Nr. 29/2008 vom 17.07.2008

Silhouetten im Fernrohr

Ein Dorf im Rheintal lässt die Vogelscheuche aufleben. Doch wie steht es überhaupt um die Vögel? «Danke für die Nachfrage», heisst es auf der Vogelwarte. «Kritisch.»

Von Kaspar SurberMail an Autor:in

«Ein Vogel sitzt auf einem Baum.
Ein Vogel singt auf einem Zaun.
Ein Vogel fliegt gegen das Glas.
Wusstest du das?
Wusstest du das?»
Fink: «Vogelbeobachtung im Winter», 1997.

Es hiess, es sei Vogelscheuchenausstellung in Oberriet. Es gibt ja viele Ausstellungen hierzulande - aber eine mit Vogelscheuchen? Da möchte man sofort hin. Im St. Galler Rheintal schien die Sonne, und im Bus ab Altstätten waren wir auch schon zu zweit: Eine ältere Frau fragte, wo sie für die Vogelscheuchenausstellung auszusteigen habe. Start und Ziel der Ausstellung liegen beim Dorfmuseum, ein Riegelhaus. Die Vogelscheuchen sind verteilt auf die ganze Gemeinde, zu besichtigen auf einer kurzen Route (drei Kilometer) und einer längeren Route (zehn Kilometer). Die ältere Frau begibt sich auf die längere Route. Dann stoppt ein weisser Jeep.

Der Mann vom Organisationskomitee steigt aus und sagt: «Bald ist die 500er-Grenze durchbrochen.» 500 Vogelscheuchen! Es haben auch alle mitgemacht: Die Primarschule, das Betagtenheim, die Fasnachtsclique, die Jungwacht, das Arbeitslosenprojekt. Es gab finanzielle Unterstützung: Von der kantonalen Kulturförderung, vom Regionalmarketing, von der Alexander-Schmidheiny-Stiftung. Das lokale Gewerbe hat die Wettbewerbspreise gesponsert. Seit Anfang Mai, seit dem Beginn der Ausstellung, gibt es an den Wochenenden ausserdem ein «Vogelscheuchenbasteln für alle». Darum die 500er-Grenze.

Käfer, Mäuse, Vögel

«Ein schöner Erfolg», sagt der Mann vom Organisationskomitee. «Auch für die Museumskasse.» Gibt es hier in Oberriet denn eine spezielle Vogelscheuchentradition? «Sie ist ins Unbewusste verschwunden», sagt der Mann, überreicht den Ausstellungskatalog und fährt mit seinem Jeep auch schon wieder davon.

Die Angst vor dem Hunger, heisst es im Katalog, zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte des Rheintals. Bis ins 19. Jahrhundert kam es regelmässig zu Hungersnöten. Das Bevölkerungswachstum, aber auch Überschwemmungen und Seuchen waren die Ursachen. Maikäfer, Mäuse und Vögel bedrohten die Ernte. Schon im 15. Jahrhundert wurde für das ganze Rheintal verordnet, dass die Maikäfer eingesammelt werden mussten. Für die abgelieferten Tiere wurde ein Geldbetrag ausgezahlt. Auch für Mäuseschwänze wurden Prämien bezahlt. Es gab professionelle «Mauser». Und auf den Feldern standen Vogelscheuchen, und weil sie allein nicht genügten, wurde auch auf die Vögel geschossen.

Die Frage ist demnach nicht, ob einen diese Ausstellungsscheuchen nun erschrecken. Sondern ob nicht die Ausstellung an sich bange machen sollte. Ausgestellt wird, was verschwunden ist. Aber wenn die Vogelscheuchen verschwunden sind - was ist dann mit ihnen verschwunden? Wenn es keine Vogelscheuchen mehr braucht - wie geht es dann den Vögeln?

