Nr. 43/2020 vom 22.10.2020

Bis der Manager vom Werksgelände flieht

Ein Buch über den Arbeitskampf in den SBB-Werkstätten von Bellinzona schreibt Schweizer Streikgeschichte aus einer Nähe, wie das bisher noch nie geschah.

Von Stefan KellerMail an AutorIn

Langer Atem in den Officine: Die Belegschaft stimmt für die Weiterführung des Streiks (Bellinzona, 28. März 2008). Foto: Karl Mathis, Keystone

Lange Zeit galt der Streik in der Schweiz als eine Kampfform der unanständigen Art. Viele Jahre gab es fast keine Streiks, und manche Leute glaubten sogar, dass Streiken verboten sei. Spätestens in der Hochkonjunktur ab Mitte des letzten Jahrhunderts war Streik auch bei den Gewerkschaften geächtet, die FunktionärInnen der grossen Verbände setzten stattdessen auf Sozialpartnerschaft und stille Verhandlungen. Was dabei herauskam, hatten die Mitglieder zu akzeptieren.

Das änderte sich, als in den siebziger und neunziger Jahren grosse Krisen hereinbrachen, Löhne gesenkt, Arbeitsplätze gestrichen und ganze Branchen zum Verschwinden gebracht wurden. Jetzt fehlten den Gewerkschaften die Instrumente, um Zugeständnisse zu erwirken. Sie mussten erst wieder lernen, was sie vor dem Zweiten Weltkrieg regelmässig praktiziert hatten: die Mitglieder zu mobilisieren, die Produktion zu unterbrechen und die Gegenseite materiell unter Druck zu setzen.

«Ein Streik ist keine Sonntagsschule» heisst ein berühmter Film über den Kampf in einer Klavierfabrik in Biel 1974, der allerdings von den ArbeiterInnen und nicht von den FunktionärInnen ausging. Grosses Aufsehen erregten 1976 die Streiks in den Westschweizer Maschinenfabriken Matisa und Dubied, wo ebenfalls die Basis die Initiative ergriff und die Funktionäre überging. Während der traditionelle Streik oder Arbeitskampf nur die Verhältnisse zwischen «ArbeitnehmerIn» und «ArbeitgeberIn» betrifft, feierte mit dem Frauenstreik vom 14. Juni 1991 auch der politische Streik erstmals seit 1918 eine Auferstehung: Seine Forderungen galten für sämtliche gesellschaftlichen Bereiche, nicht allein für den Arbeitsplatz.

Die Officine werden gerettet

In den ersten zwanzig Jahren des neuen Jahrhunderts sind Arbeitskämpfe etwas häufiger geworden: Rund 300 militant ausgetragene Konflikte zählt die gewerkschaftliche Statistik bis 2016. Äusserst erfolgreich war zum Beispiel der nationale Bauarbeiterstreik von 2002, mit dem das Rentenalter sechzig für diese Branche erkämpft wurde. Weniger Erfolg hatten die Streikenden in der Swissmetal-Fabrik La Boillat in Reconvilier 2006; sie konnten die Schliessung ihres Betriebs nicht verhindern. Zu einer auf den ganzen Kanton übergreifenden Bewegung mit nationaler Ausstrahlung wurde im März 2008 der Streik in den SBB-Werkstätten von Bellinzona, der sich ebenfalls gegen einen Abbau richtete. Über den Kampf um die Officine von Bellinzona ist 2018 auf Italienisch und jetzt auf Deutsch ein Buch erschienen. Minutiös rekonstruiert es diesen Streik aus Sicht der Beteiligten, zeigt den sozialen und politischen Kontext und macht ihn für Aussenstehende und spätere Generationen lesbar. Mit dem Buch mitgeliefert wird ein Film von Danilo Catti, der die Streikenden in jeder Phase des Kampfes zu Wort kommen lässt.

