Nr. 15/2014 vom 10.04.2014

Holzhacken ist heilsam

Was tun mit Kindern und Jugendlichen in Schwierigkeiten? Der Berghof Stärenegg setzt auf ein Leben in Bauernfamilien und Arbeit mit den Händen. Ein Besuch im Emmental.

Von Bettina Dyttrich (Text) und Ursula Häne (Fotos)

«Es war mir egal, wenn sie mich ans Bett fesselten», sagt Dänu. «Solange sie mir nur keine Medis gaben. Mit Medis hast du das Gefängnis im eigenen Kopf.» Er sagt das ganz ruhig. Auf den ersten Blick, bei der Begrüssung, wirkt er schüchtern, fast ängstlich. Aber als er zu erzählen beginnt, vergeht dieser Eindruck. Es ist keine Angst, es ist Ruhe. Dänu heisst eigentlich anders, er ist 27, hat sehr blaue Augen, kurzes, dichtes dunkles Haar und kräftige Hände. Und er hat eine Geschichte, die ganz und gar nicht zu dieser Ruhe passt. Von der Schule geflogen in der achten Klasse, kurz darauf zum ersten Mal in Untersuchungshaft – über die Delikte will er nicht reden –, Time-out auf einem Bauernhof, psychiatrische Abklärung, geschlossenes Jugendheim, wieder Untersuchungshaft, noch ein Jugendheim, «die Hälfte dort waren Mörder».

Manchmal rannte er davon. Im zweiten Heim «hattest du wenigstens eine Chance – wenn du zwischen dem Polizeiauto und der Eingangstür die Handschellen lösen konntest, konntest du abhauen». Einer schaffte es, er nicht.

Im Jugendheim fanden viele der jungen Delinquenten erst richtig ihre Identität, fühlten sich als Gangster, kultivierten «diesen Blingbling-Scheiss». Dänu brach regelmässig die Hausregeln und landete in der Isolationszelle. Die anderen wussten nicht, dass er es tat, um der Brutalität der Gruppe nicht ausgesetzt zu sein: «So habe ich mich um die Gewalt herumgeschlichen.»

«Du säufst in deiner Seele ab»

Mit sechzehn war er wieder in Untersuchungshaft, diesmal acht Monate am Stück. Auch davon erzählt er beiläufig. Nur seine Sätze werden länger, atemloser: «Selber empfindest du es eigentlich nicht als schlimm, du hast fünf Franken im Tag, also noch Zigaretten, du hast zu essen und kannst einfach den ganzen Tag fernsehen. Merkst zwar irgendwann, dass alles Wiederholungen sind, aber du bist wie in einer Schutzblase … Niemand sagt, dann stehst du auf, dann gehst du arbeiten, du bist total abgeschnitten vom Leben, hast absolut keine Verantwortung und nichts, das Essen wird dir an die Tür gebracht, durch eine kleine Luke durchgegeben, du holst es, gibst es zurück, du kannst zweimal in der Woche duschen, zehn Minuten, alles total vorgegeben, einmal um neun Uhr morgens kannst du hinauf aufs Dach, in einem Viereck spazieren gehen … es hat dich gar nicht gestört, irgendwie. Du merkst einfach nur, dass du schwach wirst, wenn du rauskommst und das Leben in die Hand nehmen solltest. Dann merkst du, dass du nichts gelernt hast.»

Wo die Kinder hingehen, wenn es sonst nicht mehr geht: Einer der sechs Stärenegg-Höfe in der Berner Gemeinde Trubschachen.

Im Vorbereitungsjahr geht es einigermassen. Aber dann beginnt Dänu eine Lehre als Gemüsegärtner. Plötzlich muss er in der Wirtschaft funktionieren: lange Arbeitstage, Stress, Tempo – Nervenzusammenbruch nach drei Tagen. «Ich habe manchmal das Gefühl, mit seelischen oder psychischen Kräften ist es fast wie mit den Muskeln: Wenn du sie trainierst, werden sie mehr, und sonst verlierst du sie. Wie wenn du nicht schwimmen kannst: Du säufst ab. Du säufst in deiner Seele ab.»

Dänu sitzt auf der Veranda des alten Bauernhauses auf dem Berghof Stärenegg, hoch über Trubschachen im Emmental. Unten, auf halbem Weg in den Steinbachgraben, zu Fuss eine Viertelstunde entfernt, leuchtet zwischen den Tannen ein Bauernhausdach in der harten Frühlingssonne, daneben ein grosser Garten. Dort unten pflanzt und pflegt Dänu das Gemüse, das auf dem Hof gegessen wird. Fünf Jugendliche zwischen elf und fünfzehn leben auf dem Hof, sie haben ähnlich komplizierte Geschichten wie er. Sechs kleine und mittlere Bauernbetriebe in Gehdistanz gehören zum Berghof Stärenegg, einem der unkonventionellsten Kinder- und Jugendheime der Schweiz. Eng mit dem Heim verbunden sind dreissig weitere Höfe in der Schweiz und in acht europäischen Ländern. Im Ganzen werden etwa 45 Kinder und Jugendliche auf Stärenegg-Höfen betreut.

Hühner und Homer

Die Vordere Stärenegg, wo die Geschichte des Heims vor mehr als vierzig Jahren begann, liegt auf tausend Meter über Meer. Der Hof wirkt wie aus der Zeit gefallen: viel Holz, ein paar braune und graue Kühe im Stall, ein paar Hühner vor dem Haus, ein grosser Garten, weiter oben ein Stöckli und das Schulhaus. An der Wandtafel stehen Verse von Homers «Odyssee» – auf Griechisch, in Lautschrift transkribiert und auf Deutsch übersetzt. Der Vorhof ist gepflastert mit Bsetzisteinen. Die, sagt Heimleiter Michel Seiler, habe man ganz bewusst hier gesetzt: «Das ist ein ganz anderes Gehen als auf Asphalt.»

Michel Seiler, gelernter Bauschreiner, ehemaliger Gemeindepräsident von Trubschachen und seit kurzem grüner Kantonsrat, empfängt in seinem Büro im ersten Stock des alten Bauernhauses. Auch hier viel helles Holz; Steine, Muscheln und andere Fundstücke liegen auf den Ablagen, an einem Balken hängen Glocken. An den Wänden ein grosses kollektives Kindergemälde eines Bergpanoramas, Kunstdrucke, eine Reihe von Postkarten mit Selbstporträts von Vincent van Gogh. Gemeinsam mit Holle, seiner Frau, kam Michel Seiler vor 44 Jahren auf die Stärenegg. Er ist das Aushängeschild, der Kontakt nach aussen, der Sprecher. Das Ehepaar leitet das Heim noch immer.

Der gelernte Bauschreiner und grüne Politiker Michel Seiler ist Aushängeschild und Koheimleiter des Berghofs Stärenegg.

«Zu uns kommen die Kinder oft, wenn es sonst nirgends mehr geht», sagt Seiler. Er erzählt von einem Kind, das schon mit zehn Jahren kiffte, von einem anderen, das sich mit zwölf prostituierte. Von einem, auch zwölf Jahre alt, das schon in zwanzig Heimen war. Es sind oft traumatisierte Kinder, etwa Opfer von Gewalt. Zu ihrem Schutz möchte der Heimleiter nicht, dass die Journalistin mit ihnen spricht.

Die Stärenegg funktioniert anders als andere Heime. Die Kinder und Jugendlichen leben mit den BetreuerInnen, mit deren Familien, teilen den Alltag. «Die Kinder, die es am schwierigsten haben, brauchen kleine Strukturen, wenig Leute, und sie brauchen Allrounder», sagt Seiler. «Nicht Leute, die nach acht Stunden wieder gehen, sondern ganze Menschen. Menschen, die oft begeistert sind, auch mal verliebt sind oder schlechte Laune haben.»

Nicht nur beim Zusammenleben gehen Seiler und seine MitarbeiterInnen eigene Wege. Kern der Stärenegg-Philosophie sind praktische Tätigkeiten. «In vielen Heimen heisst es, das Kind stehe im Mittelpunkt. Bei uns soll das im Mittelpunkt stehen, was man tun will: melken, rechnen oder schreiben lernen, Holz spalten. Es ist wichtig, dass sich nicht immer alles nur ums Kind dreht. Es geht darum, Fähigkeiten zu entwickeln.» Daher sucht die Stärenegg MitarbeiterInnen mit praktischem Wissen und pädagogischen Erfahrungen – das sei wichtiger als eine pädagogische Ausbildung, ist Seiler überzeugt. «Die Kinder und Jugendlichen brauchen Leute, die eine Autorität sind in ihren Fähigkeiten – die einen Motor auseinandernehmen können, kochen können, bauern können.»

