Nr. 49/2007 vom 06.12.2007

Knochenbrüche, Kollaps und Koma

Er sprang über fünfzig Autos, über dreizehn Busse, in eine Schlangengrube und eine Schlucht hinab. Im Alter fand der legendäre Stuntman Evel Knievel zu Gott.

Von Mario Hipleh und Daniel Ryser

In seinen grössten Tagen, so geht die Legende, kippte Evel Knievel Motorenöl in seinen Lieblingsdrink. Er wurde 1938 als Robert Craig Knievel in Butte, Montana, USA, geboren. In Butte lebt er noch immer. Sie hassten ihn. Er war der Pickel auf Buttes Gesäss, heute benennen sie Strassen nach ihm, dem legendären Stuntman. Knievel arbeitete in den Fünfzigern, vor seiner Stuntmankarriere, für eine Diamantenbohrfirma. Er verunfallte mit einem Bagger und zerstörte die Stromleitung. Ganz Butte war für Stunden ohne Strom. Heute gibt es in Butte den Evel Knievel Loop, das ist die Strecke, auf der Knievel nach einem Diebstahl vor der Polizei flüchtete und dann verhaftet wurde. Im Gefängnis sagte der Wachmann: «Wen haben wir denn da? Evil Knievel!» So kam er zu seinem Namen, er machte später aus dem «Evil» ein «Evel», er wollte wild sein, aber nicht böse. Er war mit fünfzehn von der Schule geflogen und Armwrestler geworden, dann Rodeoreiter. Nach einem kurzen Besuch der Armee gründete er ein Eishockeyteam, die Butte Bombers. 1960 liess er sein Team gegen das Olympiateam der ehemaligen Tschechoslowakei antreten und verschwand während des Spiels mit den Vereinbarungen und Quittungen der Gäste, weil er sie nicht bezahlen konnte.

Er wurde Jäger und gründete den «Sure-Kill-Jagdservice»: Der Kunde durfte bestimmen, was vor die Flinte kommen sollte, und Jäger Knievel gab dafür die Garantie: das richtige Tier oder Geld zurück! Es war ein einträgliches Geschäft, bis jemand herausfand, dass Knievels Jagdtouren in den Yellowstone National Park führten. Nach einer kurzen Karriere als Versicherungsvertreter ging er 1964 auf Einbrechertour: Er arbeitete sich mit einer Diebesbande durch die USA, sie brachen in Läden und Banken ein. Der Chef der Bande wurde zu fünfzehn Jahren Gefängnis verurteilt, Knievel kam ungeschoren davon, weil er frühzeitig abgesprungen war. Er war der Safeknacker gewesen.

Auch seine Karriere als Verkäufer von Honda-Motorrädern währte nur kurz. Knievel bot zwar an, dass jeder, der ihn im Armdrücken schlage, hundert Dollar Rabatt bekomme. Doch das Geschäft ging Konkurs. Kein echter Amerikaner wollte knapp zwanzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs einen Japaner fahren.

Sein erstes eigenes Motorrad kaufte Knievel mit Geld aus einem Einbruch in das lokale Gerichtsgebäude. Er gründete die Daredevil Show (Draufgängershow) und sprang über einen Löwen und eine Schlangengrube. Eines Tages verunfallte er und krachte mit dem Motorrad in die Schlangengrube. Er habe mit den Schlangen gerungen und eine von ihnen erlegt, sagt die Legende.

Ein Boxkampf in Las Vegas brachte ihn auf eine neue Idee, die ihn berühmt machen sollte und in der Ruhmeshalle für spektakuläre Motorradunfälle gleich fünfmal auftaucht: der Sprung über den Springbrunnen vor dem «Caesar’s Palace», dem legendären Hotel in Las Vegas. Dort war man nicht begeistert.

Daraufhin gab sich Knievel als ABC-Journalist aus, rief im «Caesar’s Palace» an und erkundigte sich, wann denn endlich der spektakuläre Sprung dieses Stuntmans stattfinde. Das «Caesar’s» erwartete ein Medienspektakel und engagierte Knievel. Ein befreundeter Regisseur und seine Frau filmten den Wahnsinn (Knievel konnte die Bänder später für ein Vermögen verkaufen). Der Sprung zu Neujahr 1968 über diverse Autos und den Springbrunnen - fünfzig Meter durch die Luft -, war tatsächlich spektakulär. Über Nacht wurde Knievel ein Star, eine Legende - mit Knievel-Puppen verdiente er ein Vermögen. Las Vegas wollte ihn als Touristenattraktion engagieren. Er selbst bekam von dem ersten grossen Rummel zuerst nichts mit: Bei der Landung stürzte er schwer und lag 29 Tage im Koma.

Als er aufwachte, verkündete er, über den Grand Canyon springen zu wollen. Ein Gericht verbot es. Also entschied er sich, über den Snake Canyon zu springen, eine Schlucht in der Nähe von Butte. Er heuerte einen Nasa-Ingenieur an, der ihm ein Motorrad mit Raketenantrieb bauen sollte. Die beiden Testläufe schlugen fehl.

Knievel war vom dritten Entwurf so überzeugt, dass er sagte, es brauche keine weiteren Tests mehr. Er setzte zum Sprung an, das war 1974. Dem Sprung war jahrelanges Werben vorausgegangen. Der Raketenantrieb zündete und erzeugte einen solchen Rückschlag, dass Knievel ohnmächtig wurde, er kollabierte regelrecht, «und als ich zu mir kam, merkte ich, dass durch den Rückstoss der Fallschirm bereits vor dem Sprung statt erst bei der Landung aufging». Das Motorrad bremste, verlor massiv an Geschwindigkeit; und statt den Canyon zu überspringen, krachte es spitzengerade in ihn hinunter. Knievel knallte in einen Fluss. Und überlebte. Er sprang in London über dreizehn Busse und in Los Angeles über fünfzig Autos. Das ist immer noch Weltrekord. Inzwischen ist sein Sohn Robbie in seine Fussstapfen getreten mit nicht weniger waghalsigen Stunts.

Es heisst, Knievel habe wild gelebt, er habe jährlich 30 Millionen Dollars verdient und 31 Millionen ausgegeben. Evel bezahlte mit seiner Gesundheit. Er hatte 38 Knochenbrüche und litt bereits mit fünfzig an schwerer Arthritis. Als er bei einer der zahlreichen Operationen mit Hepatitis C infiziert wurde, soff er so lange weiter, bis sie ihm eine neue Leber einbauten. «Ich liebe die Frauen und das Adrenalin und den Wahnsinn», sagte er immer. «Ich habe mit zweitausend Frauen geschlafen», sagte er auch. «Es gibt keinen Gott.» Auch das sagte er immer. Bis zum April 2007. Da zeigte er sich plötzlich geläutert. Knievel entwirft statt Motorrädern heute Scooters - dreirädrige, PS-arme Motorräder für Gehbehinderte. Er trinkt nicht mehr, «höchstens mal ein alkoholfreies Bier», und sagt: «Ich habe fünfzig Jahre lang Gott und Jesus abgeschworen, jetzt habe ich zu ihnen gefunden.» Manche, die geradezu dafür prädestiniert gewesen wären, mit einem lauten Knall abzutreten und für immer jung und wild zu bleiben, überleben trotzdem.

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