Nr. 07/2008 vom 14.02.2008

Ist das IKRK ein Rolls-Royce?

Interview: Esther Banz

WOZ: Luzia Schmid, in Ihrem Film «Lost in Liberia» stehen IKRK-Delegierte im Zentrum. Was sind das für Leute, die diesen Job machen?
Luzia Schmid: Es gibt mittlerweile so etwas wie eine «humanitarian industry». Das humanitäre Feld ist enorm gross und kompetitiv geworden. Für Leute, die in diesem Gebiet Karriere machen wollen, ist Felderfahrung, der Einsatz in einem Krisengebiet, ein wichtiges Element. Zudem ist das IKRK unter allen Organisationen ganz oben angesiedelt, was die Arbeitsbedingungen und das Prestige betrifft. Es ist so etwas wie der Rolls-Royce unter den humanitären Organisationen.

Wer Delegierte werden will, muss also auch zur A-Klasse gehören?
Na ja, viele haben mindestens ein Studium, in internationalen Beziehungen oder Völkerrecht beispielsweise, oft haben sie schon einen Stage bei der Uno oder einer NGO gemacht. Aber es gibt immer auch Quereinsteiger.

Spielt auch Abenteuerlust eine Rolle?
Die ist sicher ein wichtiger Aspekt. Sonst würden die Leute Sozialarbeit zu Hause machen. Auch meine Protagonistin, die Irin Leila Blacking, sagt im Film, dass es eben ein besonderer Job ist.

In den Ländern, in denen das IKRK und die Uno im Einsatz sind, fallen die Delegierten vor allem durch ihre Autos auf, diese fetten weissen Geländewagen.
Nicht, dass es bequem wäre, darin durch den Busch zu fahren. Aber klar, ich denke schon, dass ein Teil der Attraktion darin besteht, dass man Gutes tut und dabei ein richtig gutes Leben hat. Allerdings muss man auch sagen, dass das Leben in den Grossstädten attraktiver ist, als wenn es jemanden so ans Ende der Welt verschlägt, wie das bei Leila der Fall war.

Monrovia, die Hauptstadt Liberias, sei eine «Big NGO City», heisst es in Ihrem Film einmal. Sieht man dort viele dieser Autos?
Als wir gedreht haben, ja. Und es sind in der Zwischenzeit wohl kaum weniger geworden. Wenn man die so sieht, denkt man automatisch an den humanitären Zirkus: Sobald irgendwo eine Krise ist, fallen die NGOs ein und bringen nebst dem Guten eben auch ihren westlichen Lifestyle mit.

Wie zeigt sich das?
In Monrovia beispielsweise gab es 2005 gerade die ersten zwei, drei Supermärkte. Alle Produkte wurden aus Belgien eingeflogen und waren auch für hiesige Verhältnisse teuer. Klar, dass die Kunden fast ausschliesslich Weisse waren. Draussen verstopfen die Landcruisers all dieser Organisationen den Parkplatz – das sieht nicht schön aus. Doch muss man auch sehen, dass Delegierte wie Leila einfach wahnsinnig froh sind, wenn sie nach Wochen in der Abgeschiedenheit ihrer Station wieder einmal nach Monrovia gehen und dort einkaufen können. Das erging uns nicht anders.
Wie wirkt das auf die Einheimischen?
Man muss sich nichts vormachen: Als Weisser hat man einen enormen Status dort. Das beste Auto im Dorf, das schönste Haus in der Umgebung als Delegierte ist man automatisch etwas «Besseres». Da muss man schon sehr gefestigt sein, damit einem das nicht zu Kopf steigt.

