Nr. 37/2008 vom 11.09.2008

Die guten alten Zeiten

Feste und Märkte vor historischer Kulisse boomen. Warum verkleiden sich Menschen als schwarze Ritter und Leprakranke, essen Spanferkel und träumen von der heilen Welt des düsteren Mittelalters?

Von Dominik Gross

«Man weiss nie, was die Vergangenheit noch bringen wird.»
Cate Blanchett als Bob Dylan in Todd Haynes Filmbiografie «I’m not there»

Links gefasst, rechts gestemmt und dann in den Boden gestochen! Rrrrrumps! Auf einer Holzbühne stehen ein Dutzend Knirpse zwischen fünf und zwölf Jahren und recken auf Kommando ihre hölzernen Hellebarden mit den Kartonklingen in den dunstigen Spätsommer-Voralpenhimmel. Ab und zu ziert ein rotes Dächlikäppli mit Schweizer Kreuz ihre Köpfe. Am Holzzaun rund um die Kampfarena stehen die Eltern und grinsen. Ein patriotischer Rentner kann sich nicht sattfotografieren. Nebenan wird Armbrust geschossen, ein Dudelsackbläser gibt ein paar sirenende Töne zum Besten. Die ZähringerInnen vom Burgverein in Burgdorf haben ihr Zelt aufgebaut und preisen ihr «Säuenknöchelispiel zum Zeitvertreib» an. Wir schreiben den 30. August des Jahres 2008, in der Obwaldner Gemeinde Giswil, zwischen Einfamilienhäuschen mit Kindertrampolin und dem pittoresken Trassee der Brünigbahn ist Mittelalterfest. Nicht nur in Giswil: Der Mittelalter- oder Fantasyfan konnte in den letzten Wochen alleine um Zürich von Fest zu Markt zu Spektakel wandern: Ragnarök Eglisau, Mittelaltertag Schloss Rapperswil, Reiterspektakel Seengen, Equinox-Festival Steinmaur und Zürcher Mittelalterspectaculum auf dem Münsterhof. Das Mittelalter boomt.

«Nicht zu nahe herangehen!»

Der Zähringerlandsknecht in Giswil alias Primarschullehrer in Burgdorf weiss weshalb: «Das Mittelalter bringt uns zurück zu den notwendigen Dingen des Lebens, das fasziniert.» Vor dem Zähringerzelt steht ein gesatteltes Holzross, vielleicht 1,50 Meter hoch. «An unseren Mittelalternachmittagen auf der Burg in Burgdorf kommen viele Fünftklässler nicht auf Anhieb da hoch, das fasziniert.» Für den Burgdorfer Lehrer ist das Mittelalter Mittel zum Zweck. Auf dieser Bühne vermittelt er seine pädagogischen Werte: «Was den heutigen Kindern fehlt, ist die natürliche Nähe zum ganz normalen Leben. Wenn man Mittelalterpädagogik macht, kann man den Kindern wieder eine Sensibilität vermitteln. Wir zeigen, wie die Leute im Mittelalter es fertig gebracht haben, unter widrigen Umständen ein glückliches Leben zu führen.» Eine Leprakranke betritt die Szenerie, von Kopf bis Fuss in Mehlsäcke und Lumpen gehüllt. Sie bittet mit einem drei Meter langen Ast, an dessen Ende ein Beutel hängt - «bloss nicht zu nahe herangehen!», warnt eine Zähringerin -, um Almosen und klagt zwischendurch ziemlich neuzeitlich über die kratzenden Mehlsäcke. Der Lehrer-Landsknecht hat sich inzwischen ins Feuer geredet: «Wir müssen weg vom Papier! Pädagogik heute heisst Papiermüllern, nichts Konkretes: Heute haben sie auch wieder Arbeitsblätter gebracht. ‹Furt!›, habe ich gesagt. ‹Hände dreckig machen, aufs Rössli steigen - das Züüg alänge!›» Dann blickt er in die Zukunft: «Millionen von Jahren mussten wir so leben wie im Mittelalter, heute sind wir in einer ganz kurzen Phase, in der es uns enorm gut geht, wie den Fürsten früher. Das bricht zusammen. Das Erdöl geht uns aus, dann ist die Mobilität weg. Wir müssen wieder lernen, einfach zu leben!»

