Vierzig Jahre 1968 : Ohne Gott und Meister

Nr. 18 -

Die Auseinandersetzung mit 1968 verlangt analytische Distanz - auch zum eigenen Erleben dieser Zeit. Unter dem Druck der politischen Rechten ist der kritische Blick zurück aber nicht einfacher geworden.

Ein bis dahin kaum gekanntes Hochgefühl erfasste mich am 1. Mai 1969 in Zürich: Liebestaumel und emotionale Zugehörigkeit zur Bewegung der kritischen Linken in einem. Die Plakate der Fass («Fortschrittliche Arbeiter, Studenten und Schüler»), die Reden und die Menge vom Bürkliplatz bis zum Münsterhof haben sich in meiner Erinnerung zum Bild der Befreiung verfestigt, das anknüpfte an die Fotos und frischen Parolen vom Mai 1968 in Paris. «Ni Dieu ni maître!» (Kein Gott und kein Meister), das entsprach nach einer Kindheit und Jugend in einem stockkatholischen Kanton meiner inneren Verfassung.

Als Tochter von Eltern, die sich über die Niederlage der Franzosen in Indo-china und die Erfolge der algerischen Befreiungsfront freuten, war mir zwar die Involviertheit in globale Zusammenhänge bewusst, mich in öffentliche Diskussionen einzumischen, lag mir jedoch nicht nur wegen des fehlenden Stimmrechts fern. Erst die kurze Ausbildung zur Sekundarlehrerin vom Herbst 1966 bis zum 1. Mai 1969 geriet zu meiner politischen Inkubationszeit, in der sich persönlicher Aufbruch und politische Stellungnahme zu einer höchst aufgeladenen Mischung von Lust und Empörung verknüpften. Das «Ho-Ho-Ho-chi-Minh» der Demonstrierenden gegen den Vietnam-Krieg traf mich ebenso in den Bauch wie das «Svo-Svo-Svoboda» (Freiheit) nach dem Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in Prag im Sommer 1968.

Prager Frühling, Pariser Mai und Zürcher Globus-Krawall, Aufruhr an den polnischen Universitäten und auf dem Campus von Berkeley, Protest der schwarzen US-Athleten in Mexico City, Befreiungstheologie in Lateinamerika, US-amerikanische Womens Lib und Streiks bei Fiat in Turin, Massendemonstrationen in Berlin und Frankfurt, überall manifestierte sich vor vierzig Jahren der Widerstand gegen Herrschaft und Diskriminierung - und erzeugte Gefühle von Gemeinsamkeit und grenzüberschreitender Solidarität. Dieser Sog einer facettenreichen internationalen Solidaritätsbewegung - gekittet über die Parolen von «Kampf» und «Freiheit» und dem Symbol der erhobenen Faust - paarte sich in Zürich mit der Empörung über die lokale Polizeirepression gegen die Autonomie fordernde Jugend und geriet so zu diesem ebenso emotional wie gesellschaftspolitisch geprägten Aufbruch.

«Ni Dieu ni maître» bedeutete für mich um 1968 aber auch Denken in neuen Kategorien, vermittelt über Bertolt Brecht und Heinrich Böll, an Veranstaltungen in und um die Zürcher Hochschulen, mit Heiner Müller, Konrad Farner und Günter Amendt, an Sit-ins und Teach-ins. Diese Lernerfahrung im Kollektiv sprach Kopf und Sinne an, war Herausforderung total, untergrub ebenso sehr althergebrachte Normen wie die Sehnsucht einer jungen Frau nach dem Glück versprechenden Prinzen. Das Recht und die Lust auf intelligente Widerrede war die Grundlage für den Glauben an die Utopie, für den Willen zum Umsturz der herrschenden Machtverhältnisse und zum eigenen Lebensentwurf.

Die fast unbegrenzte Solidarisierung und Identifikation mit den Befreiungsbewegungen liess das eben erst eingeübte kritische Denken bei nicht wenigen AchtundsechzigerInnen allerdings bald versagen. Liberale Werte und damit zugleich der Wert und die Würde des einzelnen Menschen wurden mit der Parole «scheissliberal» äusserst unbedacht und arrogant verabschiedet.

So zeitigte die dichotomische Einteilung der Welt nach Manier des Kalten Krieges auch unter den Vorzeichen von 1968 ihre Wirkung. Statt eigene, durch Distanz geprägte Positionen zu entwickeln, wurde Parteinahme dafür oder dagegen verlangt. Wer sich beispielsweise intensiv mit der palästinensischen Befreiung solidarisierte, entzog sich meistens der Auseinandersetzung um den Antisemitismus. Während das Anprangern der USA als imperialistischer Aggressor an der Tagesordnung blieb, fand die Besetzung der Tschechoslowakei unter der Linken bald kaum noch Beachtung. Und nach den militärischen Scharmützeln zwischen der Sowjetunion und China im Frühjahr 1969 teilte sich auch die Solidaritätsbewegung entlang dieser Spaltungslinie der sozialistischen Weltbewegung.

Die Aufarbeitung von Schuldverstrickungen der AchtundsechzigerInnen ist noch zu leisten. Es geht nicht nur um die gravierenden Irrtümer in Bezug etwa auf Maos Grosse Kulturrevolution oder um die Verkennung der Morde eines Pol-Pot-Regimes. Es geht darum, nachzudenken, warum, entgegen dem Anspruch aufantiautoritäres wie kritisches Denken und Handeln, sich viele Linke in der öffentlichen Auseinandersetzung den Widersprüchen nicht stellten und diese auch gefühlsmässig nicht zuliessen.

Nur wer diese kritische Auseinandersetzung nicht scheut, kann sich auch der Errungenschaften der unter der Chiffre «68» subsumierten Jahre rühmen, und diese sind ja nicht wenige. Zwar scheiterten die AchtundsechzigerInnen mit ihren politischen Utopien grandios. Aber die diskussions- und risikofreudigen Aktivistinnen und Aktivisten dieser Bewegung haben auch in der Schweiz mit zum Durchbruch einer kulturellen Veränderung beigetragen, die sich letztlich nicht an den grossen Meisterdenkern orientiert, sondern am Experimentieren im Hier und Jetzt. Ihre Energie steckten sie in eine Vielzahl von Projekten, in die Politisierung der Geschlechterbeziehung und die Revolutionierung des Alltags, in die Erkämpfung des Rechts auf Abtreibung und die erneuten Streikbewegungen, in die Implementierung neuer gesellschaftswissenschaftlicher Forschungsfelder und die Erneuerung der Künste, in Beratungsstellen für Migrantinnen und die Bekämpfung des internationalen Frauenhandels. Sie befürworteten schliesslich auch viele Reformen, die sie früher als systemstützend bezeichnet hatten und die nun Diskriminierten zu mehr Recht verhalfen oder in kapitalistischen Unternehmen zu umweltgerechter Produktion führten.

Gerade in diesem Sinne gilt auch weiterhin das Motto, das die Zürcher Produzentengalerie Produga, ihrer Ausstellung zum 10-Jahr-Jubiläum der Mairevolte in Frankreich voranstellte: «La Lutte continue!»


Erika Hebeisen, Elisabeth Joris, Angela Zimmermann (Hg.): «Zürich 68». Hier + Jetzt Verlag. Baden 2008. 237 Seiten. 48 Franken. Vgl. dazu das Medientagebuch auf Seite 32.