Im Film hört man einmal, wie 
ein IKRK-Ausbildner sagt, es fehle den angehenden Delegierten an Empathie.
Ja, das hat mich überrascht. Mir war schon klar, dass das IKRK ganz explizit keine «Gutmenschen» rekrutiert, die aus purem Altruismus den Job machen wollen. Das wäre eine zu naive Herangehensweise an den Job. Die Frustrationstoleranz, die den Delegierten abverlangt wird, ist wahnsinnig hoch. Trotzdem war ich überrascht, dass gerade die älteren Delegierten in der Ausbildung den zunehmenden Mangel an Empathie bei den neuen Anwärtern beklagt haben. Ich denke, das hat auch mit einem gewissen Karrierebewusstsein der neuen Generation zu tun.

Auch Ihre Protagonistin Leila macht keinen Hehl aus ihrer Lust, weiterzukommen in der humanitären Industrie. Dies, obwohl ihr die neun Monate in Liberia zugesetzt haben ...
Ja, sie ist hart im Nehmen und dennoch an ihre Grenzen gestossen. Im Film erfährt man, wie sie schmerzhaft den Unterschied zwischen Alleinsein und Einsamkeit erfahren musste. Es war ihr erster Einsatz für das IKRK, und nicht umsonst nennt man IKRK-intern das erste Jahr «das Jahr der Enttäuschung». 


Luzia Schmid, 1966 geboren, hat als Journalistin gearbeitet, bevor sie sich in Köln zur Dokumentarfilmerin weiterbildete.

Kurzkritik

«Lost in Liberia»

Leilas Freude hält sich in Grenzen, als sie erfährt, dass sie das nächste Jahr in Liberia verbringen wird. Soeben hat sie den Vorbereitungskurs zur Delegierten des Internationalen Roten Kreuzes abgeschlossen. Als ehemalige Journalistin hat sie über den Liberianischen Bürgerkrieg berichtet – sie weiss, dass sie dort ein harter Alltag erwartet.

Im Dokumentarfilm «Lost in Liberia» begleitet die Filmemacherin Luzia Schmid die Irin Leila Blacking über ein Jahr und dokumentiert deren Werdegang zur Delegierten, ihren Einsatz in Liberia und die Rückkehr nach Irland. Leila ist jung und voller Tatendrang. Sie möchte etwas Sinnvolles machen, aber auch etwas Abenteuerliches, erklärt sie am Anfang des Films. Deswegen hat sie sich für das IKRK entschieden.

Nach fünfzehn Jahren Bürgerkrieg befindet sich das westafrikanische Land noch immer im Ausnahmezustand. Leilas Einsatzort Sanniquellie ist eine kleine Stadt an der Grenze zu Guinea. Hier gibt es keinen Strom, kein Telefon, kein Internet. Gemeinsam mit einem lokalen Team ist Leila zuständig für die Zusammenführung von durch den Krieg getrennten Familien. Während des Bürgerkriegs haben mehr als 15 000 Kindersoldaten auf beiden Seiten gekämpft, viele von ihnen haben ihre Eltern seit Jahren nicht mehr gesehen. Es zeigt sich schnell, dass es eine schwierige Arbeit ist. Zwar gelingen Leila und ihrem Team mehrere Familien zusammenführungen – wohl die schönsten Momente ihrer Tätigkeit –, doch häufig ist es unmöglich, die Eltern der Kinder zu finden.

«Lost in Liberia» gibt einen umfassenden Einblick in Leilas Einsatz in Liberia und somit auch in die Tätigkeiten des Internationalen Roten Kreuzes. Eindrücklich schildert der Film auch die Schwierigkeiten der Protagonistin: wie sie mit der Einsamkeit und Schlafproblemen kämpft, an den Rand ihrer Kräfte kommt und den Sinn ihrer Arbeit zu hinterfragen beginnt. «Kann ich eigentlich irgendetwas bewirken, bei all den vielen Leuten da draussen?», fragt sie nach drei Monaten in Liberia. Doch nach jeder gelungenen Familienzusammenführung erübrigt sich diese Frage – sowohl für sie wie auch für die Zuschauerin.

«Lost in Liberia». D/CH 2007. Regie: Luzia Schmid.

Silvia Süess

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