Nr. 40/2016 vom 06.10.2016

Nachhaltig, bis der Jutesack reisst

Für Kontroversen blieb keine Zeit. Dafür liess die siebentägige Reise mit VertreterInnen der Alpenkonvention zum Thema «Grüne Ökonomie in den Alpen» tief blicken: in die PR-Arbeit der NachhaltigkeitsverkäuferInnen.

Von Walter Aeschimann (text) und Lina Müller (Illustrationen)

Tag 1: Brenner-Basistunnel

Das Fahrzeug holpert in die Düsternis. Ständig rauscht das Funkgerät, bei jedem Schlagloch presst es Sprachbrocken heraus. «In zehn Minuten können wir eine Sprengung miterleben», frohlockt der Fahrer. Fünf Sprengungen jeden Tag. 130 Kilogramm Dynamit für zwei Meter.

Es stinkt nach Ammoniak.

Sieben Tage unterwegs (grosse Ansicht der Karte) Karte: WOZ

Wir sind oberhalb von Innsbruck durchs Nordportal in den Brenner-Basistunnel gefahren. Der Polier aus Österreich lobt die Kameradschaft der Arbeitskräfte, von denen die meisten aus Ungarn gekommen sind. Als man ihn nach ihrer arbeitsvertraglichen Situation fragt, wird er wortkarg. Irgendwer müsse die Arbeit machen. Und wir selbst sind schliesslich ja auch nicht eingeladen worden, um den professionellen Alpenschutz kritisch zu hinterfragen, sondern um «state-of-the-art modern technology» zu bewundern.

Auf Einladung der Alpenkonvention reisen wir nun also sieben Tage durch die nordöstliche Alpenregion (vgl. «We are Alps» im Anschluss an diesen Text). Der Brenner-Basistunnel unter dem Brennerpass ist unsere erste Station. Der österreichisch-italienische Gemeinschaftsbau für gemischten Personen- und Güterverkehr wird entlang der Achse München–Verona zwischen Innsbruck und Franzensfeste/Fortezza die Alpen unterqueren, als Teil der 2200 Kilometer langen Eisenbahnhochgeschwindigkeitsachse Berlin–Palermo. Mit der schon gebauten Umfahrung Innsbruck würde der Tunnel eine Länge von 64 Kilometern erreichen. Das wäre die längste unterirdische Eisenbahnverbindung der Welt. Damit werde es gelingen, den Transitgüterverkehr auf die Schiene zu verlegen, behaupten die PromotorInnen – mit Datenmaterial, das auch aus dem Kaffeesatz hätte erhoben werden können. Derzeit geht man davon aus, dass der Bau rund 8,5 Milliarden Euro kosten und 2026 fertig sein wird. Der Innsbrucker Umweltanwalt Johannes Kostenzer wird mir später eine andere Einschätzung geben: Der Tunnel sei überflüssig und eine «geldverbrennende Bauruine». Vor allem weil der Verkehr sich nun zum Gotthard hin verlagern werde.

Immer noch rauscht das Funkgerät, derweil wir uns dem Ort der Sprengung nähern und der Tunnel unaufhörlich in den höchsten Tönen gewürdigt wird. Die unschönen Nebenwirkungen des Monumentalbaus haben keinen Platz in den Erzählungen. Dass ein grosser Teil des Aushubmaterials ins Padastertal, ein kleines Seitental bei Steinach, verfrachtet wird – davon berichten die Ingenieure nichts.

Das Tal wird rund siebzig Meter aufgeschüttet, die Oberfläche der Deponie neu gestaltet und bepflanzt. An die 350 Naturschutzauflagen sind dabei zu erfüllen. So müssen etwa für die neun im vorderen Padastertal vorkommenden Fledermausarten neue Schlafplätze bereitgestellt werden. Da Fledermäuse gemeinhin recht anpassungsfähig sind, ist das nicht allzu problematisch. Weit schwieriger jedoch gestaltet sich das Verpflanzen der seltenen Orchideen: Ein eigens dafür zuständiger Sachverständiger wacht darüber, dass keine Neophyten (nicht ortsübliche Pflanzen) angesetzt werden. Letztes Jahr wurde mithilfe von Futterkrippen begonnen, das in grosser Zahl hier ansässige Rotwild nach Norden zu locken. Vergeblich. Immer wieder kehren die Hirsche zurück.

