Nr. 21/2008 vom 22.05.2008

Ein politischer Arzt?

Interview: Sina Bühler, Foto: Florian Bachmann

David Winizki: «Mein Vater wollte nicht Chef von siebzig ArbeiterInnen sein und gleichzeitig in der PdA.»

WOZ: Winizki ist kein Schweizer Name. Sind Sie eingebürgert?
David Winizki: Mein jüdischer Grossvater väterlicherseits kam 1893 aus Litauen in die Schweiz, wo er eine Schürzenfabrik gründete. 1901 liess sich die Familie einbürgern – ohne Volksentscheid. Ich habe die Urkunde aufbewahrt. Mein Grossvater bezahlte dafür 600 Franken, den Jahreslohn eines Arbeiters, das wars dann. Aber meine Mutter kommt aus einer protestantischen Zürcher Familie.

Wie sind Sie politisiert worden?
Ich stamme aus einer sehr politischen Familie. Meine Eltern engagierten sich in den dreissiger Jahren in linken Kreisen gegen die Faschisten, die Fröntler. Sie traten beide in die Kommunistische Partei ein. Sie blieben auch beide in der KPS, als diese im Zweiten Weltkrieg verboten wurde. Da haben sie mindestens vier, fünf Jahre in klandestinen Zellen gearbeitet. Dann traten sie in die PdA ein, und meine Mutter wurde kantonale Bildungsbeauftragte der PdA, sie war Primarlehrerin. Sie hat eine spezielle Fiche gefasst, wäre in den Fünfzigern interniert worden, wenn die in Bern durchgedreht wären.

Als Unternehmer in der PdA?
Als mein Vater Anfang der Fünfziger die Fabrik erbte, traten sie aus – in Frieden. Mein Vater wollte nicht Chef von siebzig Arbeiterinnen und Arbeitern sein und gleichzeitig in der PdA. Den Widerspruch wollten sie nicht aufwerfen, aber sie haben sich nie von der Partei distanziert.

Und das hat Sie geprägt ...
In Sachen ungerechte soziale Zustände. Da bekam ich meine gesellschaftskritischen Ansichten mit. Meine Schwester und ich wurden auch atheistisch erzogen.

Und Sie haben 1968 gleich mitpolitisiert?
Nein, 1968 war ich noch in der Rekrutenschule und hatte gerade meine Erstausbildung als Kaufmann abgeschlossen.

Wie sind Sie dann zum Arztberuf gekommen?
Die Fabrik meines Vaters ging Ende der Sechziger Konkurs, und ich habe den sozialen Abstieg miterlebt, das hat mich schwer getroffen. Ich habe einen Job gesucht, in dem mir das nicht passieren kann. Durch die Politisierung der siebziger Jahre kam ich dann bald in linke Kreise.

Welche?
Ich stand der Revolutionären Marxistischen Liga nahe und wurde Gewerkschaftsmitglied. Im VPOD bin ich heute noch. Während des Medizinstudiums engagierte ich mich in der Basisgruppe Medizin BGM, später in der Vereinigung Unabhängiger Ärzte VUA.

Dass Sie Hausarzt wurden, war auch ein politischer Entscheid?
Das hatte damals in linken Kreisen einen hohen Stellenwert.

Warum das?
Die Basisnähe. Dass man Kontakt mit den Leuten hat, ständig. Der soziale Teil, das Ganzheitliche – das waren Ideen, die uns damals beschäftigten. Wir haben das diskutiert und gesagt: Es geht auch um Psychosomatik, nicht nur darum, Lungenentzündungen zu diagnostizieren, sondern den Menschen in seinem ganzen sozialen Umfeld zu begreifen.

Damals gingen viele ÄrztInnen ins Ausland, in die Dritte Welt ...
Das war bei mir kein Thema, ich fing ja spät an mit dem Studium, war erst mit 31 fertig. Und dann habe ich eine Familie, war auch Hausmann. Ein Drittweltaufenthalt passte nicht in meinen Zeitplan. Ausserdem: Die Dritte Welt in der Schweiz, das Schicksal der Sans-Papiers zum Beispiel, hat mich ebenso interessiert, darum engagiere ich mich ja bei der medizinischen Anlaufstelle Meditrina.

Das Projekt war vergangene Woche Thema im «Tages-Anzeiger».
Ja, es ging darum, dass die Polizei zwar weiss, wo wir die Sans-Papiers beraten, aber dass sie sie nicht vor dem Haus abfangen. Das haben die Polizei und Stadträtin Esther Maurer einmal mehr als klar gesagt: Medizinische Versorgung ist ein höheres Gut als das Einhalten des Ausländerrechts. Genauso wie das Recht auf Bildung, auf Schulbesuch der Kinder.

Apropos Bildung: Hat sich eigentlich viel geändert im Medizinstudium, im Vergleich zu früher?
Ja, es ist praxisbezogener geworden. 
Die ganze Ausbildung war früher von den Chefärzten der Spezialkliniken geprägt. Die brachten ihre Spezialgebiete an die Universität. Und über hausärztliche Praxis hat niemand irgendetwas gelehrt. Wir begannen als blutige Anfänger zu arbeiten und mussten zuerst einmal lernen, was Hausarztmedizin überhaupt ist. Heute ist das viel besser geworden, auch weil man realisiert hat, dass Hausärzte fehlen.

David Winizki (60) ist Hausarzt in Zürich, beratender Arzt bei Meditrina und Vorstandsmitglied der Sans-Papiers-Anlaufstelle Zürich (Spaz).

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch