Nr. 09/2008 vom 28.02.2008

Wieso immer gegen unten?

Von Susan Boos

Frech, ein Buch «Jugo-Schweiz» zu nennen. Der Journalist Philipp Kämpf hat es gewagt - im Willen, gegen die «Jugo»-Vorurteile im Land anzuschreiben. In der ersten Hälfte des Buches hält Kämpf ein engagiertes «Plädoyer», das ihm aber gründlich misslingt.

So fragt Kämpf zum Beispiel: «Weshalb sind ganz offensichtlich gerade Jugos die Feindbilder etlicher Schweizer?» Seine Antwort: «Wagen wir einen Perspektivenwechsel und fragen uns: Was hält man im Ausland von uns Schweizern (...)? Der Schweizer ist bäuerisch, plump, laut, hinterwäldlerisch. Sind das nicht gerade die Vorurteile, die in der Schweiz über Jugos kursieren? Genau: Das Jugo-Klischee ist des Schweizers verzerrtes Spiegelbild.» Und am Ende des Plädoyers, in dem er vieles antippt, aber nirgends wirklich zur Sache kommt, begnügt er sich mit einer platten Belehrung: «Lieber Leser, akzeptieren Sie, dass es in der Schweiz viele Ex-Jugoslawen gibt, die um einiges intelligenter sind als Sie selber!»

Wirklich schade, dass Kämpf alle seine LeserInnen für derart bekloppt hält, dass er sie - im ersten Teil des Buches - nur mit Allgemeinplätzen füttert. Der zweite Teil des Buches ist indes wesentlich gelungener; da interviewt Kämpf MigrantInnen vom Balkan, die wirklich etwas zu sagen haben. Unter anderem kommt die Dichterin Dragica Rajcic zu Wort, die kluge Sachen sagt wie zum Beispiel: «Es gibt übrigens auch viele nicht integrierte Schweizer (...) Die Leute am Zürichberg sind überhaupt nicht integriert, sie leben in einer abgesonderten Parallelwelt und reden kaum mit Normalbürgern. Aber die stören offenbar niemanden. Was ich hier in der Schweiz nie verstanden habe: Wieso geht hier die Wut immer nach unten und nicht nach oben?» Wunderbar.

Kämpf interviewt auch den jungen, erfolgreichen Dragan Ljubisavljevic und fragt ihn, ob man den «Nutzen», den die MigrantInnen brächten, nicht mehr thematisieren sollte. Worauf der antwortet: «Ich will von den Leuten hier akzeptiert werden, weil ich Dragan heisse (...). Aber dass ich Nutzen bringe ... Ich bin doch kein Nutztier? Bin ich eine Kuh, die man melken soll?» Toll. Schön auch die Porträts des Fussballers Sreto Ristic oder des ehemaligen Mister Schweiz Robert Ismajlovic, der erzählt, wie er als Junge den Krieg in Zadar erlebte und monatelang im Keller übernachten musste: «Bomben hin, Bomben her - ich bin immer Brot holen gegangen: Ich habe Geld gesammelt von den Leuten und bin dann in der ruhigen Zeit hinausgegangen, das haben die Leute immer geschätzt.»

Das ist schlicht und überzeugend. Kämpf hätte den Erzählungen der «Jugos», die er so beherzt zu verteidigen versucht, mehr trauen müssen. Sie hätten ein ganzes Buch verdient, denn was sie zu erzählen haben, lässt Klischees und Vorurteile von selbst verschwinden.

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