Nr. 28/2020 vom 09.07.2020

Stille schleicht durch Amsterdam

«Disneyland an der Gracht»: Mit diesem Image will man in Amsterdam Schluss machen. Doch wie viel gesellschaftliche Erneuerung ist im Post-Lockdown-Zustand überhaupt möglich?

Von Tobias Müller (Text) und Erik Veld (Porträtfotos), Amsterdam

TouristInnen, tatsächlich. Eine Frau, ein Mann, eine Kamera – ganz allein in dieser Strasse, die aus dem Rotlichtviertel zum Damplatz führt. Es ist ein Samstagabend im Mai, halb elf. Die Dämmerung hängt noch über der Stadt, doch es kommt einem vor wie die Geisterstunde – und das Paar, beide um die dreissig und aus Deutschland: wie eine Erscheinung aus vergangener Zeit. So auch der Preis, den sie für ihr Hotelzimmer zahlten: 58 Euro die Nacht. Die Stadt mit ihren verwaisten Strassen, sie gefalle ihnen in diesem Zustand, sagen die beiden.

Der Lockdown produziert Mythen, die mit Katharsis zu tun haben. Oder zumindest der Hoffnung darauf: die saubere Luft in China. Die Delfine in der Lagune Venedigs (was sich dann doch als Social-Media-Fake erweisen sollte). In Amsterdam ist es das Wasser, das man nun auf dem Oudezijds Voorburgwal plätschern hört. Sagt eine Frau, die dort eines frühlingshaften Abends vor ihrer Tür sitzt. Sie meint nicht den Heineken-Strahl gegen die Hauswände, den betrunkene TouristInnen von sich geben, sondern das Wasser in der Gracht. Eine Katze, die ihr in diesen Wochen aus einem der geschlossenen Restaurants zulief, streunt um sie herum. Das weltberühmte Rotlichtviertel: ein virusbedingtes Standbild.

Und die Menschen, die hier wohnen, sie mögen das. So wie sie sich jahrelang zunehmend routiniert über all die Citytrippers beschwerten und zum unablässigen Sound der Rollkoffer stöhnten, reden jetzt alle von Durchatmen. All die jedenfalls, die nicht von der Gastronomie leben. Auch im Stadthaus, schreibt die lokale Tageszeitung «Het Parool» Ende April, ist man inspiriert: Die Stille des Lockdowns, heisst es, biete Chancen, die Weichen grundsätzlich neu zu stellen. Die AmsterdamerInnen sollen ihr Stadtzentrum zurückbekommen – und der Tourismus künftig nachhaltig statt «platt konsumistisch» sein.

Ein paar Wochen später erhalten die Abgeordneten des Amsterdamer Stadtrats Post von ihrer Bürgermeisterin. Femke Halsema, inzwischen Mitte fünfzig, war in jungen Jahren schon Chefin und Galionsfigur der Partei GroenLinks. In ihrem Brief beschwört sie die «Dringlichkeit, über die Innenstadt der Zukunft nachzudenken». Sie fordert Diversität statt der «Einheitswurst der auf schnellen Konsum gerichteten Läden» und zugänglichen Wohnraum statt dauervermieteter Urlaubsapartments. Auch die Zahl der TouristInnen will Halsema beschränken, das entsprechende Angebot ebenso – und ruft Bewohnerinnen, Unternehmer und ImmobilieneigentümerInnen auf mitzuhelfen.

Diese elenden Mützen überall!

Anfang Juni schält sich Amsterdam langsam aus dem Lockdown. Die Terrassen der Cafés öffnen wieder. Und auch in der Stadtverwaltung kehren die ersten BeamtInnen zurück. So auch Mascha ten Bruggencate, Vorsitzende des Stadtteils Centrum, und der Projektmanager Michiel Thunnissen. Bei der Entwicklung neuer Ideen für das Zentrum ist das Duo entscheidend beteiligt: die Politikerin der liberalen Partei D66 auf Verwaltungsebene, der Manager in ausführender Rolle. Worum es geht, ist eigentlich einfach: «Eine bessere Balance in der Stadt», sagt Michiel Thunnissen. «Die Bewohnerinnen wohnen hier, die Unternehmer unternehmen da – und auch Besucher sind willkommen. Aber eben nicht umgekehrt!»

Dass das historische Zentrum zur rein touristischen Spielwiese verkommen ist, kritisiere man im Stadthaus schon seit Jahren, erzählt Mascha ten Bruggencate. Die Coronakrise habe nun sichtbar gemacht, wie abhängig das Gebiet vom ständigen Strom der BesucherInnen sei – und wie das die Situation derer, die noch hier wohnten, beeinträchtige: «In den Wohnvierteln etwas ausserhalb gab es trotz Abstandhalten noch immer Leben auf den Strassen und sozialen Zusammenhalt. Die Leute holten sich das Essen bei lokalen Restaurants, um sie zu unterstützen. Im Zentrum dagegen: gähnende Leere!»

Gleich vor dem Stadthaus bestätigt sich dies, und zwar ausgerechnet durch den viel besungenen und noch öfter besuchten Markt auf dem Waterlooplein. Kaum einer der Stände, die sonst die gesamte Fläche zustellen, ist aufgebaut, die festen Verkaufscontainer vorne an der Gracht sind verrammelt. «Dieser Ort hat den Ruf eines alten, originellen Flohmarkts. Dabei werden hier ganz schön viele von diesen Amsterdam-Mützen verkauft», spielt Mascha ten Bruggencate auf das beliebte Souvenir aus dicker Wolle und mit Bommel an. Ein erstes Beispiel für das, was die beiden immer wieder kritisieren: «Monokultur».

Dass der Kampf noch nicht verloren ist, zeigt sich ein paar Ecken weiter. Die Hoogstraat geniesst die besondere Aufmerksamkeit der beiden StadtverbesserInnen: «Diese Strasse ist wie eine Wippe. Am einen Ende sieht man noch ein Antiquariat, Taschen- oder Textilläden; am anderen dominieren die rein touristischen Gewerbe», sagt ten Bruggencate. Thunnissen weist auf ein leeres Geschäft mit gigantischen Schokocremegläsern im Schaufenster: «Wir nennen das ‹Nutella-Läden›. Fünf Euro für eine Waffel! Und dort drüben, das ATM-Schild: ein Geldautomat, wo du immer ein paar Euro extra bezahlst.»

Symptombekämpfung per Schild

Wie aber will die Stadt gegen diese stetige Touristisierung vorgehen? Zur Symptombekämpfung hat man – wie etwa im Rotlichtviertel – Schilder aufgestellt, die mit Strafgeldern für Alkoholtrinken oder Urinieren auf der Strasse drohen. Strategisch soll der Flächennutzungsplan helfen. Thunnissen verweist auf Immobilien im Besitz der Gemeinde, ten Bruggencate darauf, dass man Gebäude aufkaufen könne, um Nutzung und Charakter eines Viertels zu steuern. «Klar ist: Es gibt keinen Katalog schneller Massnahmen, um das zu schaffen. Vielmehr brauchen wir die breite Unterstützung der Unternehmen und der Politik.»

Im Stadtrat zumindest reicht diese inzwischen deutlich über die progressive Koalition hinaus, der neben Grünen und D66 auch Sozialdemokratinnen und Sozialisten angehören. Was viel wert ist in Zeiten, in denen das politische Klima auch in einer Stadt wie Amsterdam polarisiert ist. Zugleich gibt die Stadtteilvorsitzende zu bedenken: «Manche Leute denken ja, man könnte nach Corona neu beginnen. Aber natürlich können wir uns nicht wie an einem Legotisch eine neue Stadt bauen und dann einfach so Figuren reinsetzen. Es gibt eine bestehende Stadt, und von der müssen wir ausgehen.»

An einer schmalen Grachtenbrücke zeugt an diesem Tag im Juni ein voller Mülleimer davon, dass die alte Dynamik wieder ins Zentrum zurückdrängt. Gerade flanierten ein paar TouristInnen aus Deutschland und Frankreich daran vorbei. Mascha ten Bruggencate weiss, dass ihr Plan kein Selbstläufer ist: «Wenn ich jetzt die ersten Leute hier rumziehen sehe mit diesem suchenden Blick: ‹Wo sind die Prostituierten und wo die Coffeeshops?›, dann ist mir klar, dass wir uns an die Arbeit machen müssen.»

Doch genau das wollen auch all jene, die ihren Unterhalt mit dem Tourismus verdienen. Barbara de Vlam etwa, die an einem regnerischen Junitag ihr Geschäft mit Badeenten wiedereröffnet. Es liegt an der Oude Leliestraat, die aus dem populären Quartier Jordaan ins Zentrum führt. Ihr Konzept – Enten in allerlei Verkleidungen und Aufmachungen – wird inzwischen von vielen weiteren Souvenirläden kopiert. Durch den Lockdown verlor sie achtzig Prozent ihres Umsatzes, vier der sechs Teilzeitangestellten musste sie entlassen: «Als Bewohnerin des Zentrums fand ich die Ruhe auch sehr angenehm», gesteht sie hinter ihrem frisch angebrachten Spuckschutz aus Plexiglas. «Aber ich kann es mir nicht leisten zu warten, bis die Touristen zurückkommen.»

Ein Schild in einem Schaufenster wenige Meter weiter verkündet, dass der Designladen Nooo sugar seit Mai geschlossen ist und nun als Webshop weitermacht. Solche Mitteilungen sieht man nun häufiger in der Stadt. Am Nieuwezijds Voorburgwal, der Strasse zwischen Damplatz und Grachtengürtel, hat Kremena Nellicovsky unlängst das Sortiment erweitert. Neben den landestypischen Stroopwafels, jenen dünnen und doch massiven Sirupscheiben, verkauft sie nun auch Mundmasken für 1,50 Euro, das Zehnerpack gibt es für zehn Euro. Das winzige Geschäft ist leer. Und so sitzt die Betreiberin nun hinter ihrem Tresen, vertieft in ein Lehrbuch der niederländischen Sprache.

Kremena Nellicovsky kam vor ein paar Jahren aus Bulgarien, um in Amsterdam zu arbeiten. Den Laden betreibt sie mit ihrem Mann. Die Schaufenster mit den Süssigkeiten und den drei Andreaskreuzen, dem Amsterdamer Stadtwappen, kombinieren genau das, was TouristInnen anzieht und viele Einheimische ärgert. «Ich verstehe, dass die Leute genervt sind», sagt Nellicovsky, «aber das ganze Zentrum lebt doch vom Tourismus.» Draussen fährt ein Auto mit deutschem Kennzeichen vorbei, was man seit Ende Mai wieder häufiger sieht. Die Saison 2020 hat Nellicovsky trotzdem abgeschrieben.

Fremd im eigenen Quartier

Auf dem Damplatz entfaltet sich ein altes Szenario derweil wieder neu: Der Platz ist nicht länger verwaist, doch hört man in diesen Tagen, zumal unter der Woche, viel mehr Niederländisch als früher. Im Schatten vor dem Palast, am westlichen Ende, sitzen zwei junge Frauen aus Arnhem. Kim van Weelden und Tana Rietdijk, zwei Freundinnen, die einen Tag durch die Hauptstadt streifen. Touristinnen im eigenen Land – noch so ein Phänomen des ausklingenden Lockdowns. Das ganze Land scheint derzeit zu versuchen, Urlaub in möglichst einsam gelegenen Unterkünften in der Natur zu buchen.

Die beiden Arnhemerinnen kommen immer mal wieder nach Amsterdam. Was es diesmal besonders macht? «Wir mussten uns nicht durch all die Leute quetschen. Und wir bekamen einfach so, ohne lange Schlangen, ein Ticket für das Anne-Frank-Haus.» Kim van Weelden hatte Glück: Im Pflegeheim, in dem sie arbeitet, gab es keinen Coronaausbruch. Dies ist ihr erster Ausflug nach dem Lockdown. Ihre Freundin sagt, sie verstehe, dass die AmsterdamerInnen vom Massentourismus genug hätten. «Wobei, Tourismus hat auch seinen Charme.»

Edwin Schölvinck würde dem an sich nicht unbedingt widersprechen. Doch in der schmalen Gasse im Rotlichtviertel, in der der selbstständige Rechtsberater seit den neunziger Jahren wohnt, stauten sich bis zur Coronakrise die BesucherInnen: «Es ist, als seien sie nicht mehr sie selbst, wenn sie in dieses Quartier kommen. Sie schreien, pissen, kotzen – ganz so, als hätten die, die hier wohnen oder arbeiten, darauf gewartet. Man denkt: ‹Hier geht alles›, aber das ist ein Missverständnis! Jeden Freitag- und Samstagabend kamst du dir wie ein Fremder in deiner eigenen Nachbarschaft vor. Und dann der Abfall von all dem Fastfood!»

Plastikmüll findet sich Mitte Juni schon wieder reichlich in den Strassen des Viertels. Draussen denkt man nun wieder eher an Sommer als an Corona. Durch die offene Tür klingen das Lachen und die Gespräche der Vorbeiziehenden. Französisch, Englisch, Deutsch – und zwischendurch das Glockenspiel der Oude Kerk, des ältesten noch bestehenden Gebäudes der Stadt. An internationale BesucherInnen richtet sich auch die Aufschrift auf den Türflügeln: «You may be surprised to learn that the Red Light District is primarily a residential area. Come and meet the locals.»

Mikadospiel gegen das Disneyland

Auch der 56-jährige Edwin Schölvinck ist einer dieser «locals», die man hier treffen kann. Im schmalen Raum steht ein langer Tisch mit Informationsmaterial, unter dem nun sein Hund Jorge döst. Hinten gehts in eine kleine Küche. Entlang der Wände ziehen sich die Porträtfotos, die seit zwei Jahren auch an den Mauern des Viertels auftauchen: Erwachsene und Kinder, Paare, Singles, Familien und Haustiere, versehen mit der Aufschrift «We Live Here». Knapp 4000 Personen wohnten im Rotlichtviertel De Wallen, sagt Schölvinck. Seit zwei Jahren organisieren sich einige von ihnen in diesem Projekt, das die BesucherInnen zu mehr Rücksichtnahme bewegen will.