Und dann also die Sprengung. Es hat zwar weniger gerumpelt als versprochen, eher dumpf gedröhnt. Doch sie glückt. Wir verabschieden uns, nicht ohne in die glücklichen Gesichter der Arbeiter zu schauen, und wandern, vorbei an der noblen Welt des Innsbrucker Aussenquartiers Igls, in drei Stunden nach Altrans. Ein Stück weit werden wir von zwei jungen Frauen begleitet. Sie haben den Auftrag, uns das internationale Jugendparlament zu erklären, das jährlich zusammenkommt, um Politik zu üben und Nachhaltigkeit zu lernen.

Unterdessen ist es 22 Uhr, und es ist dunkel geworden. Wir erreichen die Lichtakademie Bartenbach, laut Prospekt weltweit führend bei der «lichtarchitektonischen Gestaltung von Innen- und Aussenräumen». Zwei Vertreter betonen, nach Trockenfleisch und zwei Gläschen Weissen, die Bedeutung ihrer Arbeit: Die meisten öffentlichen Lichtkonzepte seien ineffizient, reine Lichtverschmutzung. Das Licht werde irgendwohin verteilt, nur nicht dorthin, wo es nötig wäre.

Tag 2: Ramsau

Nach Mitternacht ins Bett, um acht Uhr morgens auf den Zug. Heute ist das Thema «Reisen in den Alpen mit dem öffentlichen Verkehr» angesagt. Wir wechseln fünfmal Bus und Zug, bis wir im Dorf Ramsau bei Berchtesgaden ankommen.

Zunächst aber machen wir halt beim Sylvensteinspeicher im Freistaat Bayern, Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen. Der Speicher wurde in den fünfziger Jahren gebaut. Nötig geworden war er, weil zuvor errichtete Kraftwerke der Isar immer mehr Wasser entzogen hatten. Gelbbauchunken und Kammmolche, Biber und Schmale Windelschnecken hatten dadurch ihr natürliches Umfeld verloren, artenreiche Magerwiesen und -weiden sowie Buckelfluren verschwanden. Erst als auch die Stadt Bad Tölz zu verdursten drohte, reagierten die Behörden. Als 1954 die Bauarbeiten für den Sylvensteinspeicher begannen, wurde das Dorf Fall abgerissen, dessen Bevölkerung zwangsumgesiedelt, geopfert für sogenannt höhere Interessen – und ab 1959 das ganze Tal mitsamt dem Dorf geflutet.

Soeben ist für 25 Millionen Franken ein neuer Stollen des Speichers vollendet worden, der eine bessere Überwachung des Sickerwassers erlauben soll. Nun sind wir bei der feierlichen Eröffnung live dabei. Das Buffetmahl führen wir uns noch zu, die Vorträge der HonoratiorInnen müssen wir sausen lassen: Ab nach Ramsau! Im Bus komme ich mit einem älteren Herrn ins Gespräch. Der ehemalige Oberförster im nahen Berchtesgaden hat in den siebziger Jahren mitgekämpft, dass der Watzmann, der zentrale Gebirgsstock in der Gegend, nicht abgeholzt wurde, um ihn mit Seilbahnen, Lift- und Beschneiungsanlagen zu «erschliessen». Das wäre schon damals ein Irrsinn gewesen, denn Ramsau liegt nur 700 Meter über Meer. Der Mann wurde für seinen Einsatz heftig angefeindet – an diesem Abend bekommt er von parlamentarischen Staatssekretären und Staatsministern des Freistaats Bayern eine Medaille für besondere Verdienste im Umweltschutz.

