Nr. 51/2007 vom 20.12.2007

Nicht nur Kuh- und Skigebiet

Puschlaver Computer und Entlebucher Käser, innovative Österreicher und die Bündner SVP: Es gibt viele Gründe, warum das Wirtschaften in den Bergen erfolgreich ist - oder eben nicht.

Interview: Bettina Dyttrich

WOZ: Herr Siegrist, Sie sind Präsident der Internationalen Alpenschutzkommission. Welche Auswirkungen hat die Globalisierung auf die Alpen?

Dominik Siegrist: Die alpine hWirtschaft hat grosse Konkurrenznachteile. So sind die Transportwege länger, es gibt viel weniger nutzbare Fläche und spezialisierte Arbeitskräfte, die Märkte sind oft kleiner. In der Schweiz wurde bisher versucht, diese Nachteile mit Transferzahlungen auszugleichen. Seit einiger Zeit heisst es, dass sich die Schweiz das nicht mehr leisten könne. Ich halte dies für eine Behauptung und nicht für eine objektive Tatsache.

Nicht nur zwischen Alpen und Flachland wächst die Konkurrenz, sondern auch in den Alpen ...

Unsere Antwort darauf wäre, Labelregionen zu bilden. Es gibt Gebiete, die in der Lage sind, zukunftsfähig, ökologisch und sozial zu wirtschaften. Dafür sollen sie ein Label und eine finanzielle Belohnung vom Staat bekommen. So würde das Geld jenen Regionen zugutekommen, die wirklich etwas für die Zukunft tun. Das ist auch eine Form von Konkurrenz, aber eine positive.

Und die anderen Regionen sollen nichts mehr bekommen?

Die Bewohner solcher Regionen hätten einen Anreiz, auf Veränderungen hinzuarbeiten. Am besten wäre es natürlich, wenn alle Gebiete zu Labelregionen würden. Indem die innovativen Regionen die anderen mitziehen, können am Schluss alle nachhaltiger wirtschaften. Denn eine umwelt- und sozialverträgliche Wirtschaft tut not, so wie bisher kann es ja nicht weitergehen.

Wie sähe eine solche Wirtschaft aus?

Wichtig ist, dass ein möglichst grosser Teil der Wertschöpfung in der Region entsteht, dass nicht einfach Rohstoffe exportiert werden. Ein gutes Beispiel ist das Entlebuch [siehe WOZ Nr. 49/07]: Die Landwirtschaft arbeitet eng mit dem Tourismus zusammen und beliefert die Restaurants mit Lebensmitteln. Neue Produkte und Dienstleistungen werden entwickelt: Käsespezialitäten, Wellnessangebote oder Möbel und sogar ganze Häuser aus Entlebucher Holz. Was das Bauen mit Holz betrifft, ist zum Beispiel auch Vorarlberg sehr weit. Überhaupt können wir viel von Österreich lernen. Die Politik für die Randregionen ist in Österreich vorbildlich.

Liegt das daran, dass Österreich weniger verstädtert ist?

Ja, die Distanzen zwischen den Städten sind viel grösser. Und vor allem ist Österreich kein Finanzplatz und war deshalb lange Zeit nicht so reich wie die Schweiz. Dort konnte der Staat nicht einfach Geld in die Randregionen schicken, weil er es gar nicht hatte. Dafür förderte er die ländliche Wirtschaft. In vielen Regionen gibt es eine stark diversifizierte, international konkurrenzfähige Regionalwirtschaft, von Handwerk bis Hightech.

Wir müssen wegkommen von der Vorstellung, in den Alpen gebe es nur Tourismus und Landwirtschaft. Lange hat man die Bedeutung der Städte in den Alpen vernachlässigt. Wer Lösungen finden will in alpinen Randregionen, muss dafür sorgen, dass es den alpinen Zentren gut geht - nicht nur wirtschaftlich, auch kulturell, sozial und ökologisch, etwa bezüglich des Verkehrs. Die meisten Arbeitsplätze in den Alpen ist in diesen Zentren, und sie sind entscheidend, damit auch Randregionen besiedelt bleiben: Ein Teil der Leute aus dem Binntal pendelt nach Brig, und das hilft auch dem Binntal.

Vor zehn Jahren wurden grosse Hoffnungen ins Internet gesetzt: Es sollte Arbeitsplätze in entlegene Alpentäler bringen. Das hat aber überhaupt nicht funktioniert.

Nein. Das Leben besteht ja nicht nur aus Arbeit, und wenn jemand den ganzen Tag am Bildschirm sitzt, fehlt ihm in entlegenen Alpendörfern einfach das soziale und kulturelle Umfeld. Allerdings kann das Internet sehr wohl nützlich sein. Ein Beispiel ist der Polo Poschiavo. Das ist ein Aus- und Weiterbildungsprojekt im Puschlav. Damit können Lehrlinge im Tal bleiben und ihre Berufsschulausbildung online machen.

Einerseits betont die Internationale Alpenschutzkommission (Cipra), dass es in vielen Berggemeinden grosse wirtschaftliche und soziale Ungleichheit gebe und der Einbezug der ganzen Bevölkerung in die Zukunftsplanung wichtig sei. Gleichzeitig heisst es, es brauche einflussreiche Personen, die die Projekte ziehen. Werden da nicht wieder hierarchische Strukturen zementiert?