Im Wald gehen lernen

Der Heimleiter ist von der heilsamen Kraft des Konkreten überzeugt. Holzspalten zum Beispiel: «Wer mit den Händen schafft, kann enorm viel verarbeiten.» Für die Kinder anfangs eine fremde Welt: «Viele kommen aus dem Lärm. Die ganze Elektronik zieht Energie ab und macht aggressiv. Diese Kinder sehen die Welt nicht mehr. Wenn sie hierherkommen ohne Natel, auf den schmalen Wegen gehen, lernen sie viel. Jeder Tag ist anders, jeder Schritt, der Geruch ist anders, der Winter ist anders als der Sommer, wenn es geregnet hat, riecht es anders … Alle Sinne werden geschult.» Am Anfang schafften es die Kinder oft kaum, auf dem steilen Waldweg zu gehen, der die Stärenegg-Höfe verbindet. Das unebene Gelände überfordere sie, bei jedem Schritt müssten sie aufpassen, nicht zu stolpern. Aber sie lernten es. «Je selbstständiger sie werden, desto weniger Lebensangst haben sie.»

Ueli Affolter vom Heimverband Bern, der heute Socialbern heisst, kennt die Stärenegg gut und kann ihrer Philosophie durchaus etwas abgewinnen: «Ein erfahrener Landwirt kann der bessere Betreuer sein als ein unerfahrener Sozialpädagoge.» Es gebe Erfolgsgeschichten auf der Stärenegg: «Es ist eindrücklich zu sehen, wie sich Kinder aus schwierigen Verhältnissen in dieser ländlichen Umgebung, in diesen familienähnlichen Strukturen verändern können. Anderseits verschwinden traumatische Erlebnisse nicht einfach, wenn man ein Kind auf einen Hof bringt.»

Heute ist Dänu froh über den Zusammenbruch in der Lehre. «Solche starken Erschütterungen sind manchmal wirklich gut. Ich merkte: Ich will nicht mehr ins Gefängnis, ich will nicht mehr in die Psychiatrie, sonst komme ich nie mehr raus.» Eine Therapeutin erzählte ihm von der Stärenegg. Er kam auf einen Stärenegg-Hof in Südfrankreich. Der Betreuer dort beeindruckte ihn: Er war in jungen Jahren nach Indien gereist, hatte viel erlebt und viel zu erzählen. Ganz anders als die distanzierten MitarbeiterInnen in den Jugendheimen. Dänu arbeitete in der Landwirtschaft, dann kam er in die Schweiz zurück und begann eine Gärtnerlehre in der Gartenbauschule Hünibach. Ein unkonventioneller Ort, wo die Lernenden mehr waren als blosse Arbeitskräfte, auch modellieren und singen durften. Danach zog es ihn zurück zur Stärenegg: Auf einem der Emmentaler Höfe war eine Gärtnerstelle frei.

«Es hat mir extrem gut getan, das Eingebettetsein in ein natürliches Umfeld, wo alle miteinander arbeiten und wo du immer wieder zusammenkommst, um zu feiern.» Auf der Stärenegg werden die anthroposophischen Quartalsfeste gepflegt, das sind neben Weihnachten und Ostern Johanni und Michaeli, aber auch die Fasnacht. «Da haben sich alle verkleidet in der Remise. Auch die Betreuer, hier nennt man sie Hauseltern, haben getanzt und sich zum Teil blöder aufgeführt als die Kinder … In anderen Heimen gibt es immer eine starke Trennlinie, eine Grenze zwischen Betreuern und Klienten.» Was er der Stärenegg hoch anrechne: Man schaue auf das Individuelle, fördere handwerkliche oder künstlerische Talente. «Ich weiss nicht, ob es immer gelingt, aber das ist jedenfalls das Ideal. Du bist nicht in einer Schablone.»

Jetzt lebt Dänu selbst mit «schwierigen» Jugendlichen zusammen. Am Montagabend ist er für ihre Betreuung zuständig, auch Wochenenddienst hatte er schon, fuhr mit ihnen nach Thun an die Agrimesse. Und jeden Donnerstag arbeiten sie zwei Stunden mit ihm im Garten. Das brauche ziemlich Energie. «Man muss schauen, dass die Jüngeren nicht unter die Räder kommen.» Mit der Motivation hapert es manchmal auch: Zwei Stunden im Garten, das sei ja Kinderarbeit, beschweren sich die einen, und ein Handy darf man auf der Stärenegg auch nicht haben. «Für die ist natürlich klar: Scheissheim. Aber ich denke, irgendwann, wenn sie mal erwachsen sind, sehen sie vielleicht doch, welche Werte sie hier bekommen haben.» Den Vorwurf der Kinderarbeit lässt er nicht gelten: «Heutzutage habe ich manchmal das Gefühl, man weiss vor lauter Gutmeinen nicht mehr, was man den Leuten zutrauen darf.»

