Nr. 09/2008 vom 28.02.2008

Ein Platz an der Sonne

Mit gigantischen Solarkraftwerken soll Nordafrika der Sprung vom Energieimport zum Energieexport gelingen. Dies kommt vor allem der europäischen Klimabilanz zugute.

Von Jutta Blume

Ralf Fücks, Vorstandsmitglied der ökopolitischen Heinrich-Böll-Stiftung, freut sich über die Erfindung der «eierlegenden Wollmilchsau» im Energiebereich: Desertec. Ein Netzwerk solarthermischer Kraftwerke in der Sahara soll das Weltklima retten, regional für Beschäftigung und Einkommen sorgen, Trinkwasser aus Meerwasser herstellen und als europäisch-afrikanisch-arabisches Kooperationsprojekt zum Frieden beitragen. Die Werbetrommel für die energetische Weltrettung durch Desertec rührt der Club of Rome.

Technisch machbar ...

Die Idee scheint einfach und logisch. Täglich liefert die Sonne ein Vielfaches der Energie, die wir benötigen, um Strom und Wärme zu erzeugen. In der Sahara könnte diese Energie ohne Landnutzungskonflikte in Solarstrom verwandelt werden. Dieser muss dann nur noch zu den VerbraucherInnen in Nordafrika, im Nahen Osten und in Europa gebracht werden. Ein wichtiger Bestandteil von Desertec sind daher belastbare Leitungen für den Stromexport, insbesondere nach Europa.

Die technischen Voraussetzungen, um das Konzept von Desertec in die Praxis umzusetzen, sind vorhanden. Mit Gleichstrom-Hochspannungsleitungen lasse sich Strom über weite Strecken ohne grosse Verluste übertragen, sagt Michael Straub, Marketingverantwortlicher des Netzwerks Trec (vgl. unten), das Desertec entwickelt hat. Derartige Leitungen würden bereits verwendet, um Bohrinseln im Meer zu versorgen. Die Übertragungsverluste liegen bei drei Prozent pro tausend Kilometer, die Sonnenintensität der Wüste würde diese Verluste aber aufwiegen.

Auch die Parabolrinnenkraftwerke, die in der Sahara zum Einsatz kommen sollen, sind keine technische Neuheit. In Kalifornien sind sie seit den achtziger Jahren im Einsatz. Und in Spanien ging kürzlich Andasol 1 mit einer Leistung von 50 Megawatt ans Netz, Andasol 2 befindet sich bereits im Bau. Parabolrinnenkollektoren bündeln mittels rinnenförmig angeordneter Spiegel das Sonnenlicht auf eine Leitung, die in deren Mitte verläuft. Dadurch wird die Flüssigkeit in dieser Leitung erhitzt und betreibt schliesslich eine gewöhnliche Dampfturbine. Überschüssige Hitze wird in Flüssigsalztanks gespeichert, damit das Solarkraftwerk Tag und Nacht Strom liefern kann. In einer Region mit weitgehender Sonnengarantie gelten die solarthermischen Kraftwerke daher als grundlastfähig, das heisst, sie garantieren einen kontinuierlichen Stromfluss.

Gleichermassen praxiserprobt sind Meerwasserentsalzungsanlagen. In Dubai beispielsweise werden sie mit der Abwärme fossiler Kraftwerke betrieben. Solche Entsalzungsanlagen lassen das Meerwasser mehrfach verdampfen und wieder kondensieren. Ein grosser Pluspunkt von Desertec ist, dass es Kraftwerkskühlung und Meerwasserentsalzung kombiniert. Mithilfe einer solaren Entsalzungsanlage könnte etwa die Trinkwasserversorgung von Sana'a gesichert werden. Der jemenitischen Hauptstadt drohen ab 2015 die Süsswasserreserven auszugehen. Werden keine Alternativen gefunden, müsste die gesamte Stadt umgesiedelt werden.

... aber überdimensioniert?

Anders als die technische Umsetzung wirft die Grössenordnung von Desertec Fragen nach der Machbarkeit auf. Laut dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt werden der Nahe Osten und Nordafrika bis zum Jahr 2050 denselben Strombedarf wie Europa erreichen, nämlich 4000 Terawattstunden im Jahr. Die Hälfte dieses Stroms soll - nach dem Szenario von Desertec - aus erneuerbaren Quellen stammen, grösstenteils produziert in solarthermischen Kraftwerken. Dass der Anteil an erneuerbaren Energien nicht höher angesetzt wird, begründet Gerhard Knies, Physiker und Koordinator von Trec, damit, dass die Versorgungssicherheit gewährleistet sein muss.