Das ist tatsächlich ein heikler Punkt. Unsere Expertinnen und Experten haben untersucht, wie eine nachhaltige Entwicklung in Gang zu bringen ist. Und es ist fast nicht möglich ohne lokale Schlüsselpersonen. Das geht so weit, dass man heute versucht, SVP-Exponenten in die Trägerschaften von Naturpärken hineinzubringen.

So wie den Bündner Nationalrat Hansjörg Hassler, der den geplanten Naturpark Beverin unterstützt?

Ja. Aber die Bündner SVP ist bekanntlich ein Spezialfall. Im Kanton St. Gallen lief das ganz anders: Toni Brunner liess sich nicht einbinden und brachte mit seinem Widerstand das Naturparkprojekt Toggenburg-Werdenberg zum Scheitern. Doch die lokalen Schlüsselpersonen sind ja zum Glück nicht immer in der SVP.

Ich finde es sehr wichtig, dass in solchen Prozessen die Pionierinnen und Pioniere nicht unter den Tisch fallen. Sie kommen häufig aus Bürgerinitiativen, die sich gegen einen Stausee oder den Ausbau eines Skigebiets gewehrt haben. Sie haben als Erste auf ökologische und soziale Probleme hingewiesen und Vorschläge für eine alternative Entwicklung gemacht. Zwanzig Jahre später ist ein solcher Vorschlag, zum Beispiel ein Naturpark, mehrheitsfähig. Dann ist es enorm wichtig, dass diese Pioniere einbezogen werden.

Jene Leute, die früher immer in der Opposition waren.

Ja. Darum finde ich es so traurig, dass im Toggenburg das Naturparkprojekt gescheitert ist. Über hundert Leute haben sich dort in den Arbeitsgruppen engagiert. Viele von ihnen waren solche Pioniere. Sie sagten: Wir glauben zwar nicht mehr daran, dass wir etwas bewegen können in diesem Tal, aber wir sind nochmals bereit, es zu versuchen.

Gibt es in den Alpengemeinden mehr Konflikte als im Flachland?

Ich bin eher erstaunt, wie wenig Konflikte es heute gibt. Das grösste Projekt im Schweizer Alpenraum ist momentan Samih Sawiris' Resort in Andermatt. In der Region traut sich niemand, dagegen anzutreten. Und auch auf nationaler Ebene sind die Gegner blockiert: Niemand will das Verbandsbeschwerderecht gegen ein Projekt einsetzen, das als Rettung der ganzen Region gilt. Auch andere Grossprojekte sind problematisch: In Verbier und Crans-Montana sollen neue Resorts entstehen, in Davos ist ein Hotelturm ausserhalb der Bauzone geplant. Da und dort gibt es doch Widerstand: etwa im Fall des Resorts Radons bei Savognin.

Was passiert dort?

Es geht um den Bau eines Wellnesskomplexes auf der sieben Kilometer vom Dorf entfernten Alp Radons. Das Gebiet grenzt an den geplanten Naturpark Parc Ela. Die Standortgemeinde Riom-Parsonz hat dem Projekt kürzlich eine Absage erteilt. Aber generell ist die Mobilisierung gegen Grossprojekte viel schwächer als vor fünfzehn Jahren.

Mir scheint, dass viele Leute in den Alpen froh sind, wenn sie überhaupt noch irgendein Auskommen finden. Widerstand liegt da nicht mehr drin.

Ja, das Selbstbewusstsein der Bergregionen ist massiv gesunken, die Berggebietslobby ist lange nicht mehr so stark wie früher. Ob das für den Alpenschutz gut oder schlecht ist, ist schwer zu sagen. Aber wenn die Randgebiete verwildern und unbewohnbar werden, wird auch die alpine Kulturlandschaft nicht mehr gepflegt. Ich glaube nicht, dass das wünschenswert ist - auch nicht für Touristinnen und Touristen.

Wie wird die Klimaerwärmung die Alpen verändern?

Die Alpen sind wegen ihrer Topografie stärker davon betroffen als das Flachland. Diese Tatsache kann Betroffenheit auslösen und Bereitschaft für Veränderungen schaffen. In den Alpen könnte der Klimaschutz vor allem beim Verkehr stark verbessert werden. Wie die Klimaerwärmung den Tourismus verändern wird, ist schwer zu sagen. Naturnaher Tourismus hat sicher Potenzial, weil er weniger von einem stabilen Klima und von teuren Infrastrukturen abhängig ist als die klassischen Wintersportarten. Aber auch die umgekehrte Entwicklung ist denkbar: künstliche Welten - wie in Andermatt geplant.

Es ist natürlich auch möglich, dass die Klimaerwärmung so dramatisch wird, dass im globalen Verteilungskampf um Ressourcen kaum mehr jemand Zeit für Tourismus hat.

Die Cipra spricht viel von Nachhaltigkeit. Taugt dieses Wort überhaupt etwas? Kann es wirklich ein Gleichgewicht zwischen Wirtschaft, Ökologie und Sozialem geben?

Viele der heutigen wirtschaftlichen Aktivitäten sind tatsächlich nicht vereinbar mit einer ökologisch und sozial orientierten Nachhaltigkeit. Ohne grundlegende Veränderungen im Wirtschaftssystem geht es nicht. Aber da niemand genau weiss, wie wir dort hinkommen, arbeitet die Cipra an konkreten Projekten. Wir versuchen aufzuzeigen, wie eine bessere Zukunft aussehen könnte. Es braucht Keime, Gemeinschaften, die Fundamente legen für ein anderes Wirtschaften. Die Aufgabe der Cipra ist es, diese Ansätze bekanntzumachen und zum Nachahmen anzuregen.

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