Nr. 27/2008 vom 03.07.2008

Wenn Otto sich vertilgt

Im Roman «Otto der Grossaktionär» aus den achtziger Jahren sah die 1992 verstorbene Autorin die Exzesse der neoliberalen Arbeitsgesellschaft voraus. Nun ist der Roman endlich veröffentlicht. Er zeigt ein erschreckend präzises Bild der Gegenwart.

Von Martina Süess

Liebenswert ist dieses Wesen, das einen zwischen den Deckeln des kleinformatigen Taschenbuchs erwartet, nicht: Otto stinkt. Er stinkt bestialisch. So sehr, dass sich die Leute nach ihm umdrehen und in geschlossenen Räumen die Fenster aufgerissen werden, sobald er eintritt. Ausserdem ist sein Gesicht überzogen von einem rosaroten Hautausschlag. Die Attribute, die Otto charakterisieren, sind ekelerregende Eigenschaften par excellence.

Blick auf den Mercedes

Doch was andere schamvoll in die soziale Isolation treiben würde, lässt Otto ungerührt. Mit grossspuriger Sicherheit schreitet er durch die ersten Kapitel. Denn Otto weiss, wer er ist. Und er ist wer. Zwar kein Grossaktionär, wie es der Titel verspricht, aber auch als einfacher Arbeiter besitzt er fünf Aktien «seiner» Firma und kassiert regelmässig Dividende.

Zwar reichen diese nicht einmal aus, um in seiner Stammkneipe eine ordentliche Runde auszugeben. Aber allein die Tatsache, dass Otto ein kleines bisschen Mitinhaber der Firma ist, stellt ihn praktisch auf eine Stufe mit dem Firmendirektor und verhilft ihm zu einer Identität. Sollten ihn dennoch einmal Zweifel plagen, hilft ein Blick auf seinen schwarzen Mercedes, «der sich, wie gesagt, nur bei genauerem Hinschauen von dem gepanzerten schwarzen Mercedes des Direktors der Ungeziefervertilgungsmittelfabrik unterschied».

«Otto der Grossaktionär» ist der einzige Roman von Gisela Elsner, der nach seinem Protagonisten benannt ist. Vielleicht ist es überhaupt der einzige ihrer Romane, bei dem von einem Protagonisten im eigentlichen Sinn die Rede sein kann. Typisch für diese Autorin sind Figuren, die so unsympathisch sind, dass jede Anteilnahme an ihrem Schicksal ausgeschlossen ist. Und die so holzschnittartig grotesk vorgeführt werden, dass sie nicht wie Personen, sondern vielmehr wie Funktionen eines unheimlichen Prozesses, genannt «Gesellschaft», wirken.

Auch wenn er nicht gerade aus dem Rahmen fällt, steht Otto also eher schräg im Gesamtwerk der Autorin. Denn trotz seines abstossenden Körpers und seiner plumpen Selbstdarstellung, mit der er zu Beginn des Romans auftritt, ist er ein Sympathieträger; sein unaufhaltsamer Abstieg weckt Mitgefühl.

Als Angestellter einer Pestizidfabrik besteht seine tägliche Aufgabe darin, Käfige voller Ungeziefer mit einer bestimmten Dosis Gift zu bestreuen, um die tödliche Wirksamkeit dieses Produkts zu überprüfen. Dass es sich beim Ungeziefer nicht nur um Läuse und Wanzen, sondern auch um grössere Tiere wie Mäuse, Ratten und Hunde handelt, deutet bereits an, wie in dieser Firma durch eine Verschiebung der Begriffe die Grenze zwischen lebenswerten und lebensunwerten Kreaturen neu gezogen wird. Die «Tierpfleger», wie die ArbeiterInnen dieser Abteilung euphemistisch bezeichnet werden, vergiften nämlich nebenbei auch sich selber. Hautausschlag, chronischer Husten, krächzende Stimmen und verätzte Atemwege sind neben dem grauenerregenden Körpergeruch die üblichen Symptome, die für das Privileg, einen Arbeitsplatz zu haben, in Kauf genommen werden. Dabei sind sich die TierpflegerInnen durchaus bewusst, welchen Preis sie bezahlen: «Der Nachteil an diesen Arbeitsplätzen is nur der, dass wir, je länger wir malochn, umso gründlicher vertilgt werdn», konstatiert eine Arbeiterin.

