Nr. 22/2008 vom 29.05.2008

Sind Sie ein Querulant?

Interview: Sina Bühler, Foto: Florian Bachmann

David Winizki: «Die Initianten müssen hoch verlieren. Alle müssen an die Urne.»

WOZ: Bald beginnt die Europameisterschaft. Mögen Sie Fussball?
David Winizki: Ich mag Fussball, ja. Und ich freue mich auf die Spiele, aber diese Kommerzialisierung geht mir furchtbar auf die Nerven. Ich ärgere mich über die Geschäftemacherei der Uefa.

Gehen Sie oft an Fussballspiele?
Nein, aber ich habe ja Fussball in Zürich bis vor einer Weile hautnah mitbekommen. Ich wohne seit dreissig Jahren in den Bernoulli-Häusern, genau gegenüber dem Haupteingang des Hardturmstadions. In den letzten Jahren standen allerdings immer öfter Wasserwerfer vor dem Haus, und die Hardturmstrasse war mit Gummischrot übersät.

Sie gehören ja zu den Gegnern eines neuen Stadionbaus.
Wir hören immer wieder, wir seien Fussballgegner, aber das ist völlig falsch. Seit 1936 gibt es ein Fussballstadion im Hardturm, das ist uns AnwohnerInnen klar, mit dem können wir leben. Und Fussball gehört zur Schweizer Kultur.

Wogegen sind Sie denn?
Es geht um die Kommerzialisierung. Wir wehren uns gegen den grössten Baukoloss, der in der Schweiz je gebaut worden wäre, gegen ein zwölfstöckiges Hochhaus auf vierhundert Meter Breite, gegen das Hotel, das Einkaufszentrum, das grosse Parkhaus, gegen den Mehrverkehr ...

Kann man denn heute noch anders Stadien bauen?
Selbstverständlich, schauen Sie sich den Letzigrund an.

Das ist aber kein Fussballstadion.
Für die EM-Spiele ist es alleweil gut genug. Es wurde übrigens erst ausgebaut, als wir Rekurs gegen den Hardturm einlegten. Die Stadt hat es finanziert, genauso wie sie ein Opernhaus bezahlt.

Die Stadt müsste Ihrer Meinung nach also auch ein Hardturmstadion finanzieren?
Die Frage ist ja zuerst, ob wir überhaupt ein zweites Stadion brauchen. Und wenn ja, dann stellt sich die Frage, wie man es genau macht. Es ist ja auch ein Duplexstadion im Gespräch – für Fussball und Eishockey.

Ihr Protest wurde als Querulantentum bezeichnet.
Die Stimmung war vor fünf Jahren sehr aufgeheizt gegen uns. Nur weil es hiess, es gebe deswegen keine Fussball-EM in Zürich. Nun gibt es sie ja doch – mit dem ganzen Kommerz.

Warum glauben Sie ist Fussball so wichtig?
Brot und Spiele.

Bitte?
Es lenkt die Leute ab. Sie müssen nicht daran denken, dass sie Ende Jahr schon wieder keinen Job haben. So ein Fussballmatch ist attraktiver als die Zukunftssorgen, das verstehe ich auch. Mir fehlen einfach die Visionen in einer zunehmend unpolitischen oder politisch inaktiven Gesellschaft.

Warum gibt es sie nicht?
Gegenwärtig haben die Leute sehr viele Probleme, existenzielle Probleme. Wenn man so intensiv um die Existenzsicherung besorgt ist, fehlt es an Zeit und Energie, um gesellschaftliche Alternativen und Utopien zu entwickeln.

Reden wir noch einmal über den Gesundheitsartikel, über den wir am kommenden Wochenende abstimmen. Wie sieht Ihre Prognose aus?
Positiv. Die Vorlage wird abgelehnt. Die Initianten müssen aber hoch verlieren. Dafür müssen wirklich alle an die Urne.

Hat sich etwas verändert im letzten Monat?
Oh ja! Ich glaube, es sind jetzt viele mehr, die Nein stimmen wollen.

Warum denn das?
Die Aufklärung über die Initiative ist schwierig. Das ganze Gesundheitswesen und damit auch diese Initiative gehören zu einer sehr komplexen Materie, die sich den Stimmbürgern erst langsam aufschlüsselt. Vielleicht hat es diesen letzten Monat dazu gebraucht. Viele Leute waren inzwischen auch in Arztpraxen, haben ihre Ärzte darauf angesprochen. Und diese haben ihre Meinung erklärt.

Die Gegnerinnen und Gegner des Artikels haben sich also inzwischen formiert?
Genau. Eine medizinische Fachorganisation nach der andern hat sich dagegen ausgesprochen, vom Krankenpflegepersonal bis zu den Apothekern. Die Gesundheitsdirektorenkonferenz und somit die Kantonsregierungen haben sich als Gegnerinnen geoutet. Die Leute fallen je länger, je weniger auf die in Watte verpackten Formulierungen der Initiative herein – auf die Formulierungen, die ja im Grunde nur für die Krankenkassen selber und die Privatspitäler positiv sind.

David Winizki (60) ist Hausarzt in Zürich und beratender Arzt bei Meditrina, einem Projekt von Médecins Sans Frontières, das Sans-Papiers kostenlos medizinisch berät und behandelt. Er ist Vorstandsmitglied der Sans-Papiers-Anlaufstelle Zürich Spaz.

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