Nr. 48/2007 vom 29.11.2007

Das Lifestyledefizit

Die Wirtschaftslobby jammert. Mit Hintergedanken.

Von Linda Stibler

«Lebensqualität» heisst eine Studie, die metrobasel (ein Kind von Basel Economics BAK) letzte Woche mit einigem Aufwand der Öffentlichkeit vorgestellt hat respektive an einem «Panel», zu dem 400 Wirtschaftsleute und Politiker geladen waren, diskutieren liess. Zudem wurde eine Broschüre weitherum gestreut - gratis verteilt in lokalen Zeitungen der Region, auch im benachbarten Ausland und nicht zuletzt in der «Basler Zeitung», der Mitherausgeberin des Hefts; sie hat der Studie gleich noch die Frontseite der Tageszeitung gewidmet.

Lebensqualität - in der Tat ein aktuelles Thema! Doch wussten Sie, dass Basel «zu wenig Glamour» hat? Die Stadt ist nicht «on the top», kein Ort für Grossverdiener, bestbezahlte Fachkräfte, hochqualifizierte Forscher im Dienste von Industrie und Wirtschaft, finanzstarke Konsumenten und Steuerzahler. «Die können nämlich ihr Wirkungsfeld auf der ganzen Welt auswählen», so der Autor der Studie, «die sind nicht auf Basel angewiesen.» Die weltweit erfolgreiche Basler chemische Industrie könnte ihnen zwar bestbezahlte Stellen anbieten. Doch der Wohnort sei nicht attraktiv genug, jammert auch die Leiterin von «Staffing Basel» (englischer gehts nimmer) von der Chemiefirma Roche.

Die Studie stützt sich auf die Aussagen von 200 ausländischen Fachkräften. Diese bemängeln, dass Basel «grosse Defizite im Lifestyle» habe. Das Nachtleben sei todlangweilig, es gebe keine grossen Events. Die Läden seien nachts nicht offen. Es gebe viel zu wenig «schicke Wohnungen im Grünen» für Familien mit Kindern. Es sind keine Schulen da für die Elite-Kinder. Und schliesslich auch kein passendes Stellenangebot für die Ehefrauen und Partnerinnen der Topkräfte.

Also, liebes Basel, liebe Politikerinnen und Politiker, ihr sollt dafür sorgen, dass Basel endlich eine «vibrierende urbane Stadt wird», wenn ihr nicht mehr von Genf und Zürich ausgestochen werden wollt. Mut! Nehmt etwas Geld zur Hand, auch wenn die umworbenen Steuerzahler draussen im Grünen wohnen sollten und in einem andern Kanton Steuern bezahlen - oder gar im benachbarten Ausland. Nehmts nicht so genau, sonst könnte es gar passieren ... Nein, da drohen wir vorerst noch nicht.

So tönte jedenfalls die mediale Begleitmusik zur Veröffentlichung dieser Studie. Was allerdings die Lebensqualität betrifft, dürften die Meinungen beim Publikum auseinandergehen. Die weniger Betuchten in dieser Stadt könnten etwas anderes damit meinen. Doch um ihre Anliegen geht es nicht. Es geht um die «metropolitane Region Basel» - was immer man sich darunter vorstellt - und um einen harten Konkurrenzkampf mit andern europäischen Städten. Um den Spitzenplatz. Da genügt kein fünfter Rang, auch wenn man zugeben muss, dass Basel eigentlich attraktiv ist und eine nette Umgebung hat. Aber vielleicht geht es vielmehr darum, Grossstadtträume zu wecken, um damit den Widerstand gegen umstrittene Vorhaben - zum Beispiel Mustermesse-Neubau, Roche-Hochhaus, Novartis-Campus - im Voraus zu brechen.

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