Heute sind die RamsauerInnen froh, dass sie diesen Blödsinn nicht zustande gebracht haben. Das Dorf positioniert sich inzwischen als «Bergsteigerdorf» – eines von zahllosen Labels der Nachhaltigkeitsindustrie. Es ist Teil eines Projekts des Österreichischen Alpenvereins, an dem sich 21 Gemeinden beteiligen, die noch nicht «bespasst» sind. Das Ziel dabei: weniger TagesausflüglerInnen – und dafür mehr Übernachtungen. Um sich als «Bergsteigerdorf» deklarieren zu können, darf eine Gemeinde nicht mehr als 2500 EinwohnerInnen und kein Einkaufszentrum haben, muss ein makelloses Ortsbild vorweisen und mit dem öffentlichen Verkehr erreichbar sein.

Die Dorfprominenz empfängt uns zum Apéro im ersten Haus am Platz, wo wir uns erklären lassen, dass nicht der Profit des Unternehmens an erster Stelle komme, sondern dessen Nachhaltigkeit, der Einbezug von regionalen Materialien oder die Verköstigung der Gäste mit lokalen Produkten. Zufällig sitze ich beim Dinner neben dem Ehepaar Kuchlbauer, das die Schwarzen Alpenschweine für unser Essen liefert und mir deren Aufzucht näherbringt. Etwas theoretischer sind die Gedanken von Jens Badura, die er vor dem Dessert serviert. Das Credo des Kulturphilosophen, der auch an der Zürcher Hochschule der Künste über «Ästhetische Theoriepraxis» doziert: Wir müssten einen Raum für Reflexionen und Diskussionen schaffen, als Chance für einen neuen Blick auf die Alpenwelt – um zwischen Bergsteigen und touristischen Herausforderungen eine entwicklungsfähige Identität zu leben, die eine Zukunft in den Alpen ermöglichen würde.

Tag 3: Mallnitz

Auf dem Hof von Franz Kuchlbauer begegnen wir höchstpersönlich den ersten wieder geborenen Schwarzen Alpenschweinen nördlich der Alpen, nachdem diese alte Rasse schon ausgestorben schien. Kuchlbauer züchtet sie mithilfe von Pro Patrimonio Montano, einem Netzwerk zur Erhaltung der genetischen Vielfalt in den Alpen. Wir trinken einen Schnaps, fahren mit dem Postauto nach Hirschbichl zur deutsch-österreichischen Grenze hoch und wandern auf dem Lehrpfad hinunter nach Weissbach bei Lofer. Auf der Wanderung sollten uns der Naturpark Weissbach, die Weissbach-e5-Energy-Community und der «Salzburg Energy Masterplan» vorgestellt werden. Der Salzburger Vertreter drückt mir auf einer schmalen Brücke in der Weissbachschlucht einen Flyer in die Hand. Ein Gespräch kommt nicht in Gang – die Direktorin des Naturparks will unbedingt die Weissbach-e5-Strategie erläutern. Und dann möchte man ja auch die wunderbare Schlucht betrachten. Im Nachhinein wird man auf einen Artikel aus dem «Standard» vom April 2016 stossen: «Salzburgs Energiemasterplan rückt in weite Ferne. Die Salzburg AG begräbt ihr Geothermieprojekt. Erneuerbare Energie hat im Land ein Imageproblem.»

Bus und Zug bringen uns hurtig in das nächste Bergsteigerdorf: Mallnitz, das zugleich dem Netzwerk Alpine Pearls angeschlossen ist, einer Kooperation von 25 Tourismusgemeinden aus sechs Alpenstaaten. Diese «Perlen» sollten nachhaltige Qualitätskriterien wie verkehrsberuhigte Ortskerne, umweltfreundliche Freizeitangebote und Mobilitätsgarantie ohne Auto erfüllen.