Im Internet findet sich wenig Material zu Vogelscheuchen - ausser Bestellformularen für elektronische Modelle. Rat weiss dafür Sergius Golowin, der vor zwei Jahren verstorbene Berner Nonkonformist und Mythenforscher. «Sein Herz gehört den Vogelfreien unseres Rechtsstaates», hat Friedrich Dürrenmatt über ihn gesagt. Golowin beschäftigte sich mit allen Umherziehenden, von den Fahrenden bis zu den Hippies. Mit magischen Künsten und Kräutern. Und auch mit den Vogelscheuchen. Für einen Fotoband hat er einen Aufsatz geschrieben, als Begleitung zu Schwarz-Weiss-Aufnahmen aus den vierziger, fünfziger und sechziger Jahren: Fotos von windgebeutelten Gestalten, mit Hüten und Blechdosen versehen - eine mit einem toten Raben - aufgenommen auf Äckern, Feldern und vor Obstbäumen. Golowin schreibt dazu unter dem Titel «Volkstümliches Kunstwerk Vogelscheuche»:

Dass im Thurgau die Bauern die Tracht des letzten Jahres aufgestellt hätten - damit sie ein Vagabund eintausche gegen seine Lumpen und die Vogelscheuche noch erschreckender aussehe. Frei nach dem Grundsatz der im Land umherziehenden Wanderer: «Wenn man etwas nimmt, muss man immer etwas dafür hinlegen.» Dass überhaupt die Vogelscheuchen beweglich gewesen seien, und sich manch ein Junge als Vogelscheuche verkleidet habe, um zu sehen, ob sein Mädchen nicht von einem anderen Besuch erhalte. Dass in Osteuropa, wo die Landwirtschaft herkommt, die Vogelscheuchen weiblich seien. Und also nicht nur Schreckgespenster, sondern auch Sinnbild für die Fruchtbarkeit sein könnten. Dass es fahrende Handwerker gegeben habe, welche die Vogelscheuchen so zimmern konnten, dass sie den Blitz anzogen. Damit erfüllten sie einen doppelten Zweck: Sie beschützten nahe Bauwerke und gaben dem Boden Kraft. Dass Jean Tinguely von Vogelscheuchen inspiriert gewesen sei.

Was mit den Vogelscheuchen also auch verschwunden ist: dass man umherzieht. Dass man etwas nehmen kann. Überhaupt die Heimlichkeit. Und die Zauberei. Oder zumindest die Vorstellung davon.

Grosser Aderlass

Und wie geht es nun den Vögeln? Die Schweizerische Vogelwarte im luzernischen Sempach muss es wissen. Matthias Kestenholz, der Öffentlichkeitsbeauftragte, bittet ins Besprechungszimmer und sagt: «Danke der Nachfrage!» Viele Leute vermuteten wohl, dass es den Vögeln gut gehe. «Doch es steht kritisch um die Vogelwelt.» Von den 200 in der Schweiz heimischen Brutvogelarten würden vierzig Prozent auf der roten Liste stehen. Neun Arten sind vom Aussterben bedroht: Der Purpurreiher, das Rebhuhn, der Wachtelkönig, die Bekassine, der grosse Brachvogel, die Zwergohreule, der Steinkauz, der Rotkopf- und der Raubwürger. Achtzehn weitere Arten sind stark gefährdet, 44 sind verletztlich, 24 potenziell gefährdet.

«Der grosse Aderlass setzte in den siebziger Jahren ein», sagt Kestenholz. (Also zum Zeitpunkt, als auch die Vogelscheuchen verschwanden.) Sicher gebe es Erfolgserlebnisse: Der Weissstorch, hierzulande bereits 1950 ausgestorben, zählt heute wieder 200 Paare. Auch der Bartgeier ist wiederangesiedelt worden. Der Bestand des Wiedehopfs nimmt wieder zu. «Doch bleibt es eine riesige Aufgabe, die Entwicklung zu bremsen, sie umzukehren», sagt Kestenholz.

Was die Vögel in Bedrängnis brachte, war einerseits die Trockenlegung der Feucht- und Sumpfgebiete im 19. und 20. Jahrhundert: Paradebeispiele sind die Entwässerung der Linthebene und die Juragewässerkorrektur. Hinzu kamen an den Seeufern Nutzungskonflikte mit Badegästen und SurferInnen. Andererseits wurde die Landwirtschaft intensiviert: «Früher wurde eine Wiese einmal, heute wird sie bis zu fünfmal gemäht. Dabei werden tausende Vogelnester vermäht», sagt Kestenholz. Hinzu kommt das Verschwinden der Obstbäume, in denen beispielsweise der Steinkauz nistet. Immerhin sind die ökologischen Ausgleichsflächen dank finanziellen Anreizen an die Bauern von 1996 bis 2006 um sechs Prozent gestiegen. Und geschossen werden nur noch wenige Arten, darunter der Kormoran.