Was passiert, wenn Kinder die Tätigkeiten, auf die die Stärenegg setzt, verweigern? «Diese Kinder muss man einfach ertragen, durchtragen», sagt Michel Seiler. Auf einem Stärenegg-Hof im Ausland sei ein Junge, der acht Monate lang fast nichts getan habe. «Dann war ein Zivildienstleistender aus der Schweiz dort, ein Velomech, der immer Velos flickte. Der Bub hat zugeschaut, und jetzt hat er selber angefangen, Velos zu flicken. Das geht halt manchmal ein halbes Jahr.»

Der Preis der Unabhängigkeit

Die Anforderungen, die die Stärenegg an ihre Mitarbeitenden stellt, sind hoch. Es gibt keine klare Trennung zwischen Arbeit und Freizeit – eine logische Konsequenz aus der Überzeugung, dass Kinder «ganze Menschen» brauchen. Die Steuern in der Gemeinde sind hoch, die Löhne auf der Stärenegg tief: Wer auf einem der sechs Höfe einsteigt, erhält 2250 Franken Monatslohn ausbezahlt, dazu Kost und Logis. Nach drei Jahren steigt der Lohn auf 2600 Franken, was etwa einem Bruttolohn von 4000 Franken entspricht. Einige wenige Mitarbeitende wohnen auswärts, sie erhalten 26 Franken pro Stunde. Auf Gewerkschaften ist Seiler nicht besonders gut zu sprechen: «Wir lassen uns nicht befehlen, wie viel wir arbeiten und verdienen dürfen.» Wenn jemand Kinder oder Angehörige unterstützen müsse, helfe man, das sei selbstverständlich. «Und dass wir am gleichen Ort wohnen und arbeiten, macht das Leben günstiger, auch für Familien.»

Es ist die Unabhängigkeit, die ihren Preis hat: Der Berghof Stärenegg ist nicht Mitglied des Interkantonalen Heimverbunds, weil er verschiedene Anforderungen nicht erfüllt, unter anderem zu den sozialpädagogischen Ausbildungen der Mitarbeitenden. Das Heim wird durch die Beiträge für die betreuten Kinder und Jugendlichen finanziert. Das seien zwischen 9000 und 15 000 Franken pro Kind im Monat, sagt Michel Seiler. Gleichzeitig kommen hier auf jedes Kind, jeden Jugendlichen drei MitarbeiterInnen, mehr als in anderen Heimen. Allerdings sind die meisten, getreu der Philosophie des Heims, nicht nur in der Betreuung tätig. Die BetreuerInnen auf den Höfen im Ausland kennt Seiler alle gut, einige haben früher hier gearbeitet. Gerade wenn Kinder ein «Riesengstürm» hätten, helfe es oft, wenn sie im Ausland Abstand finden könnten.

Die Unabhängigkeit, das spürt man im Gespräch mit Seiler, ist ein Kern der Stärenegg: «Es ist wichtig, dass die Leute, die vor den Jugendlichen stehen, selber verantwortlich sind für das, was sie hier tun. Denn die Jugendlichen erleben dauernd das Gegenteil: Erwachsene, die sagen, ich würde es anders machen, aber ich darf nicht.» Das ist doch die Realität … «Ja, aber es ist falsch. Wir können diese Verantwortung übernehmen, so wie ihr bei der WOZ auch. Man kann nicht immer den anderen die Schuld geben.» Manchmal wirkt die Unabhängigkeit auch intransparent: Für den Betrieb ist der Verein Berghof Stärenegg zuständig, die Liegenschaften im Emmental und einige im Ausland gehören der Stiftung Stärenegg, der der Verein Miete bezahlt. Zum Teil sind die gleichen Leute in Verein und Stiftung aktiv. «Keine Gewaltentrennung», betont Seiler auch selbst.

Der Steilhang oberhalb der Häuser hat Fenster. Ein Bunker? Michel Seiler öffnet die Tür, schickt die Besucherin ins Dunkel, es wirkt wie ein Test. Dann macht er Licht: ein kreisrundes, achteinhalb Meter hohes Gewölbe aus roten Ziegeln mit einer erstaunlichen Akustik. Jugendliche, Mitarbeitende und hinzugezogene Handwerker bauen seit Jahren daran. An der Wand ein Sandsteinfries mit Tierkreisbildern, Symbolen für die vier Elemente und die vier Temperamente, im Südportal ein winziges Loch, durch das am Tag der Wintersonnenwende die Sonne fällt. Der anthroposophische Einfluss ist sichtbar, obwohl Seiler das von sich weist. Viele Mitarbeitende seien von Rudolf Steiners Ideen inspiriert, aber man habe keinen anthroposophischen Stempel. «Es ist eher umgekehrt: Bei vielem sagen wir, das sehen wir so, und Steiner hat das auch gesagt.»

