Nr. 15/2008 vom 10.04.2008

Schicke Täschchen aus Sodom und Gomorrha

Mit Immobilienkäufen und einem umstrittenen Gesetz will die Stadt Amsterdam ihr legendäres Rotlichtviertel sanieren. Aus Fensterbordellen werden Designboutiquen.

Von Tobias Müller

Wenn die Dämmerung über die schiefen Häuser fällt und sich die roten Leuchtreklamen in der Gracht spiegeln, dann wirkt alles wie immer. Finster guckende Türsteher im Anzug bewachen die Eingänge zu den Peepshows, der Lockruf «Coke? Ecstasy?» der fliegenden Händler wechselt sich mit dem Klingeln der Fahrrad-Polizeistreifen ab. Hinter den Scheiben räkeln sich die Frauen, rauchen, telefonieren und klopfen mit dem Nagel ans Glas.

Eine Nacht wie so viele auf den Wallen, dem Rotlichtviertel Amsterdams. Nur die leeren Fenster ab und an, in denen ein «Zu vermieten»-Zettel klebt, machen stutzig. Und manch einE BesucherIn mag sich irritiert fragen, wo denn die Prostituierten geblieben sind, die dort waren, wo jetzt Taschen und Designerkleidung die hell erleuchteten Vitrinen schmücken.

Ein Sturm zieht auf über den Wallen: Ende letzten Jahres kündigte die Gemeinde an, ihr weltberühmtes Schmuddelkind zu waschen, zu kämmen und zur Maniküre zu schicken. Um das «Gleichgewicht im Viertel wiederherzustellen», will man die Zahl der Fensterbordelle und Coffeeshops drastisch reduzieren. Erzwungene Prostitution, Frauenhandel und Geldwäsche seien im Quartier nach wie vor die Regel.

Der Charakter des ehemaligen Hafenviertels soll völlig verändert werden: mehr Galerien und Boutiquen, weniger Läden mit Sexspielzeug und Headshops mit Kifferbedarf. Hochwertige Gastronomie statt schmutziger Imbissstuben, die ihr Angebot am Fresskick der DrogentouristInnen ausrichten. «Die Zeit, in der wir den schönsten Teil der alten Innenstadt von Gesindel übernehmen liessen, ist vorbei», liess sich Lodewijk Asscher, der Stadtrat für Finanzen, vernehmen. Das Coalitieprojekt 1012, benannt nach der Postleitzahl, soll das Viertel in die Visitenkarte der Stadt verwandeln. Die im dreistelligen Millionenbereich veranschlagten Kosten will die Stadt gemeinsam mit einem anliegenden Luxushotel, Kaufhäusern und Banken schultern.

Pauschalverdacht «kriminogen»

Nur ein paar Blocks entfernt sitzt Els Iping, Vorsitzende des Stadtteils Centrum, in ihrem Büro. Schon seit sechs Jahren sei die Gemeinde mit der «physischen Infrastruktur» des Rotlichtviertels beschäftigt, erzählt die Sozialdemokratin. Man habe den Verkehr beruhigt, die Mauern der Grachten ausgebessert und Überwachungskameras aufgehängt. Jetzt will man an die Substanz, denn «die Branche an sich ist anfällig für Kriminalität, und die hohe Konzentration verstärkt diesen Effekt». Der Kreis der Unternehmer auf den Wallen sei geschlossen, da die Häuser «untereinander» verkauft würden. «Also musste im Bereich der Immobilien etwas passieren», sagt Iping.

Der Hebel, den die Stadt ansetzt, ist das Gesetz zur Beförderung von Integritätsbeurteilungen durch die öffentliche Verwaltung, kurz Bibob. Vor fünf Jahren eingeführt, soll es den städtischen Behörden mehr Einfluss auf die Genehmigungen für Gastronomie- und der Sexbetriebe geben. Besteht die «ernste Vermutung», dass jemand sein Geld mit illegalen Aktivitäten verdient oder daran in Zukunft Gefallen finden könnte, kann die Genehmigung eingezogen oder verweigert werden. «Kriminogen» lautet das Schlagwort für diese Verbrecher im Stand-by-Modus.

In den letzten Jahren wurde das Bibob-Gesetz verstärkt auf Sexunternehmer und HausbesitzerInnen angewandt, die Zimmer an Prostituierte vermieten. Beispielhaft steht der Fall der Kiezlegende Charles Geerts, besser bekannt als Dikke Charles, dem ein Drittel der Räume im Rotlichtviertel gehörte. Vor zwei Jahren strich die Gemeinde seine Genehmigung. Geerts setzte zunächst per einstweilige Verfügung durch, sein Geschäft weiterbetreiben zu können.

