Nr. 10/2016 vom 10.03.2016

Wer hat heute das Sagen an der Langstrasse?

Wer an Zürichs Langstrasse ohne krumme Geschäfte eine Bar betreiben will, hat es schwer. Das merkte auch Jeanette Vernay – nach fünf Jahren musste sie ihre Bar schliessen.

Von Meret Michel (Interview) und Florian Bachmann (Foto)

Jeanette Vernay: «Früher hat man gesehen, wer wo den Chef markiert. Heute ist es an der Langstrasse nicht mehr so klar, wer die Fäden in der Hand hat.»

WOZ: Frau Vernay, vergangenen Dezember haben Sie Ihre Bar nach fünf Jahren aufgegeben. Warum?
Jeanette Vernay: Es hat finanziell einfach nicht mehr gereicht. Wenn du versuchst, etwas Normales zu machen – also sauber zu arbeiten, Mehrwertsteuer zu zahlen, Personalkosten abzurechnen und all das –, kannst du in diesem Quartier kaum überleben. An der Langstrasse selber kostet die monatliche Miete für eine Bar im Schnitt 10 000 Franken, in den Seitenstrassen zwischen 5000 und 10 000. Dazu kommen die Fixkosten: Strom, Löhne, die Mehrwertsteuer. Und dann musst du auch noch Schlüsselgeld zahlen.

Schlüsselgeld?
Das funktioniert folgendermassen: Wenn du ein Ladenlokal mieten willst, musst du dem Vermieter in vielen Fällen eine gewisse Summe bezahlen. 60 000 Franken vielleicht. Offiziell sagt der Vermieter dann zum Beispiel, das sei fürs Inventar. Aber das hat eigentlich keinen Wert – und wurde auch schon hundertmal verkauft. Aber weil die Langstrasse so beliebt ist, kann man halt noch etwas oben drauf verlangen.

Und wie machen das alle anderen, die an der Langstrasse ein Geschäft oder eben eine Bar betreiben?
Schauen Sie doch mal in die ganzen Kebab-Läden rein! Da sitzt kaum ein Mensch darin. Unter der Woche verdienen die kaum etwas. Das Defizit stopfen viele mit Schwarzgeld oder illegalen Spielautomaten.

Wenn du als Restaurantbetreiber sauber arbeiten willst, kannst du fast nur überleben, wenn du selber auch gleich der Vermieter der Liegenschaft bist. Dann kannst du mit den Mieteinnahmen der Wohnungen das Defizit der Beiz ausgleichen. Oder du besitzt mehrere Restaurants und kannst so quersubventionieren. Aber als Mieter bist du fast schon dazu gezwungen, krumme Geschäfte zu machen, um zu überleben.

Die Langstrasse war doch schon lange ein Ort, wo viele krumme Geschäfte gemacht haben.
Ja, Ganoven gab es auch schon früher an der Langstrasse, Kleinkriminelle, die mit Waffen oder Drogen handelten. Im Moment aber habe ich den Eindruck, dass sehr viel Schwarzgeld im Umlauf ist. Vielleicht, weil man in Krisenzeiten sein Geld irgendwie parkieren muss. Schwarzgeld investiert man am besten in den Kunsthandel – oder halt eben in Immobilien. So kann man es reinwaschen.

Die Langstrasse scheint ein beliebter Ort dafür zu sein. Warum?
Viele Hausbesitzer hier besitzen ein, zwei Häuser, weil sie zum Beispiel geerbt haben. Hier gibt es eigentlich keine grossen Immobilienfirmen wie etwa beim Escher-Wyss-Platz im Kreis fünf, wo mittlerweile alles neu überbaut wurde. Dort läuft alles sauber über die Buchhaltung, da kannst du kein Geld schwarz vorbeischleusen. Bei den Privatpersonen an der Langstrasse ist es einfacher, Schwarzgeld zu parkieren.

In den achtziger Jahren war die Langstrasse als Hoheitsgebiet der Hells Angels berüchtigt …
Es gibt sie noch. Ein Grüppchen von mittlerweile alten Männern, alle sechzig plus. Inzwischen sind sie aber recht brav geworden. Die haben jetzt ihr Lokal am Stadtrand in Seebach, die meisten haben Familie und ein geregeltes Einkommen. Im Erotikgeschäft sind nur noch wenige tätig – und wenn, dann meist in grösseren Bordellen. Aber auch das ist heute alles sauber. An der Langstrasse sieht man sie nur noch selten. Wenn sie zu uns in die Bar kamen, hatten wir aber immer ein gutes Einvernehmen mit den Hells, sie haben normal konsumiert und bezahlt. Und manchmal war es gar nicht schlecht, sie im Lokal zu haben. Auf einige Leute machen sie immer noch Eindruck – die denken dann, die Bar stehe unter Schutz.

Und wer hat heute das Sagen an der Langstrasse?
Schwer zu sagen, heute ist es undurchsichtiger geworden. Früher hat man gesehen, wer wo den Chef markiert. Und es war offensichtlich, zu wem du gehen musst, wenn du etwas wissen wolltest. Heute ist es nicht mehr so klar, wer die Fäden in der Hand hat. Wenn du in einen dieser Kioske gehst und nach dem Chef fragst, heisst es oft: «Chef heute nicht da, schon lange nicht mehr gesehen.» Und auch das Personal wechselt die ganze Zeit. Das macht es auch für soziale Organisationen schwieriger, die zum Beispiel mit Prostituierten arbeiten.

Welchen Einfluss hat das auf die Situation der Sexarbeiterinnen und Sexarbeiter?
Mir haben viele gesagt, dass es früher besser gewesen sei. Klar, auch unter den Hells Angels hat es Gewalt gegen die Frauen gegeben, das will ich nicht verharmlosen. Aber es gab feste Preise und klare Praktiken. Und für die Frauen war es sicherer als heute. Mit den Hells war jemand da, der den Tarif durchgegeben hat. Man konnte die Preise nicht drücken, und es gab weniger Konkurrenz unter den Frauen, weil jede ihren angestammten Platz hatte und wusste, wo die anderen stehen. Und die Hells haben auch mal geholfen, wenn eine Hilfe brauchte.

In der nächsten Ausgabe erzählt die Sozialarbeiterin Jeanette Vernay (48), wie sich die Situation für Sexarbeiterinnen im Langstrassenviertel aufgrund der aktuellen Politik der Stadtzürcher Regierung verändert hat.

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