Nr. 36/2008 vom 04.09.2008

Im Kunstkampf der Kulturen

In der Hauptstadt der Marktforschung lässt eine künstlerische Installation die Emotionen hochgehen. Besichtigung eines Türmchens und mehrerer Minarettgegner.

Von Dinu Gautier

Der Bahnhof ist von monumentaler Hässlichkeit: Beton, wohin man schaut. Pittoresk hingegen die sanft renovierten Bauernhäuser und der verkehrsberuhigte Ortskern, wo jetzt, am frühen Dienstagmorgen, BäuerInnen aus der Region ihre Produkte an hölzernen Marktständen feilbieten. Wir sind in Langenthal, dem Prototyp einer Schweizer Gemeinde; beliebt bei MarktforscherInnen und Grossverteilern, die neue Produkte testen wollen. Denn überdurchschnittlich durchschnittlich und repräsentativ ist hier vieles: die Grösse des Ortes (knapp 15 000 EinwohnerInnen), die Alters- und Bildungsstruktur, der AusländerInnenanteil. Wer die Schweiz verstehen will, muss Langenthal verstehen, heisst es.

Warum Komplexe kriegen?

Und derzeit tut sich etwas in der Kleinstadt. Ein alter Streit ist wieder aufgeflammt, ein Streit, bei dem es um ein Türmchen von sechseinhalb Metern Höhe geht. Vor zwei Jahren war es, als die lokale muslimische Glaubensgemeinschaft ein Baugesuch für ein Minarett auf ihrem Gebetsraum in einem Industriequartier einreichte. Dann flogen die Fetzen. Ein evangelikal-rechtsbürgerliches Komitee deponierte Einsprachen und sammelte Unterschriften gegen das Vorhaben. Der Bieler Polizeidirektor der Freiheitspartei kam zu einem Vortrag vorbei, an dem er ein Schokolademinarett verzehrte. Die rechtsextreme Pnos, die in Langenthal im Stadtparlament vertreten ist, organisierte eine Demonstration. Diesen Herbst will die Stadtverwaltung über das Baugesuch entscheiden.

Und nun dies: Seit einigen Tagen gibt es in Langenthal plötzlich ein Minarett - und zwar mitten im Zentrum, auf dem altehrwürdigen Choufhüsi, dem imposantesten Gebäude der Stadt, in dem das Kunsthaus untergebracht ist. Etwas verloren wirkt die viereinhalb Meter hohe Installation auf dem grossen Dach. Aufgestellt hat sie der Genfer Künstler Gianni Motti anlässlich einer Ausstellung mit dem Titel - wie könnte es anders sein - «Average» (Durchschnitt).

Fanni Fetzer, die Leiterin des Kunsthauses, ist keine alteingesessene Langenthalerin. «Ist der Begriff ‹Durchschnitt› vielleicht zu Unrecht negativ konnotiert?», fragt sie, während sie JournalistInnen durch die Ausstellung im Innern des Choufhüsis führt. Schliesslich orientiere man sich im Leben ja zwangsläufig am Durchschnitt. «Wieso muss man sich immer mit Bern, Zürich, Tokio, New York vergleichen und dann Komplexe kriegen?» Schliesslich gebe es in Langenthal einiges, worauf man stolz sein könne. Beispielsweise die vielen guten Konzerte oder die weitum beste Gelateria. Dann erläutert Fetzer die Minarettinstallation auf dem Dach: Motti betreibe eine Meinungs- und Haltungsforschung, in einer Gemeinde, wo diese Art der Forschung eine grosse Tradition habe. «Das Ganze ist ein Test», sagt Fanni Fetzer.

Die heftigsten Reaktionen bisher seien von der Stadtverwaltung gekommen - und von den MinarettgegnerInnen: «Die sind also, freiwillig, zu einem Teil dieser Kunstinstallation geworden.»

Ob das denen überhaupt bewusst ist? «Auf gewisse Provokationen muss man einfach reagieren», sagt der Mann mit der schweren schwarzen Lederjacke und den spitzen Eckzähnen. Wir sitzen im Bahnhofsrestaurant von Langenthal. Es ist morgens um neun, am Nebentisch wird Rotwein getrunken, in der Tischdecke hat es Brandlöcher. «Wenn man sich nicht äussert, dann wachsen Missmut und Ressentiments im Stillen», so der 22-jährige Patrick Freudiger. Den Kampf gegen Minarette führt der Stadtrat der Jungen SVP auf lokaler und nationaler Ebene. In die Debatte über das Choufhüsi-Minarett hat er in einem in der «Berner Zeitung» erschienenen Leserbrief geschrieben, derzeit werde ein «Kampf der Kulturen» ausgetragen.

«Erst Minarett, dann Muezzin»

«Ich habe nichts gegen Muslime. Aber Minarette fallen nicht unter die Religionsfreiheit, sondern sind Symbol eines politischen Machtanspruchs des Islams.» Freudigers weitere Argumentationslinie kurz zusammengefasst: Erst kommt das Minarett, dann der Muezzin auf dem Minarett, dann übernimmt «der Islam» die Schweiz komplett.

