Nr. 06/2008 vom 07.02.2008

Am Rand der Kräfte

Von Silvia Süess

Leilas Freude hält sich in Grenzen, als sie erfährt, dass sie das nächste Jahr in Liberia verbringen wird. Soeben hat sie den Vorbereitungskurs zur Delegierten des Internationalen Roten Kreuzes abge-schlossen. Als ehemalige Journalistin hat sie über den Liberianischen Bürgerkrieg berichtet – sie weiss, dass sie dort ein harter Alltag erwartet.

Im Dokumentarfilm «Lost in Liberia» begleitet die Filmemacherin Luzia Schmid die Irin Leila Blacking über ein Jahr und dokumentiert deren Werdegang zur Delegierten, ihren Einsatz in Liberia und die Rückkehr nach Irland. Leila ist jung und voller Tatendrang. Sie möchte etwas Sinnvolles machen, aber auch etwas Abenteuerliches, erklärt sie am Anfang des Films. Deswegen hat sie sich für das IKRK entschieden.

Nach fünfzehn Jahren Bürgerkrieg befindet sich das westafrikanische Land noch immer im Ausnahmezustand. Leilas Einsatzort Sanniquellie ist eine kleine Stadt an der Grenze zu Guinea. Hier gibt es keinen Strom, kein Telefon, kein Internet. Gemeinsam mit einem lokalen Team ist Leila zuständig für die Zusammenführung von durch den Krieg getrennten Familien. Während des Bürgerkriegs haben mehr als 15 000 Kindersoldaten auf beiden Seiten gekämpft, viele von ihnen haben ihre Eltern seit Jahren nicht mehr gesehen. Es zeigt sich schnell, dass es eine schwierige Arbeit ist. Zwar gelingen Leila und ihrem Team mehrere Familien zusammenführungen – wohl die schönsten Momente ihrer Tätigkeit –, doch häufig ist es unmöglich, die Eltern der Kinder zu finden.

«Lost in Liberia» gibt einen umfassenden Einblick in Leilas Einsatz in Liberia und somit auch in die Tätigkeiten des Internationalen Roten Kreuzes. Eindrücklich schildert der Film auch die Schwierigkeiten der Protagonistin: wie sie mit der Einsamkeit und Schlafproblemen kämpft, an den Rand ihrer Kräfte kommt und den Sinn ihrer Arbeit zu hinterfragen beginnt. «Kann ich eigentlich irgendetwas bewirken, bei all den vielen Leuten da draussen?», fragt sie nach drei Monaten in Liberia. Doch nach jeder gelungenen Familienzusammenführung erübrigt sich diese Frage – sowohl für sie wie auch für die Zuschauerin.

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