Angestossen wurde das Ganze vor zwei Jahren von der Stadt. Da sassen sie dann also zusammen, ein paar Beamtinnen und Bewohner, um dem gemeinsamen Kind einen Namen zu geben. «Residents of the Red Light District», regte ein brainstormingerprobter Beamter an. Worauf eine Bewohnerin, die ihn falsch verstanden hatte, mit Amsterdamer Schnauze entgegnete: «Nix presidents, I live here!» So erzählt Schölvinck die Entstehungsgeschichte der Initiative. Inzwischen entwickelt sich der kleine Besuchsraum an der Oude Kerk zum Nachbarschaftszentrum.

Schon in den frühen zehner Jahren, sagt Schölvinck, sei es zu viel geworden mit dem Tourismus. Damals sei dieses Image des «Disneyland an der Gracht» entstanden und mit ihm «eine Monokultur von Waffelshops und Eissalons, Quietschentchen und Ticketshops». Dass es schwer wird, diese zurückzudrängen, ist Schölvinck klar. Die Verbotsmassnahmen, zu denen die Stadt mehr und mehr greift, passen eigentlich nicht zu Amsterdams liberalem Charakter. Aber man müsse ja irgendwo anfangen, meint Schölvinck: «Ich vergleiche die Situation mit einem Mikadospiel, bei dem man ein Stöckchen nach dem anderen hinauszieht.»

Dass eine neue Initiative nun eine Obergrenze von zwölf Millionen Übernachtungen im Jahr fordert, begrüsst Schölvinck. «Das ist ein klares Ziel, auf das man hinarbeiten kann. Man kann abschätzen, wie viele Hotels oder Cafés man dafür benötigt, und die Politik entsprechend abstimmen.» Letzteres sieht er ohnehin als Schlüssel: «Wir als Bewohner können alles Mögliche wollen. Aber am Ende braucht es eine Politik, die das auch umsetzt.»

Wie einer dieser «Morgen danach»

Die Woche ist beinahe zu Ende, als bei We Live Here noch die Zukunft anklopft. Oder besser: durch die offene Tür einfach hineinkommt. Sie sieht aus wie eine Rucksackreisende ohne Rucksack. Was daran liegt, dass Berber Hidma inzwischen selbst Touren organisiert – nur eben anders. Eine sensiblere, nachhaltige Form von Tourismus, das planen sie und ihre beiden Kolleginnen. Ihre Führungen knüpfen bei sozialen Themen der jeweiligen Viertel an. «Reinvent tourism» nennt sich das Konzept, das Tourismus als positive statt destruktive Kraft nutzen will.

«Eigentlich wollten wir im April beginnen. Dann kam Corona. Jetzt peilen wir Juli an», erklärt Berber Hidma, die einst Jura studierte, als Geschichtenerzählerin auftrat und seit sieben Jahren auch als Guide. Was bedeutet, dass sie just die Periode, über die sich die Menschen hier fortwährend beklagten, von innen miterlebt hat. «So habe ich gesehen, was der Massentourismus mit einer Stadt macht. Dabei kommen die Leute natürlich nicht, um Probleme zu verursachen. Viele würden gerne etwas Positives beitragen.»

Dies zu ermöglichen, ist der Anspruch von Berber Hidma und ihrem neu gegründeten Betrieb Tours that Matter. Thematisch ist er nah an aktuellen Diskursen: Es geht um Kolonialismus und Fairtrade, Gegenkultur und Gentrifizierung. Ähnliche Touren sind auch für Barcelona angedacht. In Amsterdam ist Hidma derzeit mit We Live Here für eine mögliche Zusammenarbeit im Gespräch. Eine gemeinsame Forderung gibt es schon: Auch Berber Hidma ist der Meinung, dass die allgemeine Zahl der BesucherInnen begrenzt werden muss.

Am nächsten Tag schickt Edwin Schölvinck noch einige Fotos aus seiner Strasse. Es sieht schon wieder aus wie einer dieser einstigen «Morgen danach» auf den «Wallen»: Ein Lieferwagen vor einem Hotel. Die Filiale der Trashfoodkette Febo an der Ecke. Pralle Müllsäcke auf dem Trottoir, an denen sich Möwen gütlich tun und an der Plastiktoleranz ihrer Mägen arbeiten. Wie schrieb «Het Parool» damals, mitten im Lockdown? «Amsterdam will die Innenstadt den AmsterdamerInnen zurückgeben.» Es wird einen langen Atem brauchen.

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