

Ist also «Monsieur Cinéma» Bideau mit seiner Vergabepolitik Schuld an der Misere von Dschoint Ventschr? «Ein Bundesamt ist nicht für das Management einer Produktionsfirma verantwortlich», sagt Bideau auf diese Frage. Auch Tribolet und Brütsch sind sich einig, dass diese Interpretation allein zu kurz gegriffen ist. Ein Grundproblem sehen die beiden Produzentenvertreter darin, dass vom Bund allgemein zu wenig Geld für die Filmförderung zur Verfügung stehe. 2007 verfügt das Bak über 23,25 Millionen Franken für die Filmförderung, wovon 18,3 Millionen Franken für die Produktion eingesetzt werden kann.

Hilfe möglich?

Bideau sagt, er sei sich dieses Problems bewusst: «Wenn man sieht, wie klein die öffentlichen Mittel sind, die dem Filmschaffen zur Verfügung stehen, und wie eng die Grenzen des internen Markts sind, ist es immer riskant, nur auf Kinofilme zu setzen. Die meisten Zürcher Produktionsfirmen realisieren deswegen auch Auftragsfilme wie zum Beispiel Werbefilme.»

Wie eine Lösung für Dschoint Ventschr aussehen könnte, ist noch unklar. Er sei mit Samir im Gespräch, sagt Bideau, doch was die Unterstützung vonseiten des Bak angehe, hänge alles von den Projekten ab, die von Dschoint Ventschr präsentiert würden. «Unser Handlungsspielraum ist klar abgesteckt: Wir können die Situation finanziell nur über konkrete Filmprojekte beeinflussen, die von Dschoint Ventschr eingegeben und vom BAK unterstützt werden.»

In einem sind sich Bideau, Tribolet und Brütsch einig: Das Verschwinden von Dschoint Ventschr wäre ein herber Verlust für die Schweizer Filmlandschaft.