Als die Beschäftigten der Officine am 7. März 2008 von einem hohen SBB-Manager über die Pläne des Verwaltungsrats informiert werden – durch Verlagerung und Privatisierung sollen zunächst 126 der 430 Arbeitsplätze verschwinden, «gefolgt von der schrittweisen, aber schnellen Demontage der übrigen Industrieanlagen» –, reagieren sie auf überraschende Weise: «Sie schrien, sie brüllten. Es gab die, die einen Gegenstand warfen, und die, die auf einen Tisch sprangen und ihre Beschimpfungen hinausschrien», bis der Manager das Werksgelände fluchtartig verlässt.

Noch am selben Tag beschliessen die Arbeiter – alles Männer – den Streik und besetzen das Werk. Schon am 8. März zieht ein Protestmarsch von 8000 Leuten durch Bellinzona; für kurze Zeit blockieren Streikende die Gotthardlinie. Aus der Personalkommission wird ein Streikkomitee, angeführt vom charismatischen Mechaniker Gianni Frizzo. Eine Werkshalle wird zum Versammlungsraum, in dem sich die Beschäftigten beraten und verpflegen, die regionale Bevölkerung empfangen und auch Feste feiern. Manche ziehen von Haus zu Haus, um Spenden zu sammeln, andere vertreiben sich die Zeit mit Arbeiten für die öffentliche Hand, führen Schulklassen durch den Betrieb und bewachen ihn Tag und Nacht.

Die Solidarität ist gewaltig: Am 19. März fahren 3000 TessinerInnen nach Bern, um während der laufenden Session auf dem Bundesplatz zu protestieren. Am Ostersonntag, 23. März, zelebriert der Bischof von Lugano in der besetzten Werkshalle eine Messe. Weil die Verhandlungen nicht vorankommen, demonstrieren am 20. März nochmals 12 000 Leute in Bellinzona, zwei Tage später wieder 10 000. Am 5. April, nach zähem Ringen, setzen die Streikenden sich durch: Die SBB zieht die Abbaupläne zurück, fünf Jahre lang sollen alle Arbeitsplätze erhalten bleiben, ein runder Tisch entscheidet über die weitere Zukunft. Am 9. April nimmt man die Arbeit wieder auf.

Wenn das Licht der Medien ausgeht

Im vorliegenden Buch erzählt Gabriele Rossi, Historiker der Pellegrini-Canevascini-Stiftung (des Tessiner Sozialarchivs), die Geschichte der Officine seit dem Bau der Gotthardbahn und die Geschichte des Kampfs 2008. Die Lausanner Geschichtsprofessorin Nelly Valsangiacomo schreibt eine aufschlussreiche historische Darstellung des Streikens in der Schweiz – für einmal nicht aus Zürcher, sondern aus Tessiner Perspektive. In einem fast achtzig Seiten umfassenden, sorgfältig redigierten Teil kommen – weitgehend anonymisiert – die Streikenden, ihre Frauen, Freunde, UnterstützerInnen zu Wort. Dieser Arbeitskampf aus dem frühen 21. Jahrhundert ist so genau und zeitnah dokumentiert wie kaum ein anderer in der Schweiz.

Valsangiacomo weist darauf hin, dass «Streikerfolge oft zurückgenommen» werden, «sobald die Scheinwerfer der Öffentlichkeit erloschen sind». Konkret heisst das: In langwierigen Verhandlungen nehmen scheinbare Sachzwänge immer mehr überhand. Das passiert nun auch in Bellinzona. Die anfängliche Solidarität der bürgerlichen Tessiner Regierung mit ihren Arbeitern bröckelt rasch. Die Officine sollen von ihrem teuren Platz in der Stadt wegverlagert und zu «Werkstätten ‹light›» verkleinert werden.

Die Nachgeschichte des Streiks wird im Buch nur sehr kurz abgehandelt, aber fast scheint es, als ob die Sache ein gutes Jahrzehnt später Stück für Stück doch noch verloren gehen könnte. Gabriele Rossis letzter Satz in seiner Erzählung über die Officine: «Die Kritik und die Fragezeichen sind zahlreich.»

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