Aber sind das nicht gelinde Opfer, die man für die Ernährungssicherheit und die Freizeitgesellschaft in Kauf nehmen muss? Ist der Vogelschutz nicht Liebhaberei? Und nun beginnt Kestenholz, der von sich sagt, er habe keinen Lieblingsvogel, alle Vögel seien seine Lieblingsvögel, ein leises Plädoyer. Nun, der direkte Nutzen der Vögel sei gewiss wenig sichtbar. Aber die Ökosysteme seien schliesslich verflochten - und was fehle, das schmälere auch die menschliche Existenzgrundlage. Auch im übertragenen Sinn: Die Vögel finden sich in Redewendungen, auf Wappen, auf Münzen, in Logos. Die Menschen waren immer schon von den Vögeln fasziniert, ihre Geheimnisse sind längst nicht alle ergründet.

Nur schon der Vogelzug: Zwei Drittel der Vögel verlassen die Schweiz vor dem Wintereinbruch. Und achtzig Prozent davon fliegen nicht etwa am Tag und im Schwarm. Sondern allein und in der Nacht. Wenn sie einander nicht nachfliegen, woher kennen sie dann ihr Winterquartier? «Die Route muss vererbt sein», sagt Kestenholz. Vermutlich ist es das Rückzugsgebiet während der letzten Eiszeit. Wie navigieren die Vögel? «Im Kopf oder im Schnabel müssen sie ein Sinnesorgan haben, mit dem sie das Magnetfeld wahrnehmen, wie ein Kompass. Dazu an der Sonne und an den Sternen.» Eine Rauchschwalbe kann in 24 Stunden vom Bodensee bis nach Barcelona fliegen. Gibt es auch Vögel, die hierher kommen, um zu überwintern? «Oh ja, im Sommer haben wir nur 50 000 Wasservögel, im Winter hingegen 50 0000.» Besuch aus den nordischen Ländern und aus Russland. Der Klimawandel beeinträchtigt speziell die Vögel im Hochgebirge: Sie können sich nur langsam an wärmere Temparaturen gewöhnen.

Die Mondbeobachtung

Um die genauen Zugrouten der Vögel zu untersuchen, stellen die OrnithologInnen den Radar auf. Anhand des Flügelschlagmusters können sie die Zugvögel identifizieren. Zusammen mit einer Fachhochschule entwickelt die Vogelwarte einen Geodatenlogger - er kann während des Flugs die Sonnenaufgangs- und Sonnenuntergangszeit messen und so eine Positionsbestimmung des jeweiligen Vogels ermöglichen. Ziel ist es, einen Geodatenlogger zu bauen, der nur 0,6 Gramm schwer ist. Damit ihn auch Singvogelarten tragen können.

Die schönste Form der Vogelbeobachtung ist die Mondbeobachtung: Richtet man ein Fernrohr zum Vollmond, kann man von Zeit zu Zeit die Silhouette eines Vogels erkennen. Die Anzahl der Vögel in einem Zeitraum korreliert mit der aktuellen Intensität des Vogelzuges. Im Vergleich mit dem am besten sichtbaren Krater ist ausserdem eine grobe Grösseneinteilung des Vogels möglich. «Der Hochsommer ist nicht die beste Zeit zur Vogelbeobachtung», sagt Kestenholz zum Schluss. Dann erholen sich die Vögel von der Brutzeit und bereiten sich auf den Flug vor. Doch der nächste Vogelzug kommt bald.

In Oberriet, dem SVP-Dorf, habe ich mich dann doch noch auf die kurze Route gemacht. Vogelscheuche Nr. 17, mit Skibrille und Wollmütze, sieht aus wie ein Terrorist im Vorgarten. Vorne an der Brücke hält ein Büchsenmann ein Schild: «Vergiss nie, dass Gottes Natur viel zu wichtig ist, um sie ganz den Vögeln zu überlassen.» Eine Figur an der Strasse mit ihrem Koffer gleicht einem Flüchtling. Plötzlich, in der Hitze, bemerkte ich, dass mir unterwegs mein Blazer abhanden gekommen ist.

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