Auf einer Anhöhe, an Schmiedestand und Spanferkelgrill vorbei, stehen neben einer grossen Linde die Überreste der Burg von Rudenz. Gemäss einer Tafel stammt sie aus dem 13. Jahrhundert. Eine Schweizer Fahne weht am langen Mast, das Rohr einer nicht ganz mittelalterlichen Kanone weist Richtung Brünig. «Krieg hätte es von mir aus nie geben müssen, Schlachten haben mich nie gross interessiert», sagt der Vizepräsident des Organisationskomitees des Burgenfäschtes, er trägt eine Ritterkettenkapuze aus Baumwolle. «Was mich am Mittelalter fasziniert, sind das Handwerk und diese Gestalten, die hier rumlaufen, von diesen Eindrücken lebe ich ein Stück weit.» Um 1850 sei dieser Wohnturm hier noch intakt gewesen, «dann hat einer die Steine der Burgmauer für einen Neubau verwendet. Mit den Einnahmen des Festes wollen wir den Turm restaurieren.» Dass die Mittelalterszenerie um die Ruine etwas gebrochen ist, stört den Ritter-OK-Vizepräsidenten nicht: «Ich finde es faszinierend, das Alte mit dem Neuen zu verbinden. Diese Ruine gehört zu uns. Obwohl einige im Dorf den alten Steinhaufen am liebsten abreissen würden.» Damit wäre auch der Burgdorfer Lehrer vom Zähringervolk nicht einverstanden. Für ihn sind solche «Steinhaufen» Symbole für Verwurzelung, für Heimat: «Ein Tier braucht keine Geschichte. Aber wir brauchen Identitäten, ein solcher Ort kann das stiften. Ich glaube, wenn ein mazedonisches oder ein türkisches Kind auf unsere Burg in Burgdorf kommt, kann es sagen: Doch, hier bin ich zu Hause. So wie hier auch die Linde neben der Ruine: Auch sie hat eine Abstammungslinie. Es ist die Linde der Linde der Linde der Linde - dann sind wir im Mittelalter. Mit nationalen Symbolen hat das alles aber nichts zu tun.»

«Die Leute wollen spielen», sagt Valentin Gröbner, Mediävist, «und Spielen ist eine äusserst ernsthafte Angelegenheit, denn im Spiel befriedigen wir zentrale Bedürfnisse.» Gröbner hat diesen Frühling ein Buch mit dem Titel «Das Mittelalter hört nicht auf» veröffentlicht. Darin untersucht er Inszenierungen seit dem 14. Jahrhundert von dem, was wir heute als «das Mittelalter» bezeichnen. Das Buch hat in HistorikerInnenkreisen einigen Staub aufgewirbelt, denn Gröbner tut darin etwas sehr lustvoll, was MittelalterhistorikerInnen bisher meist tunlichst vermieden haben: Er beschäftigt sich mit den populärkulturellen Vorstellungen «des Mittelalters» in Film, Literatur, Computerspiel, an Mittelaltermärkten und Fantasyspektakeln. «Beim Spielen erzählen wir ganz vielen Leuten ganz viele Geschichten über uns selbst, dafür bietet das Mittelalter einen super Baukasten», sagt Gröbner. «Aus unendlich vielen Elementen, die unter dem Begriff Mittelalter versammelt sind, nimmt sich jeder Mittelalterfan heraus, was ihm gerade passt, und rekombiniert das zu einem neuen Gesamtbild.»

Und nach dem Nationalstaat?

Das Mittelalter sei nichts Neues, auch das mache seine gegenwärtige Attraktivität aus: «Das sind Geschichten und Figuren, die uns sehr vertraut sind. Die Nationalstaaten haben sich ihre mittelalterliche Vorgeschichte im 19. Jahrhundert gegeben, sie bezogen sich dabei auf die Romantiker.» Dieser industrielle Nationalstaat, der Krieg führt und Kranken- und Sozialversicherungen finanziert «und der sich mit sehr viel selbst gemachtem Mittelalter 150 Jahre lang inszenierte», habe aber in den letzten zwanzig Jahren begonnen, sich aufzulösen. «Denken wir an die vielen Konsumgüter, die nicht mehr bei uns in Europa, sondern in Südostasien produziert werden. Zudem wurde das herrschende Kommunikationsregime durch das Internet beschleunigt und sehr stark verändert. Aber was nach dem Nationalstaat kommt, das weiss niemand.» Gröbner glaubt, dass «in diesen Mittelalterfesten gar nicht so eine Sehnsucht nach Mittelalter steckt, sondern eine Sehnsucht nach der Sehnsucht des 19. Jahrhunderts nach Mittelalter». Denn das Mittelalter verspreche keine Sicherheit: «Die Vorstellung einer Gesellschaft ohne Gewaltmonopol, ohne Staat, ohne Krankenversicherung ist ja eigentlich extrem bedrohlich.» Die Sehnsucht nach Einfachheit und Klarheit sei eine Erfindung der Moderne, die sich das Mittelalter als Gegengegenwart, als Antimoderne vorstelle: «Sie erzeugt das Mittelalter als homogenen Raum, in dem noch alles in Ordnung gewesen ist. Deshalb würde ich immer sagen, dass die Leute, wenn sie über das Mittelalter reden, über sich selber reden, über ihre eigenen Wünsche, über das, was sie bedrängt, wovor sie sich fürchten: Technische Entfremdung, der Verlust von Spiritualität, religiösen Werten oder einer vermeintlich klaren nationalen Ursprungsgeschichte.»

