Nr. 23/2008 vom 05.06.2008

Viel zu alte Portugiesen?

Der ehemalige Nati-Trainer über träumende SchweizerInnen und starke Portugiesen.

Interview: Carlos Hanimann

WOZ: Artur Jorge, Sie waren der letzte Trainer vor Jakob Kuhn, der mit der Schweiz an eine EM-Endrunde fuhr. Nach einem guten Start schieden sie 1996 in England vorzeitig aus. Danach wurden Sie mit Schimpf und Schande aus dem Land gejagt. Der «Blick» fuhr eine üble Kampagne gegen Sie.
Artur Jorge: Ach, für mich war das gar nicht so schlimm. Ich habe die Zeitungen meistens sowieso nicht gelesen. Als Trainer kann es einen natürlich hart treffen. Das ist schon so.

Sie arbeiten also immer noch als Trainer?
Ja, eigentlich schon. Je nachdem. Sie wissen ja, wie das Leben als Trainer so ist: Manchmal arbeitest du, und manchmal machst du Ferien. So ist mein Leben. Zurzeit mache ich gerade – vereinslos – Ferien. Ich bin in Portugal bei meiner Familie.

Dann bleibt ja genug Zeit, die EM zu verfolgen. Wer gewinnt?
Eine gute Frage. Ich werde übrigens bei einigen Spielen im Stadion sein. Aber gewinnen ...

Die Schweiz vielleicht?
Die Schweiz? Nein, die Schweiz wird wohl eher nicht gewinnen.

Sie verfolgen also den Schweizer Fussball noch?
Nicht wirklich. Aber es ist nun mal so: Die Schweiz spielt zwar im eigenen Land, und sie hat das Publikum im Rücken. Das zählt etwas, ist aber nicht alles. Die Schweiz ist aufgrund des Heimvorteils sicher für eine Überraschung gut, aber zum Titel wird es nicht reichen. Die Favoritenrolle übernehmen andere, die Grossen, die immer mit dabei sind: Ich denke da an Frankreich, an Deutschland, an Italien, an Spanien. Vielleicht wird sogar Portugal Europameister. Aber warum Prognosen? Wir alle wissen doch: An der Europameisterschaft, diesem kleinen Turnier, spielen so viele starke Mannschaften gegeneinander, da kann jeder jeden schlagen – und es kann auch einen Aussenseiter geben, der als Überraschungssieger hervorgeht.

Sie meinen, so wie die Dänen 1992 oder die Griechen vor vier Jahren. Beide waren als totale Aussenseitermannschaft in die EM gegangen. Die Schweizer sehen sich in diesem Sommer aber nicht unbedingt als Aussenseiter. Man spricht hier vom Halbfinal, vom Titel. Trauen Sie den Schweizern vielleicht etwas wenig zu?
Es ist natürlich gut, dass die Leute in der Schweiz positiv denken und vom Titel träumen, sicher. Sagen wir es so: Die Zuversicht der Schweizer ist zumindest ein gutes Omen.

Welches sind die Schwächen von Kuhns Mannschaft?
Ach, hören wir doch lieber auf mit den Schweizern. Ich kenne die Mannschaft gar nicht im Detail. Ich behaupte auch nicht, die Schweiz habe keine Chance. An einem Turnier kann alles passieren. Die Schweiz zählt für mich einfach nicht zu den Favoriten. Reden wir lieber von meiner Nation, reden wir von den Portugiesen!

Portugal ist neben der Türkei und Tschechien einer der drei Gruppengegner der Schweiz.
Und Portugal ist der Favorit der Gruppe. Wir haben ein sehr gutes Team beisammen mit zum Teil sehr guten Spielern wie Cristiano Ronaldo. Jetzt bleibt nur zu hoffen, dass die Mannschaft zusammen funktioniert und ihre Stärken auszuspielen weiss. Wenn das klappt, wenn es gut läuft und ein bisschen Glück dazukommt, dann kann Portugal eine sehr gute Europameisterschaft spielen. Dann kann die Mannschaft dieses Turnier sogar gewinnen. Das erste Spiel ist dabei das wichtigste: Gegen die Türkei muss ein Sieg her. Und wenn wir wach sind und die Türken schlagen, dann sind wir zu allem fähig.

Im letzten, vielleicht wichtigsten Vorrundenspiel trifft die Schweiz auf Portugal.
Portugal hat mehr Erfahrung und Routine, die Schweiz den Heimvorteil. Doch warten wir mit weiteren Prognosen die erste Runde ab. Dort wird sich auch für die Schweiz einiges entscheiden.

Sie sagen, die Portugiesen seien erfahren und routiniert. Es gibt Stimmen, die sagen, die Mannschaft sei überaltert.
Überaltert? Wer sagt das? Glauben Sie doch nicht alles, was in der Zeitung steht.

Artur Jorge Braga Melo Teixeira (62) war ab 1995 als Nachfolger von Roy Hodgson ein Jahr lang Trainer der Nationalmannschaft. Er stand unter starkem Druck, weil er die damaligen Helden Adrian Knup und Alain Sutter kurz vor der EM aus der Mannschaft warf. Der Doktor der deutschen Linguistik trainierte zuletzt bis 2006 die kamerunische Nationalmannschaft.

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