Kurz darauf wandte sich jedoch eine Projektentwicklungsfirma an Geerts, die in Zusammenarbeit mit der Gemeinde Restaurationen im historischen Zentrum durchführt. Man bot ihm 25 Millionen Euro, wenn er seine siebzehn Gebäude abtrete. Ein Preis, der sich eigentlich nur rechnet, wenn die Häuser weiterhin zur Prostitution genutzt werden. Geerts liess sich auf den Deal ein. Für den entstandenen Wertverlust entschädigte die Gemeinde die Projektentwicklungsfirma mit 15 Millionen Euro. Seitdem haben weitere Wohnungsbaugesellschaften mit BesitzerInnen von Prostitutionsimmobilien Verhandlungen aufgenommen. Parallel dazu droht die Stadt mehreren Geschäftsleuten, ihre Genehmigungen nicht zu verlängern.

«Kafka an der Amstel»

Frühlingsgefühle kommen daher auf den Wallen derzeit nicht auf. «Alle Unternehmer haben Angst», erzählt Wim Boef, Sprecher der Platform 1012. Um das Quartier zu erhalten, wie es ist, haben sich achtzig Geschäftsleute zusammengefunden. Die Unsicherheit geht einher mit Wut über das Aufkaufen der Häuser. Darüber, dass Unternehmer wie Geerts zwar nie verurteilt, aber dennoch öffentlich als Verbrecher vorgeführt würden. Und vor allem über das Bild, das die Stadt vom Rotlichtviertel entwirft: «Der Bürgermeister stellt dies hier als ein grosses Sodom und Gomorrha dar. Wenn es Kriminalität gibt, sagen wir: 'Dann packt sie an.' Aber sie stigmatisieren ein ganzes Viertel!» Das Bibob-Gesetz, das die lokale Geschäftswelt eigentlich begrüsst hätte, habe sich zum Instrument einer pauschalen Verdächtigung entwickelt. «Jeder hängt an einem Draht, den die Gemeinde nur zu kappen braucht. Sie müssen nicht einmal begründen, auf welcher Grundlage jemand als kriminell bezeichnet wird. Das ist Kafka an der Amstel.»

Entmutigungspolitik

Mit seiner Genehmigung hat Kiez-Jan Broers keine Probleme. «Alles ist kontrolliert in meinem Betrieb. Die Mädchen, die in meinen Räumen arbeiten, sind alle selbstständig», erklärt er. Seit dreissig Jahren vermietet Broers Räume an Prostituierte. Dazu betreibt er ein Hotel mitten auf der Hauptstrasse. «Mit Herz und Seele» hänge er an seinem Viertel, «und darum ärgert es mich fürchterlich, dass sie der ganzen Gegend dieses 'Kriminell'-Schild umhängen. Gegen eine Sanierung habe ich nichts. Wenn sie die Süchtigen und die Dealer rausschmeissen wollen, bitte schön. Auch das Bibob-Gesetz ist kein Problem, wenn sie es richtig einsetzen. Immerhin wurde noch kein einziger Laden wegen Frauenhandels geschlossen oder weil Minderjährige beschäftigt werden. Was die Stadt macht, ist Entmutigungspolitik. Dieses Jahr wollen sie mit der Prostitution fertig sein, danach nehmen sie sich die Coffeeshops vor. Dabei kommen die Leute doch genau darum nach Amsterdam. Die schicken Einkaufsstrassen sind doch nach sechs Uhr abends tot.»

Dass es der Gemeinde um den Schutz der Prostituierten geht, nimmt Jan Broers ihr nicht ab: «Die siebzehn Gebäude, die sie schon aufgekauft haben, haben rund fünfzig Fenster. Mit Tag- und Nachtschicht sind das hundert Prostituierte, die ihren Arbeitsplatz verlieren. Aber das kümmert sie nicht.» Broers zeigt auf ein Poster: Eine Frau im Minirock beugt sich auf dem Strassenstrich ins Auto eines Freiers. «Vielen Dank, Asscher», heisst es darunter an die Adresse des Finanzvorstehers, «ist es das, was du willst?»

Auch Mariska Majoor macht sich keine Illusionen: «Natürlich gibt es hier illegale, erzwungene Prostitution. Durch die Pläne der Gemeinde wird das Problem aber nicht gelöst. Denn für einen Zuhälter bedeuten weniger Fenster nicht, dass er aufhört. Für die Prostituierten dagegen nimmt der Druck bereits jetzt zu. Wenn es weniger Fensterbordelle gibt, erhöhen sich die Preise. In dieser Branche lässt sich das aber nicht so einfach auf den Kunden abwälzen. Doch Prostituierte beschweren sich nicht, weil sie sich immer danach richten, was die Nachbarin verdient.»