«Saufen, saufen, saufen»

Die Gesellschaft zu Fraumünster Zürich, Veranstalterin des Mittelalterspectaculums auf dem Zürcher Münsterhof, hat auch einen Wunsch: Seit 1988 versucht sie, innerhalb der Zunftgesellschaft die Geschlechtergleichstellung zu etablieren. Gemäss Pressemitteilung will sie «eine Zukunft gestalten, die auf einer Herkunft basiert, und das Wirken und die Bedeutung von Frauen in der kulturellen, politischen, sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung der Stadt Zürich aufzeigen». Einige Erfolge konnte die erste und einzige Zürcher Frauenzunft schon verbuchen, wie «die Hohe Fraumünster-Frau» Susann Pflüger, FDP-Friedensrichterin im Stadtkreis 7 und Mutter von Severin Pflüger, FDP-Präsident Kreis 7, ausführt. So wurde im Kreuzgang des Fraumünsters auf Initiative der Fraumünstergesellschaft hin vor kurzem ein Denkmal für die letzte Äbtissin des Fraumünsters errichtet. Diese hiess Katharina von Zimmern und habe, so Pflüger, 1524 im Zeichen der Reformation die Abtei freiwillig den Mitstreitern Zwinglis übergeben und damit ein Blutvergiessen verhindert. Sie ist der historische Referenzpunkt der Gesellschaft, «darin sehen wir unsere Legitimation», so Pflüger. Eines haben ihnen die anderen Zünfte - auch sie wurden im 19. Jahrhundert wiederentdeckt - aber bis heute verwehrt: Noch immer dürfen sie am offiziellen Sechseläutenumzug nicht teilnehmen.

Auf dem Münsterhof treffen wir zwischen Gauklerinnen, Schmieden, Schneiderinnen, Falkenzähmern und Musikanten auch einen schwarzen Ritter, eigentlich Informatiker. Er hat die Mittelalterfaszination schnell erklärt: «Saufen, saufen, saufen und es lustig haben.» Zudem sei der Umgang in der Fantasyszene sehr locker: Zur Begrüssung werde man immer umarmt, «daran musste ich mich erst gewöhnen. Ausserdem gibts immer mal wieder ein zünftiges Höllentor zu besichtigen.» Er spricht von Burgfräuleins in knappen Lederschürzen.

Gegen die hektische Moderne

Den schwarzen Ritter treffen wir am Equinox-Festival bei Steinmaur eine Woche später wieder. In vier Tagen hat der Verein Midland auf einer Waldlichtung eine mittelerdische Insel aufgebaut, die an Tolkiens Welt aus «Der Herr der Ringe» erinnert. Wären da nicht die Anflugschneise mit ihrem stetigen Grollen, einige Nylonzelte als Schlafstätten und ein paar unverkleidete BesucherInnen aus dem nahen Dorf, man wähnte sich bei Frodo, Gandalf und KollegInnen. Um die zahlreichen Feuer, im Wasserpfeifenzelt und an den Festbänken versammeln sich Landsknechte und Wikinger, Ritter, Hobbits mit Rastalocken, Räuber, Mönche und Nonnen. Ein kräftiger Normanne mit Irokesenschnitt zielt mit einem Beil auf einen aufgestellten Baumstrunk, die Nonne im engen Kleid schäkert mit einem Ritter, und ein Wikinger entzündet die zahlreichen Fackeln in der Dämmerung. Am Eingang des Geländes steht ein Wachtturm aus massivem Holz, fünf Meter hoch, ein charmantes Burgfräulein sitzt an der Kasse und verlangt zwanzig Franken Eintritt. Ein Herold begrüsst freundlich. Die historische Authentizität ist hier unwichtig, es geht um die Faszination für ein geschmiedetes Schwert, eine gelungene Kulisse, um ein freudiges und friedliches Fest oder, wie es auf der Homepage des Vereins heisst: «In unserer hektischen, reizüberfluteten Zeit braucht es Momente, die das Leben in seiner Einfachheit und Ursprünglichkeit aufzeigen. Wir sind junge Leute, die Freude an vergangenen Zeitaltern haben und gerne in eine Rolle schlüpfen, um wenigstens für einen Augenblick dem modernen Alltag zu entfliehen.»

Es ist dunkel geworden, auf der Bühne spielen «Des Königs Halunken» eine mittelalterliche Polka, und der Wikinger blickt nachdenklich über das mit Lichtern und Fahnen geschmückte Gelände, vorbei an Schmied und Hellebardenverkäufer, grossem Feuer und Tafelrunde. «So viel Aufwand für einen einzigen Abend», sagt er. «Ich möchte hier einen richtigen Park bauen und ein ganzes Jahr bleiben, dann würden wir eine richtige Palisade errichten, und jeden Morgen würde ich nichts anderes als das hier alles sehen.» Würde er denn in eine Zeitmaschine steigen und ins Mittelalter fliegen, wenn er könnte? Der Wikinger denkt lange nach, dann sagt er: «Nein, ich baue mir lieber meine eigene Welt im Jetzt.»

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