Plötzlich unterbricht sich Freudiger selber: «Also, dass Sie mich richtig verstehen: Einen Anschlag auf das Minarettli würde ich weder gutheissen noch planen.» Dann findet er zurück zu seiner flapsig und etwas hektisch vorgetragenen Islamkritik. Heute gebe es in der Schweiz zwar kaum islamistische Fundamentalisten, aber das könne sich mit der Zeit ändern. Und sogleich folgt der empirische Beweis zur Minaretttheorie: «Hani Ramadan, einer der wenigen Fundamentalisten in der Schweiz, kommt aus Genf. Und in Genf hat es ein Minarett.»

Im Café des Choufhüsis sitzt ein weiterer Minarettgegner - ein anderes Kaliber als Freudiger. Daniel Zingg hat die Ausstrahlung eines Pfarrers und trägt ein bunt kariertes Hemd. Er ist ein Missionar der Informationsgesellschaft. Natürlich nennt er das anders: «Ich mache christliche Medienproduktionen, die in verschiedenen Sprachen in vierzehn Ländern vertrieben werden.» Dabei setze er sich seit zehn Jahren intensiv mit dem Islam auseinander - und ist wie Freudiger im nationalen Initiativkomitee gegen Minarette. Auf dem Tisch liegt eines seiner Erzeugnisse, ein elegant gestaltetes Heft, das auf den ersten Blick glatt als Minarettarchitekturstudie durchginge, wären da nicht hervorgehobene Sätze wie dieser: «Seit ewigen Zeiten ist die Lüge eine normale, unerlässliche, dominierende und völlig akzeptable Facette der arabischen Kultur.»

Zingg ist Mitglied einer der sieben Langenthaler Freikirchen und politisiert in der EDU Oberaargau. Auf Künstler Gianni Motti ist er schlecht zu sprechen: «Ich muss mich fragen, ob man den Begriff ‹Kunst› neu definieren müsste.» Die von Motti angestrebte Toleranzdiskussion sei hier jedenfalls fehl am Platz: «Man müsste über die Hintergründe des Islams und dessen Einstellung zu Toleranz und Religionsfreiheit diskutieren.» Ein Minarett sei ein «Siegesturm des Islams in einem neu eroberten Gebiet».

Der Durchschnittstest

Ob sich Zingg bewusst ist, dass er sich zum Teil einer Kunstinstallation hat machen lassen? Er winkt ab und dreht das Ganze um: «Man sagt, das Baugesuch für das Minarett hätte die Gegenseite vor zwei Jahren absichtlich gerade in Langenthal eingereicht.» Sie wolle in der Durchschnittsstadt nämlich herausfinden, wie in der Schweiz auf Minarette reagiert werde. Der Künstler («Künstler in Anführungszeichen» sagt Zingg) sei hier lediglich ein Trittbrettfahrer.

Überhaupt zeigen Freudiger und Zingg mit Vorliebe auf die Gegenseite. Fragt man nach ihrem Toleranzverständnis, so bezichtigen sie den Islam der Intoleranz. Fragt man nach Religionsfreiheit, so sagen sie, im Islam gebe es keine Religionsfreiheit - und so weiter.

An der Provinzposse um das Kunstminarett beteiligt sich übrigens auch der Stadtpräsident, Thomas Rufener von der SVP. Öffentlich forderte er Fanni Fetzer auf, die Installation wieder zu entfernen, die Stadt habe weder von den Plänen gewusst noch eine Bewilligung erteilt. Fetzer sieht das etwas anders: «Ich habe beim Bauamt angefragt, ob wir für die temporäre Installation einer Türmchenskulptur eine Bewilligung brauchten.» Da habe man ihr geantwortet, es brauche keine - nur wusste die Verwaltung damals nicht, dass es sich bei der Skulptur ausgerechnet um ein Minarettchen handelt. «Nun wird die Installation auch zum Test, was den Stellenwert von zeitgenössischer Kunst angeht und ob diese noch im öffentlichen Raum stattfinden darf», sagt Fetzer.

Der Stadtpräsident sitzt in seinem geräumigen Büro im gläsernen Verwaltungsbau und sinniert: «Kunst und Kultur haben die Aufgabe, sich provokativ zu verhalten und Diskussionen anzureizen.» Die Frage sei, wo die Grenzen zu ziehen seien. «Wir würden unser Rechtssystem ausser Kraft setzen, wenn man machen könnte, was man will, solange man es Kunst nennt», sagt der Mann mit den muskulösen Armen.

Am Mittwochnachmittag (nach Redaktionsschluss dieser WOZ), hat der Gemeinderat entschieden, ob er das Kunstminarett vom Dach holt - und sich damit selber zum Subjekt der Meinungsforschung von Gianni Motti macht.

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