Anders Wirtschaften : Die Urzellen der Schweiz

Nr. 18 -

Noch immer gibt es zahlreiche demokratisch organisierte Betriebe, die erfolgreich wirtschaften - auch wenn Genossenschaften als antiquiert gelten. Zu Unrecht, denn die Schweiz ist das Land der Genossenschaften.

Brocki-Mief gibt es hier nicht. Die Kleider hängen ordentlich an Stangen, Tassen und Teller stehen sauber in den Regalen, die Bücher sind nach Alphabet geordnet. Grandiose Stücke lassen sich hier finden, im Edelbrockenhaus Tigel im Zürcher Seefeldquartier. Zum Tigel gehört eine Schreinerei, die elegante Tische, Schränke oder Gestelle fertigt.

Die selbstverwaltete Genossenschaft ist seit dreissig Jahren kontinuierlich gewachsen und hat heute einen jährlichen Umsatz von 700 000 bis 800 000 Franken. In der Schreinerei arbeiten zwei ausgebildete Schreiner, im Brocki acht Personen. «Alle Teilzeit, alle machen daneben noch etwas, was für sie wichtig ist. Musik oder Kunst, jemand entwirft auch Mode. Das entspricht unserer Philosophie», sagt Lisbeth Bieri, die im Tigel die Buchhaltung führt.

Tüchtige Leistung

Die GenossenschafterInnen zahlen sich heute ganz ordentliche Löhne. Betriebseigene Kinderzulagen hätten sie auch, sagt Bieri. Zudem spendeten sie jedes Jahr ein Prozent des Umsatzes für ein soziales Projekt.

Bieri ist Mitte fünfzig, seit sechs Jahren beim Tigel und damit eine der Dienstältesten, von den GründerInnen ist niemand mehr da. Sie holt die Gründungsstatuten aus dem Jahr 1978 hervor. In Artikel 1.2 steht: «Zweck der Genossenschaft ist die Schaffung von Arbeitsplätzen für: a) Menschen, die aus weltanschaulichen Gründen eine Alternative zur konventionellen Lebens- und Arbeitsform suchen, b) Menschen, die sich bisher nirgends eingliedern konnten und die als suchtkrank, sozial oder psychisch geschädigt bezeichnet worden sind.» Vor einigen Jahren seien die Statuten leider geändert worden, sagt Bieri. Das war vor ihrer Zeit, wie damals die Diskussionen liefen, kann sie nicht sagen. Heute steht in Artikel 1.2 nur noch: «Zweck der Genossenschaft ist die Schaffung von Arbeitsplätzen für die Genossenschafter.» Schade, meint Bieri. Sie sähe es gerne, wenn sie wieder jemanden im Betrieb hätten, der auf dem freien Markt keinen Job findet.

Aber das Problem sei auch, dass die Arbeitsbelastung im Brockenhaus inzwischen enorm sei, man habe nicht mehr viel Zeit. «Doch inzwischen haben wir als erstes Brockenhaus der Schweiz eine Lehrtochter im Betrieb. Sie kommt aus Mazedonien und konnte dank unserer Unterstützung von der zwei- in die dreijährige Lehre wechseln», fügt Bieri an.

Valentin Büchi arbeitet erst ein halbes Jahr im Tigel und ist einer der beiden Schreiner. Er hat schon früher Möbel entworfen, doch sie auch noch selber vertreiben sei schier unmöglich und kostspielig, sagt er. Hier kann er nun endlich tun, was er schon immer tun wollte: neue Möbel machen - auch wenn die Leute oft glaubten, sie würden nur alte Sachen restaurieren, was sie auf Wunsch natürlich auch täten.

Dann wirft er noch ein, für einige sei der Tigel halt nur ein Ort, an dem sie ihr Geld verdienten, ihre eigenen Projekte seien ihnen wichtiger. Manchmal denke er, es wäre einfacher, neue Ideen umzusetzen, wenn mehr Leute den Tigel als ihr zentrales Projekt ansehen würden.

Schon richtig, sagt Bieri: «Man hat hier aber auch keine Möglichkeit, sich zu verbessern. Die Leute verändern sich und suchen sich wieder etwas Neues. Das ist auch verständlich.» Und doch haben sie es geschafft, die Genossenschaft zu erhalten, eine tüchtige Leistung.

Schon die Älpler

Die Schweiz ist ein Land der Genossenschaften. Bereits Älpler und Säumer organisierten sich genossenschaftlich: «Ihre Korporationen bilden gewissermassen die Urzellen eidgenössischer Staatlichkeit», schreibt Regina Natsch in der Aufsatzsammlung «Das Genossenschaftswesen der Schweiz».

Anfang des letzten Jahrhunderts erlebten die Genossenschaften eine Hochblüte. Sie traten als Selbsthilfeorganisationen «zur Verteidigung der von schnellem Wandel bedrohten Schwachen an, zum Kampf gegen die Macht des Kapitals über Menschen, gegen die zerstörerischen Kräfte des unbeschränkten Wettbewerbs», wie es Hans H. Münkner in derselben Aufsatzsammlung formuliert. So entstanden zu jener Zeit diverse Banken, Versicherungen oder auch Versorgungsgenossenschaften. Einige von ihnen sind zu grossen Unternehmen herangewachsen: wie zum Beispiel die Raiffeisenbanken, die Mobiliar Versicherungen, Coop (der aus den Konsumvereinen hervorging) oder die landwirtschaftliche Grossgenossenschaft Fenaco.

