Nr. 33/2008 vom 14.08.2008

Kurzsichtige BäuerInnen?

Interview: Esther Banz, Foto: Florian Bachmann

Franz Stucki: «Bei Linken nehme ich oft eine ‹Wir haben nichts zu verlieren›- Haltung wahr.»

WOZ: Franz Stucki, Sie als Imker ...
Franz Stucki: Moment. Wo steht die Zeitung, für die wir diese Interviews führen, eigentlich? Ist die rechts, links, in der Mitte?

Links.
Aha.

Ist das ein Problem?
Nein, nein, ich bin offen. Auch Linke braucht es.

Wo stehen Sie selber denn?
Ich bin SVP-Mitglied. Aber das heisst nicht, dass ich immer gleicher Meinung bin wie die SVP.

Sie sind ja auch ein Berner.
Und ich stamme aus einer Bauernfamilie, da ist es fast logisch, dass man sich der SVP anschliesst. Aber im Bekanntenkreis sind wir auch geteilter Meinung. Streit gibt es deswegen nicht, man kann ja diskutieren.

Wo denken Sie am meisten wie die SVP?
Wenn es um die Arbeit geht. Es ärgert mich, wenn so junge Frauen und Männer, die schon mit 22, 23 Jahren in der Regierung sitzen, höhere Löhne fordern. Die waren doch bis anhin an der Universität und mussten nicht arbeiten gehen. Sie sollen erst dann laut werden, wenn sie selber etwas geleistet haben.

Von der Uni direkt in den Nationalrat, im Hintergrund vielleicht reiche Eltern – ist das Ihrer Meinung nach typisch für die Linke?
Nein, aber viele Rechte kommen aus Kleinunternehmerfamilien. Die wissen, was es heisst, ein Geschäft zu führen. Bei Linken nehme ich oft eine «Wir haben nichts zu verlieren»-Haltung wahr. «Nach mir die Sintflut» quasi.

Den Eindruck von «nach mir die Sintflut» vermitteln auch Bauern, die ihre Böden mit Pestiziden verseuchen und riskieren, dass Bienen umkommen.
Da sind wir wieder beim Thema von letzter Woche: Vielen Bauern fehlt tatsächlich das Bewusstsein. Sie wissen gar nicht, was sie riskieren, wenn sie beim Beizen und beim Säen von mit Pestiziden versehenen Samen unvorsichtig sind. Wenn der Wind die Gifte zum Beispiel auf ein nahe gelegenes Rapsfeld trägt, das von den Bienen angeflogen wird.

Früher hatten viele BäuerInnen selber Bienen. Weshalb ist das heute nicht mehr so?
Ich will nicht bösartig sein, aber ich habe schon das Gefühl, dass es mit dem Aufwand zu tun hat. Ein Imker muss viel Zeit investieren. Ausserdem ist der Ertrag sehr gering, verglichen mit dem, was man in der Landwirtschaft erwirtschaftet.

LandwirtInnen, die nicht biologisch arbeiten, stecken doch in einem Dilemma: Pestizide erhöhen den Ertrag aus der Landwirtschaft, gefährden aber gleichzeitig die Bienen, von denen sie ebenfalls abhängig sind ...
Dabei wäre es einfach: Man müsste nur schauen, woher der Wind weht. Und den mit Pestizid versehenen Mais in den Boden bringen, solange der Raps noch nicht blüht.

Es gibt ja ganz klare Regeln, wann gespritzt oder gebeizt werden darf. Trotzdem gibt es auch nach dem diesjährigen Einsatz des Feuerbrandantibiotikums Streptomyzin Rückstände beim getesteten Honig: 41 von 710 Proben enthielten problematisch hohe Werte ...
Einer, der von den Äpfeln lebt, schaut, dass es den Äpfeln gut geht. Er spritzt also in dem Moment, der für die Äpfel optimal ist. Dass das für die Bienen vielleicht weniger günstig ist, kümmert ihn weniger.

Sind die BäuerInnen tatsächlich so kurzsichtig?
Ich hoffe, nicht alle. Einige sollten mit Einsteins vielzitiertem Satz vertraut sein, wonach die Menschen noch vier Jahre zu leben haben, wenn es keine Bienen mehr gibt.

Was ist denn alles von der Bestäubung durch die Bienen abhängig?
Schon viel. Raps, Kirschen und alle blühenden Bäume, um nur wenige Beispiele zu nennen. Aber davon nicht alle, sondern rund achtzig Prozent. Den Rest besorgen die Wildbienen und einige Hummeln. Hummeln könnte man vielleicht auch züchten, aber von ihnen gibt es viel weniger.

Und sie sind weniger effizient als die Bienen, oder?
Ja. Über Hummeln weiss man viel weniger als über die Bienen. Vielleicht ertragen sie die Pestizide ja genauso schlecht.

Der pensionierte Garagist Franz Stucki (68) lebt in Roggwil BE und sorgt für zwanzig Bienenvölker. Seine Frau und seine Schwester helfen ihm dabei.

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