Nr. 06/2008 vom 07.02.2008

Wie tickt das IKRK?

Interview: Esther Banz

WOZ: Luzia Schmid, Sie haben einen Film über die Arbeit des Internationalen Roten Kreuzes (IKRK) gedreht. Im Zentrum von «Lost in Liberia» steht die Delegierte Leila Blacking, die ihre erste IKRK-Mission antritt. Blacking ist jung, intelligent und sieht gut aus. Haben Sie die Irin ausgewählt, oder entschied das IKRK, wen Sie begleiten dürfen?
Luzia Schmid: Natürlich ich! Als unabhängige Filmemacherin, die nicht einen vom IKRK bezahlten Auftragsfilm machte, war klar, dass ich solche Entscheidungen selber treffen musste.

Das IKRK, das sonst so zurückhaltend ist mit Informationen zu seiner Arbeit, liess Ihnen einfach freie Hand?
Nicht ganz. Ich musste schon Konzessionen machen. Beispielsweise wollte ich von Anfang an nur eine Protagonistin, die wir ins Land ihrer Mission begleiten. Das IKRK behielt sich aber aus Sicherheitsgründen das Recht auf das letzte Wort vor. Das bedeutete, dass sie mitten im Dreh hätten sagen können: Jetzt wirds zu gefährlich, ihr könnt nicht mehr da hingehen und filmen. Wegen dieses Risikos schlugen sie vor, dass wir drei Protagonisten auswählen und begleiten, damit wir am Schluss auf alle Fälle eine Geschichte haben.

Schliesslich haben Sie in Liberia, Sri Lanka und im Westjordanland gedreht. Weshalb?
Weil meine ProtagonistInnen dort hingeschickt wurden. Ich hatte auch Leute ausgewählt, die etwa in die Elfenbeinküste oder nach Nepal geschickt wurden. Die durfte ich aber 
aus Sicherheitsgründen nicht begleiten, was ich sehr bedauerte. Sowohl Liberia als auch Sri Lanka waren zum Zeitpunkt des Drehs sogenannte Post-conflict-Länder, es gab aktuell keine Kämpfe, in Liberia bis heute nicht.

Ihr Film ist nicht nur Werbung 
für das IKRK. Immer wieder fragt man sich als Zuschauerin, wie nützlich diese Entwicklungsarbeit ist. Wie reagierte das IKRK darauf?
Dort ist der Film interessanterweise gut angekommen. So gut, dass ich mich bereits hintersann. Aber ich finde nach wie vor, dass der Film eine kritische Distanz zur Organisation behält. Nicht zuletzt deshalb, weil er aufzeigt, wie begrenzt die Möglichkeiten der Delegierten vor Ort letztlich sind.

Sie tönen an, dass das IKRK kein homogenes Gebilde ist?
Ja, es gibt auch da unterschiedliche Flügel: Auf der einen Seite gibt es Vertreter, die ganz dezidiert gegen Medienpräsenz sind, und da gibts andere, die finden, dass eine Öffnung wichtig für das Haus ist. Ich hatte wohl auch etwas Glück, weil ich hauptsächlich mit den Leuten zu tun hatte, die für diese Öffnung stehen. Nur durch deren Kooperation konnte es überhaupt gelingen, einen so tiefen Einblick in die Arbeit des IKRK zu gewinnen.

Zweck des IKRK ist, zu überwachen, dass weltweit die Genfer Konventionen eingehalten werden …
Deshalb habe ich auch das IKRK als Organisation ausgewählt. Eben weil es dieses Mandat hat. Hinter diesem Auftrag kann ich voll und ganz stehen. Ich wollte für meinen Film keine Organisation, die klassische Entwicklungszusammenarbeit leistet, weil ich wusste, ich kann und will nicht die Frage thematisieren, wie sinnvoll Entwicklungshilfe per se ist. Ich denke, die Arbeit der Familienzusammenführung, die Leila im Film macht, ist zwar ernüchternd, aber letztlich sinnvoll. Aber das IKRK leistet auch klassische Aufbauhilfe, wie zum Beispiel Samen verteilen. Intern wird intensiv darüber diskutiert, ob diese Art der Hilfe noch zur Einhaltung der Genfer Konventionen gehört. Das ist eine spannende Diskussion. Denn eine gewisse ökonomische Sicherheit der Leute kann viel zur Stabilisierung der Lage – und letztlich zum Schutz der Zivilbevölkerung – beitragen.

