Nr. 15/2008 vom 10.04.2008

Es geht ums Leben

Die SBB haben ihre Abbaupläne für die Cargo-Werkstätte vorerst zurückgezogen. Über den Streik in Bellinzona und vom Streik an und für sich.

Von Oliver Fahrni

«I am a man». Auf der Lok, die da am Ende der grossen Werkhalle gestrandet ist, klebt dieses kleine Papier, und wer den englischen Satz mit «Ich bin ein Mann» übersetzt, hat die Essenz dieses Streiks verpasst. «Ein wenig Mensch waren wir schon, aber richtige Menschen sind wir erst in diesen Wochen geworden», sagt ein Arbeiter der Officine, der SBB-Werkstätten in Bellinzona.

Gianni Frizzo, der Streikführer, Sandro Marci und Ivan Cozzaglio vom Streikkomitee sind drei dieser 430 Menschen. Nicht für Lohn streiten sie, und auch nicht nur für ihre Jobs: Ihnen geht es um eine Arbeitsform, um einen Ort, um sozialen Zusammenhalt, ein Leben. Der Lokmechaniker Cozzaglio etwa amtet als stellvertretender Bürgermeister (SP) von Biasca. Marci, der Elektroanlageninspektor, hält diverse Vereine und Organisationen auf Trab. Und Frizzo, der umgeschulte Sattler, hat das Komitee «Hände weg von den Werkstätten» schon 1999 gegründet, als Antwort auf die ewige SBB-Litanei von Abbau - neue Versprechen - Abbau - neue Versprechen . . . und die handzahme Duldung der SBB-Politik durch den Schweizerischen Eisenbahner-Verband (SEV) - mehr Hausfreund denn Gewerkschaft.

Irgendwann in der zweiten Streikwoche kamen andere Menschen zu Besuch, Nicolas Wuillemin, der gefeuerte Streikführer der Swissmetal Boillat, und die «Zornigen Frauen» von Reconvilier. Die meisten von haben ihren fünfwöchigen Kampf gegen den Hedgefonds Laxey und den Manager Hellweg vor zwei Jahren mit einem persönlichen Desaster bezahlt. Wuillemin fährt jetzt täglich Dutzende von Kilometern zu irgendeiner Arbeit. Spätestens mit der Visite aus dem Jura wurde deutlich, warum der Kampf der SBB-Mechaniker eine ganze Region in Flammen setzt und weit darüber hinaus kleine Feuer entzündet oder nährt. Wo immer die Cargo-Arbeiter hinkamen, nach Freiburg, Bern oder Basel, hörten sie: «Haltet aus. Ihr kämpft auch für uns.»

«Sie haben uns Kraft gegeben»

Ein soziales Malaise im ganzen Land erkannte sich in den Tessinern. Malaise über der Herrschaft des Profits in allen Lebensdingen, über arrogante und abzockende Manager, über Politiker und Medienleute bis weit in die Schmuse-Linke, die in einer solchen Bewegung wahlweise die Revolte uneinsichtiger Werker (die man ausgestorben glaubte) oder eine Marketingübung der Gewerkschaften zeichnen. In einer Betriebsversammlung der Lonza in Visp stand ein Arbeiter auf und sagte: «Wir schicken den Kollegen der Officine unseren Gruss. Wir haben oft an sie gedacht, sie haben uns Kraft gegeben, in unserem Kampf für einen neuen Kollektivarbeitsvertrag.» Eine Cargo-Delegation wurde in Zürich beim Bauarbeiterstreik gefeiert. Sandro Marci freut das, aber er empfindet es mitunter als Last, plötzlich dies alles schultern zu müssen.

