Nr. 12/2008 vom 20.03.2008

Spiel mit der Wahrheit

In seiner «Kriminalnovelle» erzählt Jürg Amann die Geschichte eines Mordes, der nie stattgefunden hat, aus unterschiedlichen Perspektiven - und bleibt dabei leider etwas vage.

Von Eva Pfister

«Achtzehn Jahre nach der Hinrichtung ihres verurteilten angeblichen Mörders ist die totgeglaubte Chinesin Shi Xiaorong wieder aufgetaucht.» So lautet die Pressemeldung, die Amann zu seiner «Kriminalnovelle» inspirierte und die der Autor auf der ersten Seite zitiert. Der Clou dabei: Der vermeintliche Mörder war geständig!

Mit diesem Vorwissen ausgestattet liest man das Geständnis des zwanzigjährigen Schülers Teng Xingshan. Er berichtet von seiner grossen Liebe zur schönen Geschichtslehrerin Shi und erzählt auch von sich. Er hatte die Schule gewechselt, fühlte sich einsam, wollte aber auch mit niemandem mehr etwas zu tun haben. Ausser mit dieser auffallend schönen Frau, die zwar nur sechs Jahre älter war als er, mit der sich aber eine Liebesbeziehung verbot. Teng wurde zum Stalker, der jeden Morgen und jeden Nachmittag der Lehrerin auf dem Schulweg auflauerte. Sie ignorierte ihn, bis sie ihn auf einem Klassenausflug überraschend an sich heranliess. Für den Schüler war das eine verwirrend direkte sexuelle Attacke, der er hilflos ausgesetzt war und die ihn in noch grössere Einsamkeit stürzte.

Das Verhalten der Lehrerin befremdet, aber natürlich lesen wir das Geständnis des Schülers bereits mit Zweifeln. Denn die Tat, die er begangen haben wollte, existiert nicht. Falls er eine Frau ermordet und zerstückelt hatte (eine derart zugerichtete Leiche ist die einzige feststehende Tatsache in diesem Fall), dann nicht diese Lehrerin, die achtzehn Jahre nach ihrem plötzlichen Verschwinden wieder auftauchte.

Im luftleeren Raum

Die Skepsis beim Lesen bleibt, wenn die Mutter der Lehrerin nach deren Rückkehr ihre Version der Geschichte erzählt, danach Ermittler und Ankläger sich rechtfertigen. Nicht einmal die Aussage von Shi Xiaorong selbst bringt eine Aufklärung. Der Begriff «Kriminalnovelle» führt also in die Irre, eine Auflösung des rätselhaften Geschehens wird nicht geliefert, so wenig wie bei Akira Kurosawas Film «Rashômon», der dem Buch offensichtlich Pate stand. Statt einer Wahrheit enthüllen sich Schicksale und Geschichten, die uns durchaus interessieren, aber noch mehr fesseln könnten, wenn sie sich nicht so oft in Andeutungen erschöpften und trotz klarer Situierung im Beijing des ausgehenden 20. Jahrhunderts im luftleeren Raum zu schweben scheinen.

Die Mutter erzählt von jenem Mann, den sie bisher allen verschwiegen hatte, dem europäischen Vater ihrer Tochter. Er kam als Austauschstudent an ihre Universität: «Ich war allein; mein erster Mann war mir aus politischen Gründen, die hier nichts zur Sache tun, abhanden gekommen; ich war frei.» Der junge Franzose wurde ihr Geliebter, nach drei Monaten reiste er wieder ab und erfuhr nichts von ihrer Schwangerschaft. Die Chinesin brach den Kontakt mit ihm ab: «Es war vernünftig. Es war staatskonform. Mit dem Klassenfeind ging man keine Verbindung ein.»

Dass die Tochter als erwachsene Frau nach dem Vater gesucht hatte, erfuhr die Mutter erst, als sie wieder zurückgekommen war. Er war der Europäer, mit dem sie in Beijing einige Male gesehen wurde, bevor sie verschwand - mit ihm. In der mit Spannung erwarteten letzten Version dieser «Pekinger Passion», derjenigen von Shi Xiaorong, hofft man zu erfahren, warum sie so wortlos abreiste, was sie erlebte in Europa, warum sie zurückkam.

Kunstvolle Gratwanderung

Spätestens hier wird es für den Autor schwierig, die Situation im Ungefähren zu belassen. Als Icherzählerin berichtet Shi Xiaorong zwar von ihrem Umgang mit dem Schüler und von ihrer Abreise mit dem Vater. Aber sie wirft nur zynisch als Spiegelbild zurück, was die Umgebung in sie projiziert: «Natürlich, so wird es gewesen sein, so wie es auch kolportiert wird, da es die Leute sagen, wird schon etwas dran sein.»

Es folgt eine kunstvolle Gratwanderung von einem Bericht, der einerseits eine weitere Version des «Kriminalfalles» entfaltet, sich aber andererseits ständig in Frage stellt. Zum Ende erscheint die Wahrheit entfernter denn je. Der letzte Satz lautet nicht zufällig: «Aber was ist schon Wahrheit?»

Die Kunstfertigkeit des Spiels mit den Möglichkeiten hat ihre Schattenseiten: Die Figuren bleiben künstlich. Vor allem Shi Xiaorong fehlt jegliche Glaubwürdigkeit, und so verlieren wir rasch das Interesse an ihr. Wenn alles so wahr wie falsch sein kann, bleibt es beliebig.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 88-385775-2
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH 75 0900 0000 8838 5775 2
Verwendungszweck Spende woz.ch