Majoor weiss, wovon sie spricht, immerhin hat sie fünf Jahre lang selbst auf den Wallen gearbeitet, ehe sie 1994 das Prostitutions-Informationszentrum PIC öffnete. «Als ich selbst im Fach war, vermisste ich einen Ort, an dem Menschen, die ein- oder aussteigen wollen, sich informieren können, der aber auch Studenten, Besuchern und Kunden als Anlaufstelle dient.»

Sexarbeit ist in den Niederlanden seit acht Jahren legal. Majoor findet dennoch, dass Prostitution noch immer als ein gesellschaftliches Problem gelte. «Die Stadt geht davon aus, dass sie Seelchen rettet, wenn sie die Fenster schliesst.» Auch in ihrer Nachbarschaft wird sie bald verwaiste Vitrinen sehen können, denn der Platz um die mittelalterliche Oude Kerk spielt in den Plänen der Stadt eine zentrale Rolle. Einer der beiden grossen Vermieter hat seine Häuser bereits verkauft, und im April sollen die ersten achtzehn Vitrinen geschlossen werden. Was danach passiert, liegt im Dunkeln. Mariska hat allerdings eine Befürchtung: «Werden sie da auch diese komischen Modebetriebe reinsetzen?»

Red Light Fashion

Ihre widersprüchliche Position ist Mariette Hoitink durchaus bewusst. Einerseits zieht ihr Projekt «Red Light Fashion», das Ausstellen von Designermode in ehemaligen Prostitutionsfenstern, weltweites Medieninteresse auf sich. Andererseits ist Red Light Fashion als sichtbarer Vorbote der Veränderung im Quartier nicht allzu beliebt. «Ich verstehe die Angst der Leute hier. Mich würde es auch verrückt machen, wenn ich nicht wüsste, ob ich mein Geschäft nächstes Jahr noch hätte.» Die Initiative für Red Light Fashion entstand, als ihr im letzten Frühjahr zwei Vertreter der Stadt vom Plan erzählten, auf dem Kiez Immobilien zu erwerben. «Da es in Amsterdam einen grossen Bedarf an bezahlbaren Ausstellungsräumen gibt, schlug ich ihnen vor, etwas mit Modedesign zu machen. Ein halbes Jahr später kamen sie zurück. Sie erzählten, sie hätten die Häuser von Charles Geerts gekauft. Ob ich fünfzehn Designer wüsste, die darin arbeiten und leben wollten.»

Kurz nach dem Jahreswechsel begann das Projekt. Alle zwei Wochen müssen die ausgewählten KünstlerInnen nun ihre Auslagen ändern. Dafür stellt ihnen die Stadt ein Jahr lang die ehemaligen Bordelle als Wohnateliers zur Verfügung - zum Nebenkostenpreis. Mariette Hoitink ist begeistert vom Ambiente. «Zum ersten Mal werden niederländische Designer einem grossen Publikum sichtbar gemacht - und das auf eine typisch Amsterdamer Art, nämlich sehr kontrovers.»

Designermode neben Prostituierten, diese Kombination ist zweifellos der Blickfang des Wandels auf den Wallen. Im Gesamtkonzept des Coalitieprojekts 1012 spielt beides jedoch nur eine Nebenrolle. «Wir haben einen breiten Ansatz, doch alles interessiert sich nur für die Huren», sagt Els Iping in ihrem Büro über der Amstel. Dass der Kampf gegen illegale Prostitution ein Nebenschauplatz ist, gibt die Stadtteilvorsitzende freimütig zu. «Uns geht es um Entwicklung, die nur möglich ist, wenn die Kriminalität zurückgedrängt wird.» Das Bibob-Gesetz stellt das nötige Amalgam in dieser Gleichung dar. Es dient dem stadtplanerischen Anspruch, mit der Funktion auch das Publikum des Viertels neu zu erfinden: «Wir wollen nicht Touristen mit etwas anziehen, auf das wir nicht stolz sind.» Umgekehrt sei die heutige Wallen-Klientel auch nicht die anvisierte Zielgruppe.

Wen die Stadt dagegen sehr wohl durch ihr künftiges Vorzeigequartier flanieren sehen will, weiss Els Iping auch: «Touristen, die eine bildhübsche Stadt mit einer toleranten Atmosphäre und sehr viel Kultur wollen.»

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