Der Schutz der Bevölkerung ist doch vor allem auch wegen neuer Kriegsformen schwieriger geworden?
Ja, der liberianische Bürgerkrieg zum Beispiel war einer der brutalsten Kriege Afrikas. Da gab es nicht zwei richtige Armeen, die gegeneinander angetreten sind. Sondern drei Armeen, von denen zwei irregulär waren. Aber auch in der sogenannt staatlichen Armee fehlte jedes disziplinarische Moment. Das ermöglichte einerseits die unfassbaren Gewaltorgien, die dieser Krieg hervorbrachte. Andererseits machte das die Arbeit für das IKRK schwieriger. Stellen Sie sich vor: Bei einer normalen Armee kann der Oberst am Checkpoint sagen: «Die mit dem roten Kreuz könnt ihr durchlassen.» Bei irregulären Armeen hingegen wissen die IKRK-Leute gar nicht, mit wem sie reden können. Da ist jeder Warlord sein eigener Chef.

Luzia Schmid, geboren 1966, hat als Journalistin bei DRS 3 und beim Fernsehen gearbeitet, bevor sie sich zur Dokumentarfilmerin weiterbildete.

Kurzkritik

«Lost in Liberia»

Leilas Freude hält sich in Grenzen, als sie erfährt, dass sie das nächste Jahr in Liberia verbringen wird. Soeben hat sie den Vorbereitungskurs zur Delegierten des Internationalen Roten Kreuzes abgeschlossen. Als ehemalige Journalistin hat sie über den Liberianischen Bürgerkrieg berichtet – sie weiss, dass sie dort ein harter Alltag erwartet.

Im Dokumentarfilm «Lost in Liberia» begleitet die Filmemacherin Luzia Schmid die Irin Leila Blacking über ein Jahr und dokumentiert deren Werdegang zur Delegierten, ihren Einsatz in Liberia und die Rückkehr nach Irland. Leila ist jung und voller Tatendrang. Sie möchte etwas Sinnvolles machen, aber auch etwas Abenteuerliches, erklärt sie am Anfang des Films. Deswegen hat sie sich für das IKRK entschieden.

Nach fünfzehn Jahren Bürgerkrieg befindet sich das westafrikanische Land noch immer im Ausnahmezustand. Leilas Einsatzort Sanniquellie ist eine kleine Stadt an der Grenze zu Guinea. Hier gibt es keinen Strom, kein Telefon, kein Internet. Gemeinsam mit einem lokalen Team ist Leila zuständig für die Zusammenführung von durch den Krieg getrennten Familien. Während des Bürgerkriegs haben mehr als 15 000 Kindersoldaten auf beiden Seiten gekämpft, viele von ihnen haben ihre Eltern seit Jahren nicht mehr gesehen. Es zeigt sich schnell, dass es eine schwierige Arbeit ist. Zwar gelingen Leila und ihrem Team mehrere Familien zusammenführungen – wohl die schönsten Momente ihrer Tätigkeit –, doch häufig ist es unmöglich, die Eltern der Kinder zu finden.

«Lost in Liberia» gibt einen umfassenden Einblick in Leilas Einsatz in Liberia und somit auch in die Tätigkeiten des Internationalen Roten Kreuzes. Eindrücklich schildert der Film auch die Schwierigkeiten der Protagonistin: wie sie mit der Einsamkeit und Schlafproblemen kämpft, an den Rand ihrer Kräfte kommt und den Sinn ihrer Arbeit zu hinterfragen beginnt. «Kann ich eigentlich irgendetwas bewirken, bei all den vielen Leuten da draussen?», fragt sie nach drei Monaten in Liberia. Doch nach jeder gelungenen Familienzusammenführung erübrigt sich diese Frage – sowohl für sie wie auch für die Zuschauerin.

«Lost in Liberia». D/CH 2007. Regie: Luzia Schmid.

Silvia Süess

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