Zusätzlich zur Versorgung des Nahen Ostens und Nordafrikas sollen die Wüstenkraftwerke mit 700 Terawattstunden im Jahr 10 bis 25 Prozent des europäischen Strombedarfs decken, insgesamt also 2700 Terawattstunden jährlich produzieren. Dazu bräuchten sie eine Kraftwerksleistung von 500 Gigawatt. Das ist 10 000-mal so viel, wie Andasol 1 zurzeit produziert - und mehr als die Leistung aller Windräder weltweit.

Die Kosten für die solarthermischen Kraftwerke in der Sahara schätzt Knies auf 1000 bis 1500 Milliarden Euro. Er sieht in der immensen Summe aber keine unüberwindliche Hürde: «Die Investitionen müssen in jedem Fall aufgebracht werden, da bis 2050 keines der jetzigen fossilen und atomaren Kraftwerke mehr im Einsatz sein wird.»

Um Desertec auf die Beine zu helfen, wünscht sich Trec von der EU eine Anschubfinanzierung von zehn Milliarden Euro. «Man könnte damit beispielsweise das Übertragungsnetz nach Europa ausbauen», meint Knies. Mit dem Erlös aus dem Stromexport könnte Nordafrika dann weitere Kraftwerke bauen.

Zwar bekunden WissenschaftlerInnen und PolitikerInnen der nordafrikanischen Länder grosses Interesse an erneuerbaren Energien, doch die Realität sieht bislang anders aus. Verschwindend klein nur ist der Anteil an Strom, der aus Sonne oder Wind gewonnen wird. In Ägypten spielt lediglich die Wasserkraft eine Rolle. Immerhin baut das Land zurzeit mehrere Windparks. Und in Algerien entsteht in Hassi R'mel ein erstes Hybridkraftwerk: Seine Gas- und Dampfturbine wird sowohl von Erdgas als auch von Solarthermie angetrieben. Allerdings liegt der geplante Solarstromanteil der Anlage nur bei gut fünf Prozent.

So ehrgeizig die Pläne von Trec sind - schaut man genauer hin, bleiben sie lückenhaft. Erstens aus klimapolitischer Sicht: Selbst wenn man die Hälfte des Strombedarfs des Nahen Ostens und Nordafrikas aus erneuerbaren Energien decken könnte - die CO2-Emissionen der Region stiegen aufgrund des wachsenden Strombedarfs weiter. Lediglich Europa würde mit dem Stromimport seine Klimabilanz verbessern.

Einwände gibt es zweitens aus entwicklungspolitischer Sicht. An Desertec kann teilnehmen, wer das nötige Startkapital aufbringt. Zwar wird dieses sinken, sobald die neuen Technologien massenhaft angewandt werden. Von vornherein ausgeschlossen bleiben aber jene Weltregionen, in denen das Kapital ganz fehlt. Zum Beispiel Afrika südlich der Sahara.

Aus Afrikas Perspektive fragwürdig

Diese Region hätte den Ausbau der Energieversorgung noch dringender nötig als Nordafrika. Nur rund ein Viertel der Bevölkerung hat dort Zugang zu elektrischem Strom, in ländlichen Regionen weit weniger.

Vielfach setzt man im südlichen Afrika daher auf dezentrale Energieerzeugung. Sogenannte «solar home systems» zum Beispiel decken den Strombedarf eines Haushalts über Solarzellen ab. Auch in Tunesien sind rund 12 000 solcher «solar home systems» im Einsatz. Wird das Stromnetz des Landes aber im Zug von Desertec vervollständigt, sieht Amor Ounalli, Direktor der Abteilung Erneuerbare Energien der tunesischen Energieagentur, kein weiteres Potenzial, Haushalte für die dezentralen Systeme zu interessieren. Die Kehrseite des Netzausbaus scheint zu sein, dass damit die Verantwortung für die Stromerzeugung an die grossen Versorger delegiert wird.

Fabio Longo, Vorstandsmitglied von Eurosolar, kritisiert am Desertec-Konzept denn auch vor allem den geplanten Bau von Hochspannungsleitungen in Nordafrika und im Nahen Osten: «Man könnte die Regionen problemlos mit erneuerbaren Energien vor Ort versorgen, man braucht dazu kein Supernetz.» Eurosolar setzt auf dezentrale Energieproduktion, in Europa wie in anderen Weltregionen.

Ausserdem sind die Investitionen in ein Meganetz laut Longo auch noch keine Investition in erneuerbare Energien. «An das Netz könnte man genauso gut Atomkraftwerke anschliessen.» Sinnvoller sei daher ein Technologietransfer in die entsprechenden Länder, etwa um in ganzen Dörfern ein autarkes Stromnetz aufzubauen. In Nordafrika an Stromexport zu denken, hält er für absurd. «Priorität müsste es für die nordafrikanischen Länder haben, ihre eigene Energieabhängigkeit vom Ausland zu beenden.»

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