Nr. 44/2007 vom 01.11.2007

Zu kurz Gekommene wählen rechts

Von Susan Boos

«Die Macht der einen braucht die Dummheit der andern», schrieb einst der Theologe Dietrich Bonhoeffer. Es lohnt sich, Bonhoeffer zu lesen, wenn man versucht, die Wahlergebnisse zu verstehen.

Die SVP ist die gefeierte Siegerin. Die SP hat verloren. Doch wer hat wen gewählt? Die Wahltagsbefragung, die das gfs-Forschungsinstitut Ende vergangener Woche publizierte, gibt einige ernüchternde Antworten. Die Medien werfen der Linken vor, sie habe die heiklen Tabuthemen wie das «Ausländerproblem» und die «Jugendkriminalität» zu wenig beachtet. Die Befragung der WählerInnen zeichnet jedoch ein anderes Bild: Die SP hat marginal an die SVP verloren, die grosse Mehrheit wechselte zu den Grünen, einige wenige zu den Grünliberalen.

Auffallend ist jedoch der Befund auf der SVP-Seite: Am massivsten legte sie bei älteren Personen zu, bei Nichterwerbstätigen, bei Menschen mit schlechter Ausbildung und einem Einkommen von unter 3000 Franken und in ländlichen Gebieten. Vereinfacht ausgedrückt: Arbeitslose, RenterInnen, IV-BezügerInnen und schlecht Ausgebildete wählen SVP. Sie tun das nicht, weil sie blöd wären. Oder wie Bonhoeffer feststellte: «Der Vorgang ist dabei nicht der, dass bestimmte - also etwa intellektuelle - Anlagen des Menschen plötzlich verkümmern oder ausfallen, sondern dass unter dem überwältigenden Eindruck der Machtentfaltung dem Menschen seine innere Selbstständigkeit geraubt wird und dass dieser nun - mehr oder weniger unbewusst - darauf verzichtet, zu den sich ergebenden Lebenslagen ein eigenes Verhalten zu finden.»

Das führt zum irritierenden Wahlsieg der Rechten: Ausgerechnet die WählerInnen stellen sich gegen die Linke, für die die Linke eigentlich kämpft - dass die AHV nicht ausgehöhlt, das Rentenalter flexibel gestaltet, die IV-Renten nicht abgebaut und Pensionskassen nicht geplündert werden.

Gleichzeitig wird die SP von den Medien für ihren schlechten Wahlkampf gescholten; derweil die SVP mit ihrem hetzerischen, demagogischen Wahlkampf die Medien okkupierte und noch niemand darlegen konnte, wie diesem Wechselspiel erfolgreich begegnet werden kann. Mit primitivster Propaganda macht sie die Leute zu ihren WählerInnen, gegen die sie politisiert. Die, die fühlen, dass sie zu kurz kommen, wählen den Milliardär.

Ein Widerspruch, der sich nur durch die Macht der Macht erklären lässt. Oder wie Bonhoeffer es ausdrückte: Bei genauerem Zusehen zeige sich, «dass jede starke äussere Machtentfaltung, sei sie politischer oder religiöser Art, einen grossen Teil der Menschen mit Dummheit schlägt. Ja es hat den Anschein, als sei das geradezu ein soziologisch-psychologisches Gesetz.»

Noch sind über siebzig Prozent der WählerInnen diesem Gesetz nicht erlegen. Und die zu kurz Gekommenen müssten ihre «innere Selbständigkeit» wieder erlangen - was aber sicher nicht über die sogenannten Tabuthemen zu erreichen sein wird.

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