Nr. 24/2008 vom 12.06.2008

Was ist modern?

Interview: Carlos Hanimann

WOZ: Vergessen wir Frankreich und Griechenland, wenden wir uns den schönen Seiten zu: Tempo, Tempo, Tempo von Portugal und Deutschland. Und dann Tore: Holland gewann 3:0, Spanien 4:1.
Artur Jorge: Portugal! Die haben gegen die Türkei ein Riesenspiel gemacht! Starkes Pressing, schönes Zusammenspiel, und dazu haben sie gute Einzelspieler – Simão, João Moutinho, Pepe, Cristiano Ronaldo. Das Spiel, das sehr hohe Tempo, das hat den Leuten sehr gut gefallen! Die Portugiesen spielen wohl in etwa den Fussball, den man heute spielen muss, wenn man erfolgreich sein will: Ruhig, mit grosser Sicherheit und Stabilität in der Defensive, und wenn es sein muss, dann machen sie das Spiel nach vorne schnell – und schiessen Tore. Ohne Tore gewinnt auch 2008 niemand ein Fussballspiel.

Das Gegenstück dazu: Die Nullnummer Frankreich gegen Rumänien. Und dann die Griechen: Für die hatte ZDF-Kommentator Günter Netzer nur folgendes Urteil übrig: Grauenhaft!
Von den Griechen ist nicht mehr zu erwarten. Die Franzosen haben mich enttäuscht, und so entsprach das torlose Unentschieden in etwa der gezeigten Leistung der beiden Mannschaften. Aber die Franzosen hätten gewinnen müssen. Das ist die Todesgruppe. Es warten Holland und Italien. Immerhin: Frankreich hat sein Auftaktspiel nicht verloren.

Frankreich hatte es nicht einfach. Rumänien machte die Räume eng, zog sich in die eigene Spielhälfte zurück. Im Ganzen war es ein sehr defensives Spiel; und nicht das einzige an dieser EM.
Das liegt in der Natur eines so wichtigen Turniers. Jede Mannschaft muss Punkte holen, darf also keine Tore kassieren. Aber das wird sich im Laufe des Turniers ändern.

Wie?
Es wird schneller. Aber kommen wir noch einmal auf das Spiel Frankreich gegen Rumänien zu sprechen. Die Franzosen spielten doch nicht anders, als sie in den letzten zehn Jahren gespielt haben. Wenn wir mit der Europameisterschaft vor vier Jahren in Portugal oder mit der EM in Holland und Belgien vor acht Jahren vergleichen, hat sich seither viel verändert? Das Ziel ist noch immer dasselbe: Man will gewinnen – wie auch immer.

Wie sieht denn der moderne Fussball im Jahr 2008 aus? Hinten dicht stehen, um dann aus einer sauberen Verteidigung heraus den Gegner mit ein, zwei schnellen Pässen auf die Stürmer zu überlisten?
Das Spiel ist viel schneller geworden – offensiv, aber auch defensiv. Alle müssen viel härter arbeiten als früher, sowohl individuell wie auch im Kollektiv. Das zeichnet heute eine gute Mannschaft aus: Die Arbeit herausragender Einzelspieler und die der Mannschaft als Kollektiv muss zusammenpassen. Aber manchmal gelingt das eben nicht. Wir haben bei den Portugiesen gesehen, dass moderner Fussball nicht defensiv sein muss.

Wer war bis jetzt die beste Mannschaft der ersten Runde?
Portugal.

Was ist mit Holland? Deutschland?
Was soll ich sagen? Die Deutschen? Ja, die haben gewonnen. Und wer gewinnt, ist gut. So einfach ist das. Mit Deutschland ist immer zu rechnen.

Die Deutschen oder auch die Kroaten hörten nach dem ersten Tor auf, nach vorne zu spielen. Was war los?
Das ist genau der Unterschied zu Portugal. Die Portugiesen haben das nicht getan. Die spielten weiter fleissig nach vorne und hatten auch nach dem ersten Tor zahlreiche Chancen. Neben den zwei Toren trafen sie dreimal die Torumrandung. Sie haben nach dem 1:0 nicht aufgehört zu spielen. Das war richtig. Das war ein sehr guter, viel versprechender Anfang für ein Turnier.

Hat die Schweiz am Sonntag überhaupt Chancen, gegen Portugal zu gewinnen?
Sie sind ja Schweizer, da bin ich diplomatisch und sage: Wir werden sehen.

Wir haben mit Frei unseren besten Mann verloren.
Ach was, es gibt immer andere. Das Turnier hat doch eben erst angefangen. Vieles kann noch passieren. Reden wir nächstes Mal wieder, dann wissen wir beide viel mehr. Ich muss jetzt los, das nächste Spiel beginnt.

Artur Jorge (62) war ab 1995 ein Jahr lang Trainer der Schweizer Nationalmannschaft. Die EM verfolgt er mit seiner Familie in einem Ferienhaus im Süden Portugals vor dem Fernseher.

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