Nr. 01/2008 vom 10.01.2008

Keiner zu arm, keine zu seltsam

Erinnerungen an eine Zusammenarbeit mit einem, der für andere sprach.

Von Bettina Dyttrich

Es wäre ein Fest ganz nach Daniele Jennis Geschmack gewesen. Am 30. Dezember füllte sich der Dachstock der Berner Reitschule mit Menschen. Die Plätze an den Tischen reichten nicht für alle. Autonome standen neben Stadträtinnen, Kinder neben Grauhaarigen. Auch ein paar Betrunkene und Verrückte waren da. Es gab gutes Essen und laute Musik. Nur die Reden wären für Danieles Geschmack wohl etwas zu traurig gewesen.

An diesem Abend nahmen wir Abschied vom 58-jährigen Anwalt – oder Fürsprecher, wie es in Bern bis heute heisst. Einer, der für andere spricht, war Daniele Jenni tatsächlich. Und niemand war ihm dafür zu arm, zu jung, zu randständig oder zu seltsam. Jetzt waren sie alle wieder da, standen Schlange vor seinem Kondolenzbuch.

Umstellt von Wasserwerfern

Ich lernte Daniele Jenni an einem sehr unangenehmen Ort kennen: im sogenannten Landquarter Kessel nach der bewilligten Churer Anti-Wef-Demo am 24. Januar 2004. Schon vorher waren wir oft an den gleichen Demos gewesen, aber hier, umstellt von Wasserwerfern und PolizistInnen, kamen wir erstmals ins Gespräch. Den meisten sass der Schock noch in den Knochen, nachdem die Polizei plötzlich ohne Vorwarnung auf uns losgestürmt war und uns mit Knüppelschlägen, Gummischrot und Tränengas über die Gleise auf den Bahnhofplatz getrieben hatte. Daniele Jenni hingegen schien völlig ungerührt. Noch in Landquart begann er telefonisch den Protest gegen das Vorgehen der Polizei zu organisieren. In Polizeikesseln landete er regelmässig: Er kämpfte nicht nur juristisch für die Grundrechte, sondern auch als Bürger, der diese Rechte selbst ausüben wollte.

Später vertrat Daniele 36 Personen, darunter sich selbst und mich, in einer Klage gegen den Kanton Graubünden und die beteiligten Polizeien wegen einer ganzen Reihe von Straftatbeständen, von Freiheitsberaubung über Gefährdung des Lebens bis Beschimpfung. Er sprach an Veranstaltungen und Pressekonferenzen, schrieb diverse Stellungnahmen, begleitete zweimal Kläger­Innen zur Einvernahme nach Chur, telefonierte und mailte herum, verschickte viele Briefe und betrieb überhaupt einen grossen Aufwand mit allem, was zu einer Anzeige gehört.

Als das Verfahren eingestellt und auch Danieles Beschwerde gegen die Einstellung abgeschmettert worden war, listete er – nicht ohne abzuklären, ob es einen Sinn hätte, die Sache ans Bundesgericht weiterzuziehen – fein säuberlich den Aufwand auf, den er gehabt hatte. Und berechnete ein Honorar von 100 Franken pro KlägerIn. Dazu kamen die Verfahrenskosten, das ergab Fr. 158.35 pro KlägerIn. Die 35 Rappen rundete Daniele ab.

«Ein wacher, sperriger Mann»

Auch wenn die WOZ etwas von ihm wollte, war Daniele immer da, nahm druckreif Stellung und erklärte mit einer unglaublichen Geduld rechtliche Zusammenhänge. Die Gesetzbücher schien er auswendig zu kennen. Und wenn in Winterthur oder St. Gallen Veranstaltungen gegen den geplanten Wegweisungsartikel stattfanden, den er in Bern schon lange (und bis vor Bundesgericht) bekämpfte, reiste er selbstverständlich an und diskutierte mit.

Im Dezember sammelten wir in der WOZ offene Fragen. Wir wollten statt eines Jahresrückblicks Fragen stellen – vor allem solche, die sich nicht beantworten liessen. Mir ging aber immer wieder eine beantwortbare Frage im Kopf herum: Wie geht es Daniele Jenni? Wie hat er diesen Herbst überstanden? Wie viele Morddrohungen hat er bekommen, wie oft ist er angepöbelt worden, nachdem er als Hauptverantwortlicher für die Krawalle am 6. Oktober hingestellt worden war?

Die Idee mit den offenen Fragen ging im Trubel nach der Blocher-Abwahl unter. Und ich kam nicht mehr dazu, Daniele anzurufen und ihm meine Fragen zu stellen, die auch ein Zeichen sein sollten für ihn, dass zumindest noch eine Zeitung hinter ihm steht. Eine Woche später war er tot.

Gestern bekam ich zufällig eine «Süddeutsche Zeitung» vom 20. Oktober in die Hände. Am Wochenende der Nationalratswahlen schrieb Holger Gertz darin über den Wahlkampf, über weisse Schafe und Kandidaten mit schwarzer Hautfarbe, und er beschrieb Daniele Jenni für die LeserInnen in Deutschland, die seinen Namen nicht kannten: «Jenni ist eindeutig ein Original, kugelrund, mit mächtigem Bart; ein irgendwie aus der Zeit gefallener Typ, wie man ihn in Deutschland nur noch in alten Nachrichtensendungen sieht, wenn von den Anfangstagen der Grünen berichtet wird. Aber er ist ein sehr wacher, sperriger Mann, der sich einsetzt und aufsteht gegen das grosse Übel und auch das kleinere.»

Das kleinere Übel, das war für Danie­le zum Beispiel die Säule auf dem Berner Kornhausplatz, die die Tage bis zur Euro 08 zählt. Panzersperre nannte er sie. «Jenni findet, die Säule verschandle den Platz. Er will dagegen vorgehen. Gegen etwas vorzugehen ist ein Leitmotiv seines Lebens», schrieb ­Gertz. Jetzt hat die Säule Daniele überlebt. Und ist nur eines von vielen Zeichen dafür, wie sehr er uns fehlen wird.

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