In Mallnitz will mir Giovanni Vassena als Vertreter von Alpine Pearls das Netzwerk als besonders toll verkaufen. Als ich frage, wie um Himmels willen auch Interlaken – mit der Autobahn, dem aktiv propagierten Heliskiing und der zum Rummelplatz ausgebauten Bergwelt weltweit eine der alpintouristisch am intensivsten erschlossenen Regionen – in diesem Perlenverband dabei sein könne, erwidert er: «Wir sind froh, Interlaken im Portfolio zu haben.»

Tag 4: Villach

Ich stehe eine Stunde früher auf, um mir Mallnitz anzuschauen. Dann führt uns Clemens Schekulin, Förster der Österreichischen Bundesbahn Infrastruktur AG, in den stotzigen Föhrenwald. Dieser dient dazu, das Südportal des Tauerntunnels bei Mallnitz und den Schienenverkehr vor Steinschlag und Lawinenabgang zu schützen. Schekulin erklärt uns die Funktion des Schutzwalds, wie ein möglicher Schneeabgang entschärft wird, wo Bäume gefällt werden sollen und wo welche stehen müssen. Und: Er lobt die Schweizer Bundesbahnen, die beim Thema Risikoanalysen viel weiter seien. Den einheimischen Speck, den süssen und sauren Most müssen wir nach zehn Minuten stehen lassen – schon eilen wir auf den Zug, um kurz nach Mittag Villach zu erreichen.

Villach wurde 1997 die erste Alpenstadt des Jahres. Der Verein Alpenstadt des Jahres vergibt das gleichnamige Label an Städte, die die Alpenkonvention besonders strebsam adaptieren. Die Jury besteht aus Mitgliedern der Internationalen Alpenschutzkommission (Cipra), von Pro Vita Alpina und des Gemeindenetzwerks Allianz in den Alpen. Wir checken ins Viersternehotel ein und fahren mit der städtischen PR-Frau zum Sonnenbürger-Kraftwerk, das die Firma Kelag mit der Stadt Villach betreibt. Head of Corporate Finance und Finance Manager erklären uns das Prinzip: Mündige Menschen aus Villach dürften sich ein Solarpanel kaufen und erhalten dafür Strom und drei Prozent Rendite. Nach zwölf Jahren kauft die Firma zum gleichen Preis das Panel zurück. Für die BürgerInnen bestehe dabei kein Risiko – das alleinige Risiko liege bei der Firma.

Zum Glück ist die Kollegin aus Österreich informiert und entlarvt das PR-Geschwätz mit unnachgiebiger Fragerei: Die kleine Anlage liegt auf einem kontaminierten Hügel der Stadt Villach, für dessen Benutzung die Firma nichts bezahlt, aber EU-Gelder kassiert. Die Firma gehört zum Energieversorgungskonzern RWE, der mit Atomenergie geschäftet und Korruptionsskandale produziert. Man sei unabhängig von RWE, stammeln die Manager – und gestehen ein, dass die Anlage ein Verlustgeschäft und reine Imagewerbung sei.

Tag 5: Naturpark Dobratsch

Der Naturpark Dobratsch war früher das Skiresort von Villach, das pleiteging, weil das Klima auch hier nicht mehr verlässlich Schnee produzierte. Die ursprüngliche Idee war, in Beschneiungsanlagen zu investieren. Aber niemand wollte. So liess die Stadt das Gebiet naturnah zurückbauen, «in dieser Konsequenz europaweit die erste Renaturierung einer Skianlage», wie uns Naturparkdirektor Robert Heuberger erklärt. Das Bedürfnis nach naturnaher Erholung ist nun aber derart gross, dass die jährlich rund 300 000 BesucherInnen mit Lenkungsmassnahmen kanalisiert werden müssen. Für die Fahrt auf der Bergstrecke in den Naturpark muss man zahlen.

Christine Spazier führt uns in den Kräuterpark auf 1700 Metern Höhe. Es windet und ist kühl, Nebel schleicht die Kalksteinfelsen hoch. Der Garten wird von Freiwilligen instand gehalten, an diesem Sonntag jätet ein älteres Ehepaar. Spazier weiss viel über Pflanzen und deren Heilwirkung, produziert Salben, Öle und Weiteres, darf diese aber nicht offiziell verkaufen, weil sie keine Bewilligung erhält. Deshalb gibt sie ihre Produkte bei Workshops ab. Und so dürfen auch wir – zwischen Palatschinken und Kräutertee mit Rum – eine Salbe aus Kiefernharz herstellen, die besonders bei Verbrennungen wirken soll.

Unterdessen haben wir uns daran gewöhnt, auf den Zug zu rennen. Wir fahren nach Lesce, Sloweniens Zentrum für Schokolade und Skydiving. Am Bahnhof holt uns das muntere Ehepaar Andrej und Jasna Pecjak mit Elektroautos ab und fährt uns zu einer Garage aufs Land hinaus. Hier bauen die beiden Elektromotoren in alte Autos ein. Mit einem seiner Fahrzeuge hat Andrej Pecjak das Autorennen von Monte Carlo in seiner Kategorie gewonnen. Weil niemand glauben wollte, dass dieses Auto bis zu 180 Kilometer pro Stunde fährt, so erzählt der ehemalige Profialpinist und Ingenieur, habe er bei einer Verkehrskontrolle bewusst aufs Pedal gedrückt und eine Busse dafür erhalten. Dafür ist die Geschwindigkeit nun amtlich.

Wir essen selbstgemachte Köstlichkeiten, um uns für die weiteren Termine an diesem Tag zu stärken: in Bohinj eine Präsentation des Nationalparks Triglav, dann Busfahrt nach Bohinjska Bistrica und schliesslich «authentisches Abendessen» mit RepräsentantInnen der slowenischen Regierung, die uns erklären, wie sie mit EU-Geldern nachhaltige Projekte finanzieren.

Tag 6: Tolmin

Nach dem Frühstück führt uns Natasa Andlovec, Marketingmanagerin unseres Ökoluxushotels in Bohinjska Bistrica, ins «Musterzimmer». Nachhaltigkeit auf fünf Sterne hochgetrimmt, natürliche Materialien aus der Region, beheizter Swimmingpool, Spabereich und Zimmer mit Klimaanlage. Ich frage, wer sich das leisten würde. Aus Slowenien hätten sie kaum Gäste, sagt Andlovec, die meisten kämen aus Belgien, Deutschland und Italien, kaum jedoch solche aus der Schweiz. Die Auslastung liege unter fünfzig Prozent. Auf die Frage, wer den Verlust begleiche, lächelt die Managerin und sagt, dass sie keine Verluste hätten.

Mit dem Zug fahren wir zum südöstlichen Ende des Alpenbogens, den Julischen Alpen, und bestaunen unterwegs die mächtigen Felsen aus Kalkgestein, in denen sich die Wolken verfangen haben. Das letzte Stück radeln wir dem Fluss Soca entlang nach Tolmin, Alpenstadt des Jahres 2016. Das auf einem Plateau gelegene Dorf ist durch Bauernaufstände und Partisanenkämpfe in die Geschichte eingegangen.

Bürgermeister Uros Brezan empfängt uns beim Fluss. Tolmin erhält ein Drittel seines 18-Millionen-Euro-Budgets aus dem EU-Nachhaltigkeitsfonds. Damit will die Stadt den Tourismus fördern und die Jugend vor der Abwanderung nach Ljubljana oder ins nahe Italien bewahren.

