Nr. 05/2011 vom 03.02.2011

Berge und Bauern, ist das der Schweizer Spielfilm?

Die 39-jährige Zürcher Filmemacherin Anna Luif landet trotz dramatischem Stoff unweigerlich bei der Komödie und zeigt sich nach ihrem Besuch an den 46. Solothurner Filmtagen zuversichtlich, dass vieles in der Filmbranche besser wird – die Drehbücher zum Beispiel.

Von Jan JirátMail an AutorIn (Interview) und Ursula Häne (Foto)

Anna Luif: «Ich träume nicht von Hollywood. Höchs­tens von den Schauspielern.»

WOZ: Vergangene Woche sind die 46. Solothurner Filmtage zu Ende gegangen. Sie haben das Festival, an dem auch ihr jüngster Film «Madly in Love» gezeigt wurde, besucht. Wie war es?
Anna Luif: Es hat mir sehr gut gefallen. Ich habe dieses Jahr erstmals ganz bewusst den filmpolitischen Teil miterlebt. Die Diskussion um die künftige Verteilung der Fördergelder etwa. Nach den zuletzt schwierigen Jahren unter dem ehemaligen Filmchef Nicolas Bideau ist wieder ein positives Gefühl spürbar. Ausserdem habe ich realisiert, dass Solothurn auch ein Publikumsfestival ist. Mein Film «Madly in Love» lief am frühen Montagnachmittag in der «Reithalle». Ich dachte: «Danke schön für den tollen Platz im Programm. Das Kino wird leer sein.» Es sind aber viele Leute gekommen. Das hat mich gefreut.

Sie waren in der Auswahlkommission für die diesjährigen Filmtage.
Ja, ich habe einen Grossteil der Filme angeschaut, die eingeschickt wurden. Es waren gesamthaft über 600. Ich habe dadurch einen guten Überblick über das aktuelle Schweizer Filmschaffen erhalten.

Berge, Bauern, Dörfer und Folklore. Stimmt dieses Klischee über den Schweizer Film?
Die Häufung dieser Themen ist tatsächlich krass. Ich kann es mir nicht erklären, aber vielleicht haben viele hiesige Filmschaffende das Gefühl, das Publikum wolle Filme mit diesen Themen sehen.

Was waren die Highlights unter den eingeschickten Filmen?
Ich habe ein paar spannende Dokumentarfilme gesehen. «Beyond this Place» von Kaleo La Belle hat mir gefallen. Eine Vater-Sohn-Geschichte, in der es ums Velofahren, um Drogen und Spiritualität geht. «Good Night Nobody» von Jacqueline Zünd habe ich vom Thema und von den Bildern her auch sehr spannend gefunden. Es geht um Menschen, die nicht mehr schlafen können. Der Film begleitet diese Menschen durch ihre schlaflosen Nächte [vgl. das Interview mit Bruno Ganz].

Ivo Kummer, der Direktor der Solothurner Filmtage, hat in einem Gespräch mit der WOZ kürzlich gesagt, es gebe in der Schweiz zu wenig gute Drehbücher für Spielfilme. Teilen Sie – als Drehbuchautorin und Spielfilmregisseurin – diese Einschätzung?
Ja, das ist so. Unter Bideau war die Anzahl der geförderten Drehbücher zu klein. Das ist der falsche Weg. Es braucht mehr Drehbücher. In Hollywood läuft es so: Hundert Drehbücher führen zu zehn Filmen, und einer davon wird ein Erfolg. Das ist eines der wenigen Gesetze innerhalb der Branche. Deshalb ist es zentral, wieder mehr in Drehbücher zu investieren, zumal das ja nicht der teure Teil im Entstehungsprozess eines Filmes ist. Es braucht mehr Autoren, die zu guten Bedingungen arbeiten können. Dann werden auch die Drehbücher besser.

Wie schreiben Sie ein Drehbuch?
Ich arbeite gerne im Team. Meinen ersten langen Spielfilm «Little Girl Blue» habe ich mit Micha Lewinsky zusammen geschrieben, «Mad­ly in Love» mit Eva Vitjia. Ich brauche diesen Austausch. Er hilft, die Dialoge zu verfeinern und die Figuren glaubwürdig zu gestalten. Für mich ist das Drehbuchschreiben klar der schwierigste Teil beim Filmemachen.

Und wo holen Sie Ihre Ideen her?
Aus meinem eigenen Leben. Momentan schreibe ich an einem Drehbuch über Eifersucht in einer Beziehung.

Das klingt nach Drama.
Nein, eben nicht. Ich will kein Drama: Tot und todunglücklich dürfen oder müssen die Figuren schon sein, aber nicht als Drama erzählt, sondern als Komödie. Bei «Drama» sträubt sich etwas in mir. Ich entscheide mich nicht bewusst, eine Komödie zu schreiben, es passiert einfach. Vielleicht hängt das mit meiner optimistischen Lebenseinstellung zusammen. Und ich möchte mit meinen Filmen die Leute unterhalten, sie zum Lachen bringen. Gleichzeitig müssen sie wehtun wie bei Woody Allen.

Sie haben Hollywood erwähnt, jetzt Woody Allen. Sind die USA ein Traumziel für Sie?
Ich träume nicht von Hollywood. Höchs­tens von den Schauspielern. Einmal mit Meryl Streep oder mit Julianne Moore zusammen­arbeiten. Beide haben keine Angst vor Hässlichkeit. Das finde ich grandios.

Sind Schauspieler in der Schweiz oder in Deutschland weniger talentiert?
Das kann man so nicht sagen. Es gibt auch hier Ausnahmetalente. Aber Hollywood ist schon die Spitze – bei den Schauspielern, den Drehbuchautoren und den Regisseuren. «The Kids are Alright» ist einfach ein tollerer Film als «Zweiohrküken» oder «Madly in Love».

Der Schweizer Spielfilm sei zu wenig subversiv und politisch, lautet ein Vorwurf an die Branche. Können Sie den Spruch noch hören?
Er lässt mich kalt. Jeder soll so politisch sein, wie er es für richtig hält. Ich kann diese Sehnsucht nach einer Bewegung oder einem Diskurs in der Branche nachvollziehen, aber solche Dinge sind nicht planbar. Die «Nouvelle Vague» entstand aus den damaligen Zeitströmungen heraus und nicht, weil jemand einen Plan hatte. Für mich selbst bietet ein Film von Woody Allen oder Billy Wilder, der mir menschliche Probleme, die ich selber kenne, auf eine lustige, tiefgründige Art näherbringt, ohnehin mehr als jeder sogenannt politische Film.

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