Nr. 20/2008 vom 15.05.2008

Warum wird gespart?

Interview: Sina Bühler, Foto: Florian Bachmann

David Winizki: «Man müsste mal eine Kürzung versuchen, von der die ­Herzabteilungen betroffen wären.»

WOZ: Was passiert mit dem Gesundheitswesen, wenn immer mehr abgebaut wird?
David Winizki: Die gesundheitliche Versorgung der Bevölkerung wird bedroht, der Leistungskatalog ist heute schon gekürzt worden. Orthopädische Schuheinlagen beispielsweise wurden früher von der Krankenkasse bezahlt, seit fünf Jahren ist das nicht mehr so. Wer Einlagen braucht, um keine Arthrose an den Fussgelenken zu bekommen, muss zur IV gehen. Ein komplizierter, schwieriger Weg, einfach weil die Kassen die Leistungspflicht gekürzt haben.

Können die Kassen so etwas 
alleine entscheiden?
Nein, das macht das Bundesamt für Sozialversicherungen mit einem Leistungskatalog, der politisch definiert ist.

Wie würde denn Ihr ideales Gesundheitsmodell aussehen?
Es gäbe schon zwei, drei Sachen, die man verbessern müsste. Man sollte unbedingt die Zahnmedizin versichern, kranke Zähne sind ein Gesundheitsschaden wie anderes auch. – Bei der Psychotherapie müsste man ebenfalls ausbauen: Das versicherte Angebot ist hier zu klein, und die repressiven Mechanismen sind zu gross. Ausserdem sollten im Gesundheitswesen zumindest die etablierten Naturheilmethoden vergütet werden, besonders weil sie nur rund ein Prozent der gesamten Gesundheitskosten ausmachen.

Warum wird denn dort gespart?
Um ein Zeichen zu setzen. Sie suchen sich die Schwächsten aus, um das System anzugreifen. Psychisch Kranke sind nicht diejenigen, die auf die Strasse gehen, um sich zu wehren. Man müsste mal eine Kürzung versuchen, von der die Herzabteilungen betroffen wären. Wahrscheinlich hätte man dann ziemlich schnell Feuer im Dach.

Ist das alles, was Sie ändern würden?
Das sind nur die inhaltlichen Änderungen. Das Gesundheitswesen in der Schweiz ist gar nicht schlecht, die Leute sind auch zufrieden damit.

Und die Kosten?
Wir sind das einzige Land der Ersten Welt, das keine einkommensabhängige Gesundheitssteuer kennt, sondern eine Kopfprämie. Die einfachste Finanzierung wäre über Lohnprozente, die direkt vom Lohn abziehbar wären wie die AHV. Das wäre viel gerechter.

Neben dem Gesundheitsartikel gibt es eine zweite Vorlage zu bekämpfen.
Oh ja, die Einbürgerungsinitiative. Die ganze Entwicklung im Ausländerbereich macht mir Sorgen. Kurz gesagt: Ein zweiter Bergier-Bericht in zwanzig Jahren ist programmiert. Wenn es dannzumal noch einen Hauch von liberaler Gesellschaft geben wird, wird man sich schämen für unsere Generation; dass wir nicht mehr getan haben, um das zu verhindern.

Sie tun ja etwas. Wie kamen Sie dazu, Sans-Papiers zu behandeln?
Ich konnte immer schon ein wenig Spanisch, und inzwischen kommt über die Hälfte meiner Patienten aus Lateinamerika. So traf ich die ersten Sans-Papiers. Ich habe dann entschieden, dass ich sie pauschal für fünfzig Franken pro halbe Stunde behandle, die sie mir bar bezahlen. Heute betrifft das ungefähr einen Fall pro Tag.

Bei Meditrina, dem medizinischen Projekt für Sans-Papiers, arbeiten Sie nicht?
Dort führen Pflegende die Konsultationen durch. Sie können über die Hälfte der Probleme lösen. Wenn sie nicht weiterkommen, gibt es in Zürich fünfzig Praxen wie meine, an die sie ihre Patienten überweisen können.

Und wenn diese ins Spital müssen?
Das konnten wir auch organisieren. Im Triemlispital können Sans-Papiers die Operationskosten in Raten bezahlen. Und das Triemli akzeptiert, dass die Adresse der Patienten jene von Meditrina ist und nicht die eigene, die sie zusätzlich in Gefahr bringen könnte.

Ein Riesenerfolg?
Das ist ein Anfang dessen, was man für Sans-Papiers auf jeden Fall anstreben muss. Zum politischen Teil: Der Staat muss seine verfassungsrechtliche Verpflichtung wahrnehmen und für die Gesundheit von allen Menschen auf seinem Territorium aufkommen, ob sie nun eine Aufenthaltsbewilligung haben oder nicht. Diese Aufgabe darf nicht für immer als karitatives Engagement an meinen Kollegen und mir hängen bleiben. Der Staat hat sich darum zu sorgen.

Wären die Kantone zuständig?
In Genf ist es ja bereits so. Dort übernimmt der Kanton die gesamte Gesundheitsversorgung der Sans-Papiers gratis. Die Regierung zahlt fünf Millionen Franken pro Jahr für den Zugang der Sans-Papiers zum Gesundheitswesen.

David Winizki (60) ist Hausarzt in Zürich und beratender Arzt bei Meditrina, einem Projekt von Médecins Sans Frontières, das Sans-Papiers kostenlos medizinisch berät und behandelt. Er ist Vorstandsmitglied der Sans-Papiers-Anlaufstelle Zürich (Spaz).

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