Ansonsten hätte die Gemeinde keine grösseren Probleme – wenn nicht das Musikfestival «Hell over Paradise» wäre. Jedes Jahr hören hier an diesem Fluss eine Woche lang Tausende von Heavy-Metal-Fans höllischen Sound, leben dabei auch alle anderen menschlichen Bedürfnisse aus und hinterlassen viel Mist – an diesem Fluss im Nationalpark Julische Alpen. Die hier ansässigen Menschen haben dadurch Jahr für Jahr drei Wochen lang keinen Zugang zum Fluss. Nein, ein Verbot des Events sei aus wirtschaftlichen Gründen ausgeschlossen, sagt der Bürgermeister. Man denke aber über eine Reduktion des Publikums nach.

Beim Besuch der Firma Hidria dürfen wir keine Fotos machen. Auch wird gebeten, die ArbeiterInnen, meist Frauen, die bei dröhnendem Lärm am Fliessband stehen, nicht zu befragen. Stattdessen verrät uns der Chefingenieur, dass die Firma – «europaweit führend» – ein breites Spektrum an Motorkaltstartsystemen entwickelt und erzeugt, die «entscheidend zu einer besseren Verbrennungskontrolle im Motor und geringeren Abgasemissionen beitragen».

Von den hohen Fertigungshallen wandern wir in die tiefen Schluchten des Tolminska-Parks. Dabei kommt es zu einer Begegnung mit Markus Reiterer, dem Generalsekretär der Alpenkonvention, der für einen Tag angereist ist. «Wenn man das Leben in den Alpen nachhaltig erhalten will, muss man sich entwickeln können», sagt der auf Umweltrecht spezialisierte Jurist und ehemalige österreichische Diplomat in Genf. «Wir haben viel erreicht. Die Verbotsnormen greifen, die Prozesskraft ist nicht mehr einfach zu ignorieren», betont er. Nur eines hätten sie verpasst: die Menschen auch über die kulturelle Schiene anzusprechen. Meinen Einwurf, dass man von der Alpenkonvention einst mehr erwartet hätte, kontert er: «Was wäre, wenn es uns nicht gäbe?»

Tag 7: Nova Gorica

Erneut bin ich eine Stunde früher aufgestanden, um zu sehen, was für ein Dorf dieses Tolmin eigentlich ist, in dem wir gestern angekommen sind, und setze mich in ein Café. Eine Frau hastet mit dem Handy am Ohr vorbei, ein Paar küsst sich zum Abschied im Auto, im Café lesen zwei ältere Männer Zeitung, und im Hintergrund plärrt das Radio.

Der Bus bringt uns nach Nova Gorica, einer slowenischen Stadt, die erst nach dem Zweiten Weltkrieg auf dem Reissbrett entstanden ist, nachdem die alte Stadt Gorica in einen grösseren italienischen und einen kleineren slowenischen Teil geteilt wurde. Hier, in diesem historischen und geologischen Grenzgebiet, schnuppern wir, den kalten Hauch der schroffen Gebirge noch im Nacken spürend, schon mediterrane Luft. Eilig durchqueren wir auf dem Fahrrad die beiden Städte, in denen heute an jeder beliebigen Stelle die Landesgrenze überschritten werden kann. Nach einem Dutzend Reden, dem Essen im ehemaligen Kloster und dem Schlusskaffee werden wir – «Tschüüüsss» und Küsschen auf alle Seiten – zur Heimfahrt im Bahnhof Gorizia in den Zug verfrachtet.

Die Nachhaltigkeitsmaschinerie hat uns ausgespuckt, vollgestopft und übersättigt mit Terminen im Stundentakt. Den nachhaltigsten all ihrer Grundsätze – «weniger ist mehr» – ignorierten die professionellen NachhaltigkeitsmanagerInnen. Für vertiefende und kontroverse Gespräche, für Denkräume oder Zukunftsfragen blieb keine Zeit. Reale Machbarkeit und Wachstum waren das Thema. Nachhaltig selbstverständlich, aber flexibel definiert – und eingebettet in den wirtschaftspolitischen Mainstream.

Die hübsche Jutetasche, die ich zu Beginn erhalten habe, ist vom PR-Material derart angeschwollen, dass sie auf der Heimfahrt reisst.

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