Nr. 04/2014 vom 23.01.2014

Überall herrscht Frieden, aber die Zufriedenheit lässt auf sich warten

Vor gut drei Jahren hat Ivo Kummer die Nachfolge von Nicolas Bideau als Chef der Sektion Film im Bundesamt für Kultur angetreten. Seitdem der ehemalige Direktor der Solothurner Filmtage im Amt ist, scheint in die Schweizer Filmszene Ruhe eingekehrt zu sein. Aber ist das tatsächlich auch besser? Die grösste Herausforderung steht Kummer noch bevor.

Von Nina Scheu

Ivo Kummer: «Wir produzieren nach wie vor rund siebzig Prozent Enttäuschte.»

Die Schweizer Filmschaffenden sind so produktiv wie nie zuvor. In den vergangenen Monaten kamen fast jede Woche neue Schweizer Filme in die Kinos. Das liegt nicht nur daran, dass es die technische Entwicklung leichter gemacht hat, Ideen filmisch umzusetzen. Ein wichtiger Grund ist auch die Erhöhung des Filmkredits des Bundes um je zweieinhalb Millionen Franken für vier Jahre – wovon allerdings der überwiegende Teil zu Beginn, im Jahr 2012, in die Digitalisierung der Kinos geflossen ist.

Neu sind seit 2012 auch die Förderkonzepte. Sie waren mit einem Jahr Verspätung in Kraft gesetzt worden. Zuvor hatten die Filmverbände monatelang um deren Ausgestaltung gerungen. Um die zerstrittenen VerfechterInnen der verschiedenen Modelle an einen Tisch zu bringen, wurde ein sogenannter Fazilitator berufen: Marc Wehrlin, Chef der Sektion Film des Bundesamts für Kultur (BAK) von 1995 bis 2005, erarbeitete mit den VertreterInnen verschiedener Filmverbände einen Kompromiss – die jetzt geltenden «Förderkonzepte 2012–2015».

In jene turbulente Zeit fiel auch die Ernennung des langjährigen Direktors der Solothurner Filmtage, Ivo Kummer, zum neuen Leiter der Sektion Film im BAK. Sein Vorgänger, Nicolas Bideau, Sohn eines bekannten Westschweizer Schauspielers und ein grosser Selbstdarsteller vor dem Herrn, war zu Präsenz Schweiz wegbefördert worden. Hier steht der frühere «Monsieur Cinéma» weniger im Zentrum von Kritik und Kontroversen. Denn letztlich hatte sich der Konflikt um die Förderkonzepte vor allem an der umstrittenen Person des Filmchefs entzündet.

Unterschiedliche Berufsauffassungen

Bideaus Ernennung war 2005 zunächst mit Wohlwollen quittiert worden. Doch die Stimmung schlug rasch um: Seine von Bundesrat Pascal Couchepin übernommene Forderung nach «qualité et popularité» und die Theorie, dass es starke, beim grossen Publikum erfolgreiche «Lokomotiven» brauche, um das Schweizer Filmschaffen aus dem Dreck zu (er)ziehen, wurde von vielen Filmschaffenden so verstanden, dass der Filmchef nur noch den gefälligen Mainstream fördern wolle. Und dass er das tendenziell für ein kleineres Publikum interessante AutorInnenkino nicht nur miss-, sondern gänzlich verachte.

Die «Lokomotiven»-Theorie spaltete die Filmschaffenden in zwei Lager. Überspitzt ausgedrückt kann man sagen, dass jene, die um das jahrelang erkämpfte Ansehen für den AutorInnenfilm und damit auch um ihre Werte fürchteten, einer eher jüngeren Generation von Regieführenden, AutorInnen und vor allem ProduzentInnen gegenüberstanden. Diese bekundeten weniger Scheu vor massentauglicher Unterhaltung und verstanden die Filmproduktion losgelöst von der traditionellen AutorInnenschaft. Es waren zuerst unterschiedliche Berufsauffassungen, letztlich aber die zunehmend gehässiger geführten Streitereien, die in der Ära Bideau die Produzentenverbände spalteten und schliesslich 2009 zur Gründung der Interessengemeinschaft unabhängiger Schweizer FilmproduzentInnen (IG) führten.

Gut drei Jahre lang waren die Schlammschlachten unter den Filmschaffenden und mit der Sektion Film ein Dauerthema in den Medien. Mit der Wahl von Ivo Kummer zum neuen Sektionsleiter 2011, aber auch mit dem Einsetzen der «Förderkonzepte 2012–2015» wurde es plötzlich still. Wenn man nachfragte, lautete die Antwort vielerorts, man habe genug von den andauernden Streitigkeiten um die Filmpolitik und wolle in Ruhe Filme machen. So plötzlich, wie der Konflikt damals ausgebrochen war, so plötzlich schien das Kriegsbeil wieder begraben.

Kaum mehr als zwei Wochen im Kino

Wenn es also bei der Wahl Ivo Kummers zum Nachfolger von Nicolas Bideau tatsächlich um eine Art kultureller «Appeasement-Politik» gegangen ist, dann sieht es zumindest für Aussenstehende so aus, als sei diese geglückt: Die Filmschaffenden sind besänftigt worden, Kritik am BAK wird nur noch selten und dann auch längst nicht mehr so aggressiv geäussert wie noch vor drei, vier Jahren. Anfangs wollte man dem neuen Filmchef wohl auch Zeit lassen, in seine Aufgaben hineinzuwachsen, und auch die Kritik an den neuen Förderkonzepten hielt sich in Grenzen, zumal man sie ja über weite Strecken selbst erarbeitet und zu verantworten hatte. Die Schonzeit dürfte aber bald vorbei sein, denn die neue Kulturbotschaft und mit ihr die Ausarbeitung der Filmförderkonzepte 2016 rückt allmählich in Sichtweite.

Inzwischen hat sich denn auch vieles und vieles zum Besseren verändert. So kam es – teils gewollt, teils wohl weniger – zu einigen personellen Wechseln in der krisengeschüttelten Sektion. Das ist beim Bund zwar weniger an der Tagesordnung als nach einem Intendantenwechsel am Theater, aber jeder Chefwechsel ist immer auch eine Chance, anderswo neu anzufangen. Ivo Kummer hatte das Geschick oder auch das Glück, die frei werdenden Stellen in der Abteilung Filmförderung mit Susa Katz und Karin Vollrath besetzen zu können, zwei beliebten, kompetenten Fachfrauen, die bestens in der Schweizer Filmszene vernetzt sind.

Schwieriger ist es mit der Umsetzung der erarbeiteten Förderkonzepte. Das in der Filmbranche heftig umstrittene Rotationsprinzip in den Kommissionen der selektiven Förderung konnte aus verwaltungsorganisatorischen Gründen nie so umgesetzt werden wie ursprünglich geplant. Statt über sechzig stets wechselnde Kommissionsmitglieder aus der Filmbranche sind es jetzt nur knapp halb so viele, die über die Projekte der KollegInnen urteilen. Und weil Filmschaffende gut vernetzt und häufig in eigene Projekte involviert sind, ist es sehr schwierig, wirklich unabhängige Gremien zusammenzustellen, in denen keine Interessenverbindungen zu den Eingaben bestehen.

Ausserdem wurde die erfolgsabhängige Förderung (Gelder, die mit Kinoeintritten und Festivaleinladungen «verdient» werden und in neue Produktionen investiert werden müssen) weniger stark ausgebaut, als ein grosser Teil der Filmbranche es gewollt hätte. Selbst ein Spielfilm wie «L’enfant d’en haut» (2012) von Ursula Meier, der allein schon wegen seiner Auszeichnung an der Berlinale von grossen Summen aus dem neu eingeführten Succes Festival profitiert, ermöglicht seinen ProduzentInnen nur die Finanzierung für die Entwicklung eines Nachfolgeprojekts. Um genügend Geld für dessen Herstellung zu erhalten, muss aber auch hier wieder der Spiessrutenlauf durch die selektiven Förderkommissionen angetreten werden.

Auch die zunehmende Zahl der Gesuche und die schliesslich fertiggestellten Filme bereiten Sorgen. Die meisten halten sich kaum länger als ein, zwei Wochen in den Kinos. Und der gesteigerte Output bei gleichzeitig steigenden Kosten bedeutet letztlich, dass immer weniger Geld für jeden Einzelnen übrig bleibt. Und im Kampf um den Futternapf waren die Kulturschaffenden am Ende nie zimperlich.

Es gäbe also durchaus Stoff für Diskussionen und sogar Konflikte. Ist es wirklich nur so, dass man des Streitens müde ist? Oder getraut man sich nicht, Kummer auf den Schlips zu treten, weil man seinen Einfluss fürchtet?

Zu viele Schweizer Filme

Wer den Sektionsleiter in seinem Büro besucht, erhält nicht den Eindruck, dass man sich vor ihm fürchten müsste. Die Stimmung ist entspannter als zu Zeiten seines Vorgängers, auch wenn die Arbeit sicher nicht weniger geworden ist: 442 Gesuche mussten 2011 behandelt werden, erzählt Ivo Kummer, 2013 waren es bereits 566. Gefördert wurde jeweils ein gutes Viertel der eingegebenen Projekte. Die Fördergelder verteilen sich also tatsächlich auf mehr Filme und sind im Einzelfall, trotz der Erhöhung des Filmkredits, nicht höher geworden – ganz im Gegensatz zu den Lebenshaltungskosten, den Löhnen und den Kosten der Technik. Ivo Kummer bedauert denn auch: «Wir produzieren nach wie vor rund siebzig Prozent Enttäuschte.» Das macht ihm zu schaffen – er war schon immer lieber ein Ermöglicher als ein Verhinderer.

Um die verfahrene Stimmung in der Filmbranche zu verbessern, hat Ivo Kummer zahlreiche Massnahmen ergriffen. Er besuchte sämtliche Generalversammlungen der Verbände und lädt deren PräsidentInnen viermal jährlich zu einer Konferenz ein, bei der offene Fragen und Probleme besprochen und gemeinsam Lösungen gesucht werden können. Auch mit den verschiedenen Förderinstitutionen – Stiftungen, Kantonalbehörden und Förderverbänden – trifft er sich zweimal im Jahr zum informellen Austausch. Wichtig ist ihm die offene und sachliche Diskussion. Dass es weiterhin Differenzen gibt, findet er selbstverständlich. So unterscheiden sich beispielsweise die Ideen der IG immer noch fundamental von den gegenwärtig gültigen Förderkonzepten und Verordnungen.

Warten auf die Evaluation

Auch die Mitglieder der IG ziehen das konstruktive Gespräch der Konfrontation vor. Überhaupt hört man auf allen Seiten zahlreiche ähnliche Argumente. Man ist sich einig, dass zu wenig Geld für Grossprojekte im Spielfilmbereich vorhanden ist, was immer häufiger zu krassen Sparmassnahmen bis hin zur (Selbst-)Ausbeutung führt. Man kritisiert das geschrumpfte und komplizierte Rotationsprinzip und dass die Kommissionen zu wenig Verantwortung tragen – und dass tatsächlich zu viele Schweizer Filme für unseren vergleichsweise kleinen Markt in die Kinos kommen. Dabei sind sich alle bewusst, dass Filme heute ganz anders konsumiert werden als noch vor fünf Jahren. Die Auswertung wird in Zukunft weniger in den Händen der Verleiher und der Kinos liegen als bei den Streamingangeboten.

Gespannt warten alle auf die externe Evaluation der jetzigen Filmförderkonzepte, die dem Prozess zur Ausarbeitung der Konzepte 2016 vorausgehen soll. Sie erst wird zeigen, wo allenfalls im Rotationsprinzip der Wurm steckt und ob die Erhöhung der erfolgsabhängigen Filmförderung den erhofften Schwung in die Projektentwicklungen gebracht hat. Derweil scheinen sich die Verbände wieder zu formieren. Doch während es beim letzten Mal die AutorenfilmerInnen waren, die gegen mögliche Interessenkonflikte in den Kommissionen protestierten, sind es nun die VertreterInnen der Interessengemeinschaft unabhängiger Schweizer FilmproduzentInnen. So läuft derzeit eine derartige Beschwerde des IG-Produzenten Thierry Spicher, der seinerseits einst von anderen Verbänden der Interessenbindung bezichtigt worden war.

Dem mittlerweile gut etablierten Filmchef, dessen erstes Projekt es war, die Filmszene zu befrieden, steht nach einem sicherlich anstrengenden Einstieg seine grösste Herausforderung noch bevor: Ivo Kummer muss auf dieser noch recht wackeligen Grundlage die Erneuerungen der Filmkonzepte nicht nur an die Hand nehmen, sondern sie gemeinsam mit allen Filmschaffenden auch so gestalten, dass sie den technologischen, gesellschaftlichen und kulturpolitischen Veränderungen der nächsten Jahre gerecht werden können. Das wird alles andere als einfach sein.

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