Unternehmer seiner selbst

Dass die Grenzen zwischen Ungeziefer, Tier und Mensch in diesem Betrieb fliessend und flexibel sind, wird noch deutlicher, als das Unternehmen die Produktion von Pestiziden auf Terrorismusbekämpfungsmittel umstellt. Im C-Trakt, inoffiziell «Auschwitzel» genannt, wird das neue Produkt an freiwilligen Versuchspersonen getestet. Für hundert Mark lässt sich Otto regelmässig bis zur Bewusstlosigkeit mit der Anti-Terror-Substanz einsprühen und nimmt die Nebenwirkungen stoisch hin. Er ist stolz, dass er zu den Ersten gehörte, die sich durch ihre «Risikobereitschaft» für diese begehrte Aufgabe qualifiziert haben.

Das Erstaunliche an diesem Roman ist, dass er bereits in den achtziger Jahren geschrieben wurde, lange bevor in Deutschland mit vom Neoliberalismus inspirierten Reformen wie «Hartz IV» jeder und jede zum «Unternehmer seiner selbst» bestimmt wurde und damit sämtliche Risiken der Marktwirtschaft zunehmend auf die ArbeitnehmerInnen geschoben wurden. Doch was passiert bei einem solchen Selbstunternehmen im Falle von Insolvenz? Schliesslich handelt es sich nicht um GmbHs, sondern um Personen, die von ihrem Bankrott vollumfänglich betroffen sind. Was macht die neoliberale Gesellschaft mit bankrotten Subjekten?

Elsners Satire liefert eine bittere Antwort: ausmerzen! Wenn sich der Liberalismus des 19. Jahrhunderts die Menschen als Tiere dachte, die durch Dressur zu wertvollen arbeitenden BürgerInnen diszipliniert werden können, so sind die Menschen dieser Pestizidfabrik nur noch Ungeziefer, das vertilgt werden muss. Oder noch besser: Man dressiert das Ungeziefer dazu, sich selber zu vertilgen, und erzielt aus dieser Vertilgung noch Profit.

Vom Proletariat zum Prekariat

Im Nachwort weist die Herausgeberin Christine Künzel darauf hin, wie hellsichtig Elsner die Entwicklung vom Proletariat hin zum Prekariat analysierte. Doch warum, so lautet für Künzel die zentrale Frage dieser posthumen Publikation, «hat Elsner die Existenz dieses so gut wie druckfertigen Manuskriptes verschwiegen»? Eine mögliche Antwort sieht sie in der Tatsache, dass Elsner hier zum ersten Mal nicht über ihr eigenes Milieu schreibt. Selber Tochter eines Firmenchefs, betreibt sie in ihren Romanen gewöhnlich die bissige Demontage ebenjener Schicht, aus der sie stammt. War sie mit dem Abstecher in die Unterschicht unzufrieden?

Gewisse Bedenken liegen auf der Hand: Ist es angebracht, diesen mitleid- und ekelerregenden Otto und seine ebenso erbärmliche Frau als dumme Opfer des Kapitalismus zu betrachten und sie dadurch in die Nähe von unverständigen Tieren zu rücken? Bei aller Empörung über menschenverachtende Arbeitsbedingungen muss man sich ja auch fragen, warum Otto die tägliche Dosis Tiergift nicht ausreicht und er sich noch zusätzlich als Testperson zur Verfügung stellt. Glücklicherweise verzichtet Elsner auf eine simple, vulgärmarxistische Erklärung. Es ist nicht so sehr das Geld, es ist auch nicht die unmittelbare materielle Not, die bei Otto zu Existenzängsten führt. Er nagt nicht am Hungertuch, und seine Wohnung - ausstaffiert mit allen kleinbürgerlichen Attributen des Wohlstands wie Sektgläsern, Sofa und grossformatigem Farbfernseher - strahlt keineswegs den pittoresken Charme einer proletarischen Lotterbude aus, sondern ist eher ein Billigimitat der Direktorenvilla.

Was Ottos Existenz, nachdem er seine Arbeit verloren hat, bedroht, ist nicht das ausbleibende Gehalt. Der Roman ist in dieser Hinsicht deutlich: Es ist Ottos Identität, die kollabiert. Wenn Elsners Analyse zutrifft, wäre das eigentlich Raffinierte dieses Systems, dass sich selbst der Unterdrückteste noch als Unternehmer identifiziert und sich deshalb, sobald er nicht mehr rentiert, statt für ein menschenwürdiges Dasein für die Liquidierung des Betriebs, sprich für seine eigene Vernichtung, einsetzt.

Obwohl sich der Roman mit Anspielungen an die Biopolitik des Dritten Reiches hart an der Grenze zur Polemik bewegt, gelingt Elsner die Gratwanderung. Die düstere Prognose kommt undogmatisch und mit der bitterbösen Heiterkeit daher, die ihre Satiren auszeichnen, und ist bei aller Schwere ein unterhaltsames Lesevergnügen.

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