Während sich manche nun, nach dem Streikabbruch, in Ferndiagnosen räkeln, suchen sich die Arbeiter und Gewerkschafter von Bellinzona für den zweiten Teil des Kräftemessens zu wappnen. Sie wissen: Wahrscheinlich werden sie über den runden Tisch gezogen, von der Koalition aus Bundesrat, rechten Lastwagenpolitikern und SBB-Konzern. Alle Ingredienzien sind vereinigt: Deregulierung, schleichende Privatisierung, die Verteilung des fetten Kuchens SBB Cargo. Eine alte Faustregel besagt, dass ein ausgesetzter Streik nicht mehr in Gang gebracht werden kann. Doch darauf sollten weder SBB-CEO Andreas Meyer noch Bundesrat Moritz Leuenberger wetten, FDP und SVP schon gar nicht. Die Menschen im Streikkomitee sind klar im Kopf, scharf in der Analyse - und entschlossen. An Pfingsten vor dem Portal des Gotthardtunnels zu campieren, wäre vielen Tessinern gewiss eher Lust denn Last.

Streik oder Rebellion?

Überhaupt der Streik. Vor fünf Wochen noch ein Unwort im Tessin, kamen bald schon der Monsignore und das Symphonieorchester in die besetzten Werkstätten. Es hat eine merkwürdige Bewandtnis, mit dem Streik. Wortreich mühen sich Gewerkschafter, dieses Menschenrecht zu legitimieren (demnächst der SGB mit einem neuen Buch). Angetrieben werden sie dabei vom Kapital, von seinen Politikern und seinen fürchterlichen Juristen, die im Streik den Untergang ihrer Schweiz zu sehen vorgeben. Tritt der Streik aber tatsächlich ein, ist er sogleich banal, legitim, notwendig. Die versammelte Romandie unterstützte den Kampf der Boillats. Kaum jemand bezweifelt, dass die Bauarbeiter für einen GAV mit vollem Recht Baustellen lahmlegen. Im Tessin wurde der Streik zum Schrei eines Landesteils.

Darin enthüllt der Streik seine Natur. Nicht Umsturz ist sein Ziel, sondern die Neuregulierung von sozialen Beziehungen, die aus dem Lot geraten sind. Das Kapital herrscht über die Arbeit. Das äussert sich nicht nur in Gewalt: Es organisiert immer auch die Zustimmung der Unterworfenen. Manchmal aber zerstört die Profitlogik diese Zustimmung. Kaum ist ein Streik ausgerufen, richten Kapital, Gewerkschaft und meistens auch die Belegschaft ihre Energie darauf, das Verwertungsverhältnis wiederherzustellen - wenn auch unter leicht veränderten Bedingungen: etwa höheren Löhnen oder flexibleren Arbeitszeiten. Oder eben: mit geretteten Arbeitsplätzen. Danach sind sie feiner abgestimmt; das Unterordnungsverhältnis ist durch den Streik bestätigt. Der Streik gehört zum Kapitalismus wie der Arbeitsvertrag.

Bei den SBB wäre das kein Problem gewesen: Die angeblichen Verluste von SBB Cargo sind ein Klacks im Vergleich zum Konzernprofit und den Milliarden-Subventionen. Verkehrsminister Leuenberger hätte den Streikabbruch viel früher haben können. Doch er und der Bundesrat blieben Sklaven der neoliberalen Doktrin, der Staat habe sich nicht in die Wirtschaft einzumischen. Selbst dann nicht, wenn er der einzige Aktionär eines Konzerns wie der SBB ist. Nur zeigt auch Bellinzona: Profitlogik allein hält noch keine Gesellschaft zusammen.

Wohl gerade andersrum: Weil der Bundesrat zauderte, weil die Rechte mit dem Feuer spielte, um die Bahn später leichter zu privatisieren, und CEO Meyer wütete, hat sich in diesem Konflikt etwas verschoben. Schwer zu sagen, ob dieser Ausstand noch ein Streik ist oder schon eine Rebellion. Er hat die Arbeiter für vier Wochen aus dem unmittelbaren Unterwerfungsverhältnis gelöst. Für einige von ihnen bedeutet das: I am a man.

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