Das heute noch geltende Genossenschaftsrecht trat 1937 in Kraft und wurde seither kaum verändert. Mit dem Gesetz sollte verhindert werden, dass kapitalistische, profitorientierte Unternehmungen ins Kleid der Genossenschaft schlüpfen. Theoretisch dient es noch immer demselben Zweck: der ökonomischen Selbsthilfe - und sieht «die Genossenschaft als freiwilligen Zusammenschluss von gleichberechtigten Personen mit ähnlich gelagerten Interessen und Problemen: demokratisch aufgebaut und ausgehend von der Prämisse, dass alle seine Teilnehmer in Eintracht und Treue mit Engagement am selben Strick ziehen», wie Regina Natsch schreibt.

Die grössten Genossenschaften haben heute zusammen etwa 6,7 Millionen Mitglieder. Dazu gehören auch Wohnbaugenossenschaften oder eine der erfolgreichsten Neugründungen, das Carsharing-Unternehmen Mobility. Die Migros ist inzwischen ebenfalls eine Genossenschaft, wurde ursprünglich aber als Aktiengesellschaft aufgebaut und erst später von Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler umgewandelt. Der Selbsthilfe dient die Migros kaum mehr, und die Demokratie wird im Konzern nur noch imitiert - zwar versucht der Verein Sorgim, den Demokratiegedanken in der Migros wieder zu beleben, bislang allerdings erfolglos (www.sorgim.ch). Dies liegt jedoch nicht nur am Migros-Management, sondern auch an den fast zwei Millionen Genossenschaftsmitgliedern, die sich nur noch als KonsumentInnen verstehen.

Das Handelsregisteramt blockt

Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre entstanden zahlreiche Genossenschaften, die sich wie das Brockenhaus Tigel als alternative Wirtschaftsprojekte verstanden. Diverse sind inzwischen wieder verschwunden, schätzungsweise knapp hundert haben überlebt - Genossenschaftsbeizen oder -buchhandlungen, Bioläden oder Handwerkskollektive (vgl. WOZ-Branchenverzeichnis, das dieser Ausgabe beiliegt).

So auch die Tofurei Engel. Die Tofuproduktion im zürcherischen Zwillikon existiert schon länger als ein Vierteljahrhundert. Peter Rippstein amtet heute als Geschäftsführer. Sechs Personen seien in der Tofurei angestellt - alle in Teilzeit. Wirtschaftlich gehe es ihnen nicht schlecht, Zahlen mag er keine nennen. Ein Problem sei die chronische Unterkapitalisierung: Die Anschaffung einer neuen, 15 000 Franken teuren Maschine sei schon schwierig. «Wir haben noch viele Ideen, was man Neues produzieren könnte, doch das scheitert dann eben manchmal an den Investitionsmöglichkeiten.»

Rippstein engagierte sich früher auch im Netzwerk Selbstverwaltung. Diese Interessensgemeinschaft ist inzwischen eingeschlafen, neue alternative Genossenschaften entstehen kaum mehr. Das habe auch einen Grund, meint Rippstein: «Es ist schwieriger geworden, eine Produktionsgenossenschaft zu gründen.» Ende der neunziger Jahre wollte sich die Crêperie Hirschenplatz in Zürich eine neue Rechtsform geben und wählte die der Genossenschaft. In Artikel 2 stand, Zweck der Genossenschaft sei es, «in gemeinsamer Selbsthilfe einen Crêpes-Verkaufsstand» zu betreiben und «ihren Mitgliedern sinnvolle und befriedigende Arbeitsplätze in selbstverwalteter Form zur Verfügung» zu stellen. Das Handelsregister akzeptierte dies nicht mit der Begründung: «Art. 2 der Statuten stellt keinen genossenschaftlichen Zweck dar.»

Recherchen eines Anwaltes ergaben danach, dass die kantonalen Handelsregisterämter dazu übergegangen waren, neue Genossenschaften viel genauer zu überprüfen, um zu verhindern, dass sogenannte Pseudogenossenschaften eingetragen würden. Die Migros ist beispielsweise eine typische Pseudogenossenschaft, die steuerrechtlich von ihrem Status als Genossenschaft profitiert. Heute könnte sie zu Recht nicht mehr in eine Genossenschaft umgewandelt werden. Doch eine kleine Crêperie? Rippstein versuchte damals, etwas gegen den Entscheid zu unternehmen, fand aber keine MitstreiterInnen - und die Crêperie ist nach wie vor eine Einzelunternehmung.

Im Moment scheinen die Genossenschaften also einen schwierigen Stand zu haben. Doch gerade in Asien, aber auch in Afrika blüht diese Form des Wirtschaftens, wie Zahlen des Internationalen Genossenschaftsbundes zeigen. Gut möglich, dass sich auch hierzulande die Leute in wirklich schwieriger Zeit wieder darauf besinnen.