Nr. 08/2008 vom 21.02.2008

Wie halten Sie Distanz?

Interview: Esther Banz

WOZ: Luzia Schmid, Sie sagten letzte Woche, das erste Jahr einer IKRK-Delegierten sei das Jahr der Enttäuschung. Was macht den Anfang so schwierig?
Luzia Schmid: Dass man seine Vorstellungen komplett über den Haufen werfen muss, realisiert, wie zäh diese humanitäre Arbeit ist. Man kann nur kleine Schritte machen – und muss immer wieder alle Hoffnung begraben. Die Aufgabe der Delegierten Leila Blacking, die wir begleiteten, war die Rückführung von vermissten Kindern zu ihren Familien. Das hört sich erst mal romantisch an, ist es aber gar nicht.

In Ihrem Film «Lost in Liberia» lernt das Publikum das Mädchen Korpo kennen. Sie ist etwa vier Jahre alt, guckt mit grossen, schüchternen Augen in die Kamera, und man fragt sich: Was erlebt dieses Mädchen, wenn keine Kamera da ist …
Ja, Korpo ist bei einem ehemaligen Warlord untergebracht. Leila will sie zu ihrer Mutter zurückbringen, aber der Mann führt sie an der Nase herum, über Monate hinweg. Leilas Verdacht, dass er das Kind ausnützt, dass es arbeiten muss und zu wenig zu essen hat, erhärtet sich – und sie kann nichts anderes tun, als immer wieder dahin zu fahren und mit diesem Mann zu reden. Das ist extrem frustrierend.

Sie haben das Mädchen ebenfalls kennengelernt. Konnten Sie sich hinter Ihrem Equipment verstecken und cool bleiben?
Nein, ganz und gar nicht. Korpo war für mich, jedenfalls emotional, das Schwierigste an diesen Dreharbeiten überhaupt. Ich habe mir sogar überlegt, das Kind mit nach Hause zu nehmen.

Sie wollten Korpo adoptieren?
Ja, darüber habe ich mir ernsthafte Gedanken gemacht.

Hatten Sie ein schlechtes Gewissen?
Ich wusste als Filmerin von Anfang an: Diese Geschichte will ich verfolgen, immer wieder hingehen, übers ganze Jahr. Wir konnten zu Beginn ja nicht wissen, wie die Geschichte mit Korpo ausgehen wird, es zeichnete sich aber bereits ab, dass es ein hoffnungsloser Fall ist. Zynisch ausgedrückt: Ich wusste, dass das eine gute Geschichte ist – und wurde zur Nutzniesserin. Das fand ich schwierig. Von dem her: Dies war auch unsere erste Mission, wir kriegten die ganze Packung ab.

Was ist aus dem Mädchen geworden?
Ihre Mutter ist tot. Korpo ist jetzt bei einer Tante.

Sind Sie erleichtert?
Es war die bestmögliche Lösung für Korpo. Aber es ist nicht so, dass sie oder andere Kinder es bei ihren Verwandten zwingend gut haben. Das sind nicht schlechte Menschen, aber wenn du nicht einmal genug zu essen hast für deine eigenen Kinder, bist du über ein weiteres hungriges Maul nicht glücklich.

Während der Dreharbeiten waren Sie quasi in das IKRK «eingebettet». Wie haben Sie es geschafft, Distanz zu wahren?
Denken, viel denken. Wir hatten natürlich eine Abmachung mit dem IKRK, dass sie uns künstlerisch nicht reinreden dürfen. Wenn man einen Film baut, fragt man sich: Was sagt diese Szene, was ist ihr Subtext? Und wenn ich sie mit anderen Szenen verbinde – was bedeutet das? In diesem Prozess überprüft man auch Nähe und Distanz, in diesem Fall zur Institution IKRK. Mich interessierte das IKRK ja gerade wegen der Widersprüche, in denen sich diese manchmal beinahe gottgleichen Delegierten täglich befinden.

Distanz in der Nähe zu bewahren scheint typisch für Ihre Arbeit – Ihr letzter Film handelt von der Familie Ihrer Schwester ...
Ja. Sie hat vier Kinder, und eines davon ist behindert. Mich interessierte, wie die gesunden Geschwister damit klarkommen. Letztlich spielt ja immer der Behinderte die erste Geige. Alle wussten das, insofern war es eine Frage von Vertrauen einerseits und klaren Abmachungen andererseits.

Was für Abmachungen?
Es war wichtig, dass sie wussten, wo mein Interesse lag, aber wir diskutierten auch ihre Sicht der Dinge. Letztlich muss das Vertrauen aber so gross sein, dass klar ist: Meine künstlerische Freiheit ist indiskutabel.

Kann man da nicht nur enttäuschen, unter dem Strich?
Ja, wahrscheinlich. Als ich bei DRS 3 arbeitete, gab es ab und zu ein Porträt über mich. Das war lehrreich, denn natürlich fühlt man sich nie wirklich erkannt. Mit Dokumentarfilmen ist es ähnlich: Die Protagonisten werden sich nie in der komplexen Gesamtheit wiederfinden, die sie sind. Aber als Filmerin ist das nicht meine Aufgabe und auch nicht mein Interesse. Mir geht es darum, meinen Blick als subjektive Wahrheit zu zeigen. Das ist natürlich nicht die Wahrheit der anderen.

Luzia Schmid, 1966 geboren, hat als Journalistin bei DRS 3 und beim Fernsehen («10 vor 10») gearbeitet, bevor sie sich in Köln zur Dokumentarfilmerin weiterbildete.

Kurzkritik

«Lost in Liberia»

Leilas Freude hält sich in Grenzen, als sie erfährt, dass sie das nächste Jahr in Liberia verbringen wird. Soeben hat sie den Vorbereitungskurs zur Delegierten des Internationalen Roten Kreuzes abgeschlossen. Als ehemalige Journalistin hat sie über den Liberianischen Bürgerkrieg berichtet – sie weiss, dass sie dort ein harter Alltag erwartet.

Im Dokumentarfilm «Lost in Liberia» begleitet die Filmemacherin Luzia Schmid die Irin Leila Blacking über ein Jahr und dokumentiert deren Werdegang zur Delegierten, ihren Einsatz in Liberia und die Rückkehr nach Irland. Leila ist jung und voller Tatendrang. Sie möchte etwas Sinnvolles machen, aber auch etwas Abenteuerliches, erklärt sie am Anfang des Films. Deswegen hat sie sich für das IKRK entschieden.

Nach fünfzehn Jahren Bürgerkrieg befindet sich das westafrikanische Land noch immer im Ausnahmezustand. Leilas Einsatzort Sanniquellie ist eine kleine Stadt an der Grenze zu Guinea. Hier gibt es keinen Strom, kein Telefon, kein Internet. Gemeinsam mit einem lokalen Team ist Leila zuständig für die Zusammenführung von durch den Krieg getrennten Familien. Während des Bürgerkriegs haben mehr als 15 000 Kindersoldaten auf beiden Seiten gekämpft, viele von ihnen haben ihre Eltern seit Jahren nicht mehr gesehen. Es zeigt sich schnell, dass es eine schwierige Arbeit ist. Zwar gelingen Leila und ihrem Team mehrere Familien zusammenführungen – wohl die schönsten Momente ihrer Tätigkeit –, doch häufig ist es unmöglich, die Eltern der Kinder zu finden.

«Lost in Liberia» gibt einen umfassenden Einblick in Leilas Einsatz in Liberia und somit auch in die Tätigkeiten des Internationalen Roten Kreuzes. Eindrücklich schildert der Film auch die Schwierigkeiten der Protagonistin: wie sie mit der Einsamkeit und Schlafproblemen kämpft, an den Rand ihrer Kräfte kommt und den Sinn ihrer Arbeit zu hinterfragen beginnt. «Kann ich eigentlich irgendetwas bewirken, bei all den vielen Leuten da draussen?», fragt sie nach drei Monaten in Liberia. Doch nach jeder gelungenen Familienzusammenführung erübrigt sich diese Frage – sowohl für sie wie auch für die Zuschauerin.

«Lost in Liberia». D/CH 2007. Regie: Luzia Schmid.

Silvia Süess

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch