Nr. 34/2014 vom 21.08.2014

Die Enttäuschung der Überzeugten

Von Stefan Howald

Der Begriff «Renegat» (seltener auch die Renegatin) reicht tief in die innerlinke Geschichte. Er gehört zu den religionsähnlichen Zügen insbesondere der kommunistischen Bewegung. Renegaten schwören ihren frühen Ansichten ab. Lenin nannte schon 1918 den linken Sozialdemokraten Karl Kautsky einen Renegaten, unter Stalin wurde das Wort zum Verdammungsurteil, und in heutigen sektiererischen kommunistischen Zirkeln wird es weiterhin verwendet. Die damit gemeinte Kritik gab es wellenförmig: nach den stalinistischen Schauprozessen, nach Ungarn 1956, Prag 1968 …

Bereits 1937 schrieb André Gide einen ernüchterten Reisebericht aus der Sowjetunion; 1940 schilderte Arthur Koestler, der 1937 in Spanien in einem faschistischen Gefängnis gesessen hatte, die «Sonnenfinsternis» der Schauprozesse. 1950 bündelte der Sammelband «Ein Gott, der keiner war» die Kritik von Koestler, Gide, Ignazio Silone und Stephen Spender. 1955 lieferte Wolfgang Leonhard mit «Die Revolution entlässt ihre Kinder», seinem ersten Buch, die erste kritische Auseinandersetzung aus eigener Anschauung mit der neuen «Volksdemokratie» auf deutschem Boden.

Der 1921 geborene Leonhard hatte 1935, dreizehnjährig, mit seiner Mutter Nazideutschland verlassen und war über Schweden in die Sowjetunion eingereist. Dort wurde seine Mutter als «unzuverlässige Ausländerin» in ein Arbeitslager verschickt. Wolfgang wurde zuerst in einem Heim, dann in einer Parteischule, schliesslich im berühmt-berüchtigten Hotel Lux in Moskau untergebracht. Im April 1945 kehrte er mit der KPD-Gruppe um Walter Ulbricht nach Berlin zurück und betrieb dort Parteischulung. Im März 1949 floh er nach Jugoslawien, 1950 in die Bundesrepublik Deutschland.

Seine Abrechnung mit dem Sowjetkommunismus und dem Aufbau der DDR ist hart, aber von Melancholie durchzogen: So viel wäre möglich gewesen.

Renegaten sind für Rechtdenkende besonders gefährlich, weil sie aus dem Innern der Maschine berichten. Andererseits tendieren sie zur Schwarzweissmalerei: Aus Scham oder Zorn über die eigene Verführbarkeit übersteigern sie die Macht und die Gefährlichkeit der Ideologie, der sie verfallen waren.

Leonhard ging diesen Weg nicht ganz. Als sogenannter Kremologe war er viel gefragt und verfolgte die Permutationen im Sowjetapparat. Gegenüber dem Sowjetkommunismus blieb er unerbittlich kritisch, doch erkannte er den Prager Frühling als Hoffnung, sah im Eurokommunismus einen bedeutungsvollen Wandel und sympathisierte bis in die letzten Jahre mit einem demokratischen Sozialismus. Sein Name bleibt vor allem mit seinem ersten Buch verbunden. Am Sonntag ist Wolfgang Leonhard im Alter von 93 Jahren gestorben.

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