Nr. 09/2008 vom 28.02.2008

Resorts? Bei uns nicht!

Die Internationale Alpenschutzkommission Cipra stellt zukunftsträchtige Projekte vor: die ungeahnte Vielfalt der alpinen Wirtschaft.

Von Bettina Dyttrich

In Wildpoldsried im deutschen Allgäu kommen der Strom vom Windrad auf dem Hügel und das Holz für die zentrale Dorfheizung aus dem nahen Wald. Etwas weiter südlich, im österreichischen Vorarlberg, werden aus Bergwaldholz Häuser gebaut, die Architekturpreise gewinnen. Das abgelegene Idrija in den slowenischen Alpen hat den Übergang von der Bergbaustadt zum Hightechzentrum geschafft und kann der ganzen Welt zeigen, wie sich Quecksilberminen sicher sanieren lassen. In Savoyen, im regionalen Naturpark des französischen Massif des Bauges, sichern Qualitätsprodukte wie Käse, Holz und Fleisch den BewohnerInnen ein Einkommen, erhalten zugleich die Kulturlandschaft und fördern den Tourismus. In der Schulmensa von Budoia im italienischen Friaul ist jetzt alles bio, kommt aus der Region und schmeckt erst noch besser.

Kräuter und Katastrophenschutz

Es läuft etwas in den Alpen - Projekte, die den inflationär gebrauchten Begriff «nachhaltige Entwicklung» wirklich verdienen. Die hier skizzierten Beispiele und viele weitere werden im dritten Alpenreport der Internationalen Alpenschutzkommission Cipra mit dem Titel «Wir Alpen!» vorgestellt. Nach den ersten beiden Alpenreporten von 1998 und 2001, die von Fachleuten geschrieben wurden, hat die Cipra diesmal Text und Bilder den JournalistInnen der Agentur Zeitenspiegel in Auftrag gegeben. Das hat sich, abgesehen von Details (Direktzahlungen sind keine Produktesubventionen, und das Wort «Gutmenschentum» gehört verboten), gelohnt: Der Text, gegliedert in sechzehn Reportagen und sieben Hintergrundkapitel, liest sich angenehm, die Schwarz-Weiss-Fotos machen Freude.

Seit dem letzten Alpenreport hat sich das Alpenbild in der Schweiz verändert. Neoliberale Kreise greifen die (früher breit abgestützte) Politik des Ausgleichs zwischen den Regionen an. Auch manchen Linken gefallen die scheinbar frischen und radikalen Vorschläge. «Wir Alpen!» bildet ein fundiertes Gegengewicht zu dieser Position, die die Alpen in wirtschaftskräftige «Resorts» und «alpine Brachen» ohne Zukunft aufteilt. Die Alpen, das zeigen die AutorInnen, haben ein Potenzial, das weit über Kühe und Kunstschnee hinausgeht. Nur schon in Landwirtschaft und Tourismus gibt es noch ganz andere Möglichkeiten: vom Kräuteranbau bis zur Heuwellness. Doch Ressourcen schlummern auch woanders. Ein spannendes Beispiel ist ein Sozialzentrum in Kempten/Allgäu, wo Sozialarbeit, Kinderbetreuung, Handwerk und Ausbildung ineinander übergehen.

Die Alpen als Therapieraum: Im Berner Gadmental betreiben Jugendliche, die in der Stadt nicht zurande kommen, ein Hotel. Holz ist eine weitere noch nicht ausgeschöpfte Ressource - sofern nicht einfach Stämme exportiert werden. Und wenn, wie etwa in Vorarlberg, die Verarbeitung in den Regionen bleibt. Und wer weiss, vielleicht ist ja angesichts der globalen Klimaerwärmung das alpine Katastrophenschutzwissen demnächst auch in anderen Regionen der Welt von Nutzen.

Verfahrenes lösen

«Wir Alpen!» zeigt nicht nur Potenziale auf, sondern widerlegt auch populäre Falschannahmen. Besonders verbreitet ist etwa die Ansicht, dass bessere Strassenverbindungen der regionalen Wirtschaft dienen. Die Cipra fand keine einzige wissenschaftliche Untersuchung, die «auf regionaler Ebene einen nachweisbaren Zusammenhang zwischen einzelnen Strassenverkehrsprojekten und der Wirtschaftsentwicklung aufzeigte».

Zu einer zukunftsfähigen Entwicklung gehört nicht nur die Wirtschaft. Die Cipra betont, wie wichtig soziale Kontakte sind. Mehrere der vorgestellten Projekte sind auch deshalb so erfolgreich, weil sie in den verstädterten Regionen der Alpen, wo sich die traditionellen Sozialstrukturen längst aufgelöst haben, neue Beziehungen knüpfen: In Grenoble haben sich BäuerInnen aus dem Umland und KonsumentInnen aus der Stadt zusammengeschlossen - die einen bekommen Absatzmärkte, die anderen Frischprodukte. Von den Kontakten profitieren beide. Die Cipra propagiert das Engagement von Einzelpersonen, Gruppen und Firmen, weist aber auch darauf hin, dass es ohne Service public nicht geht. «Es gibt Grenzen, wie weit sich der Staat zurückziehen kann.»

Dass es Probleme gibt, verschweigt die Cipra nicht. Gerade in kleinen Gemeinden, wo sich alle kennen und Konflikte nicht offen ausgetragen werden. «Meist setzen sich die wirtschaftlich Mächtigsten durch - und schädigen damit das Gemeinwesen.» Doch auch hier ist nicht alles verloren: Das Buch zeigt, wie ein völlig verfahrener Waldnutzungskonflikt im Allgäu dank einer engagierten Mediatorin gelöst werden konnte.

Manches wirft auch Fragen auf: Was nützen etwa nachhaltiges Bauen und Holzarchitektur, wenn weiterhin platzverschwendende Einfamilienhäuser gebaut werden? Aber grundsätzlich überzeugt die Richtung, die die Cipra propagiert. Sie hat in Zeiten von Bankencrashs und Gletscherschmelze sicher mehr Zukunft als Skigebietserweiterungen und Resorts à la Andermatt.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch