Nr. 21/2008 vom 22.05.2008

Mit dem Bus zum Kampf

Das Carunternehmen Zugvogel ist ein Exot der Reisebranche mit einer bewegten Geschichte. Am Samstag feiert die Genossenschaft mit einem Stiller-Has-Konzert.

Von Dinu GautierMail an Autor:in

Januar 1994 im Landwassertal vor Davos. Ein Helikopter der Polizei landet mitten auf der Strasse, um einen Reisebus aufzuhalten. Im Bus befinden sich einige Dutzend SympathisantInnen der zapatistischen Bewegung, Sie wollen am Weltwirtschaftsforum gegen den mexikanischen Präsidenten Carlos Salinas de Gortari demonstrieren. Am Steuer sitzt Christof Liechti, Chauffeur des Busunternehmens Zugvogel. Manch anderer Busfahrer hätte sich einschüchtern lassen und wäre umgekehrt - nicht so Liechti. Nachdem die Polizei ihn und alle PassagierInnen kontrolliert und fichiert hat, marschiert ein Demonstrationszug bis vor die Tore des Kongresszentrums.

Anfang im Zaffaraya

Das Busunternehmen Zugvogel entwickelte sich in den folgenden Jahren zum eigentlichen Reiseanbieter der globalisierungskritischen Bewegung. Als im Jahr 2001 Tausende DemonstrantInnen in Landquart festsassen, blockierte Zugvogel mit zwei Fahrzeugen den Verkehr auf der Autobahn, sodass DemonstrantInnen die Fahrbahn besetzen konnten. Dazu die Zugvogel-Disponentin Marjolein Schärer: «Wir sind mittlerweile Experten im Abbremsen von Autos auf der Autobahn.» Zugvogel war dann auch mit mehreren Fahrzeugen bei einer Protestkarawane von 500 indischen BäuerInnen durch ganz Europa dabei. Während dreier Monate informierten diese in zehn Ländern über ihre prekären Lebensbedingungen und ihren Widerstand gegen die Politik der Gentech-Multis.

Dass das Unternehmen ein Exot in der Carbranche ist, zeigt auch die Geschichte von Zugvogel: Schärer und Liechti lernten sich in den bewegten achtziger Jahren kennen. Liechti bewohnte damals einen Car, den er von seinem Vater, einem «herkömmlichen» Reiseunternehmer, «geborgt» hatte, und Schärer lebte in einem alten Postauto. So trafen sie sich im Hüttendorf Zaffaraya in Bern.

Die beiden übernahmen 1995 zusammen mit dem Zürcher Autonomen Juan Widmer das bereits bestehende Kleinunternehmen Zugvogel und machten daraus eine Genossenschaft. Wenig begeistert waren die Banken. Eine nach der anderen verweigerte Kredite, nur die Alternative Bank der Schweiz (ABS) wollte helfen.

Heute besitzt die Genossenschaft je einen Reisecar aus den siebziger und den achtziger Jahren. Die haben zwar keine Klimaanlage, beeindrucken aber mit grosszügigem Innenraum und zu Nostalgie anregender Optik.

Reisecars und Reitschule

Über zu wenige Aufträge können sich die beiden nicht beklagen. Mit den Jahren ist die Stammkundschaft gewachsen - von Gruppen aus dem «linksalternativen Kuchen» über Gewerkschaften bis hin zu Schulen und Firmen. Und mehrmals jährlich organisiert Zugvogel Zeltferien für Familien und Jugendliche in Sardinien. «Anfragen für Werbefahrten und Ähnliches landen bei uns sofort im Altpapier», sagt Schärer nicht ohne Stolz. Sie arbeitet zurzeit nebenbei auch als Hauswirtschaftslehrerin, während Liechti aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr fahren kann. Dafür zählt Zugvogel auf zehn weitere FahrerInnen mit Teilzeitpensum.

Trotz der vielen Buchungen und ausreichend Personal hat die Genossenschaft ein Problem: Vor zwei Jahren demolierten randalierende Fans nach einem Fussballspiel in Zürich den dritten Zugvogel-Bus. Die Versicherung zahlte zwar den Marktpreis des betagten und nicht mehr zu rettenden Fahrzeugs, für diesen Betrag war aber kein geeigneter Ersatz zu finden. «Früher oder später müssen wir auch die verbleibenden Cars auswechseln», sagt Marjolein Schärer.

Nun soll ein Fest in der Reitschule für etwas mehr Liquidität sorgen. Niemand Geringeren als die Band Stiller Has konnte Schärer dafür organisieren. Sänger Endo Anaconda ist ein alter Bekannter: 1994, als Schärer und Liechti noch in ihren Wagen wohnten und der Musiker gerade seine zweite CD veröffentlicht hatte, spielte er auf einem besetzten Platz im Breitenrainquartier. «Zugvogel und ich haben eine Geschichte, die miteinander verbunden ist», sagt Anaconda. Er freue sich, wieder einmal mit den alten FreundInnen in der «Chaoten- und Elitenschmiede» Reitschule zu feiern.
www.zugvogel.ch

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