Mörder am Malen

Dänu wirkt bei sich, konzentriert. Erzählen kann er gut, seine Sprache ist lebendig und präzis. Aufgewachsen mit dem Gefühl, «irgendwie blöd» zu sein und sowieso nichts zustande zu bringen, begann er das Leben in den letzten Jahren doch noch zu schätzen. Er hat gelernt zu spüren, was ihm gut tut, und besonders gut tut ihm die Kunst. «Je mehr ich mich darin vertiefte, merkte ich: Huere Siech, eigentlich gibt es ja doch etwas, mit dem ich einen Bezug zum Leben aufbauen kann!» Begeisterung schwingt in seiner Stimme mit, wenn er von der Maltherapie in einem der Heime erzählt: «Da waren wir in einem Raum, die Hälfte Mörder, jeder hatte sein Bild, war vertieft ins Malen … da dreht der Kopf nicht mehr im Scheiss, den du sonst hast, da bist du einfach in deiner Freude am Machen drin und in den Farben und Formen, und du machst und schaffst und erlebst richtig etwas – das war für mich immer etwas wahnsinnig Schönes.» Dänu zeichnet und malt immer noch, schreibt Gedichte, und die Musik ist ihm «die Mutter aller Künste». Sein ganzer Bericht ist ein Plädoyer für die Ästhetik – auch die Architektur der Schulhäuser habe für ihn sehr viel ausgemacht, erzählt er. An eine Schule mit Glockenturm hat er «einfach vom Haus her eine schöne Erinnerung». Obwohl das, was er darin erlebte, nicht schön war.

Das Schulsystem kritisiert er hart. Auch in der Familie war es schwierig, aber die Schule machte alles noch schlimmer. «Ich habe diese Sprache nie verstanden, das Intellektuelle, rein Rationelle, Planerische.» Fast «ertötet» habe es ihn. «Wie sie dir in der Schule zum Beispiel die Pflanzen erklären, mit der Fotosynthese, mit der Nährstoffaufnahme – wie eine Maschine. Das ist so kalt! Wenn ich eine Pflanze anschaute, empfand ich etwas anderes als Fotosynthese. Dieses andere wurde in der Schule völlig weggelassen. Aber das hätte ich gebraucht, dann hätte ich mich vielleicht auch für das Intellektuelle mehr interessieren können.» Als Dänu später Goethes Schriften über die Natur entdeckte und erfuhr, wie Galileo Galilei seine Entdeckungen gemacht hatte, war das wie eine Bestätigung: Auch die grossen Dichter und Erfinder waren mit intuitiven, nicht nur mit rationalen Methoden auf ihre Erkenntnisse gestossen.

Michel Seiler wird dieses Jahr 65. Was wird aus der Stärenegg, wenn er einmal nicht mehr mag? «Diese Frage muss man sich stellen», sagt Ueli Affolter von Socialbern. «Er macht diese Arbeit mit Leib und Seele, die Stärenegg ist sehr stark von ihm geprägt – und auch von seiner Frau, die im Hintergrund arbeitet.»

Darauf angesprochen, weicht Seiler zuerst aus: «Wir haben so viele Höfe, so viele selbstständige Leute.» Ja, aber wer übernimmt seine Rolle als Koordinator und Ansprechperson? Sie wollten die Zweierheimleitung umwandeln in ein Fünfergremium, sagt er schliesslich. Sie müssten ein neues Konzept schreiben, die Kantone verlangten das für Platzierungsorganisationen. «Wir wollen unsere Eigenheit behalten und wünschen uns dafür weiterhin die Unterstützung der Behörden.»

Am Schluss kommt Heimleiter Michel Seiler auf das «innere Feuer» zu sprechen, das es für diese Arbeit brauche. «Es heisst immer, diese Kinder müssten integriert werden. Wir wollen sie nicht integrieren – oder nur im eigenen Wohlsein. Wir wollen sie nicht anpassen an eine kaputte Welt; wir versuchen, mit ihnen eine neue Welt zu gestalten, in der sie tätig sein und sich einbringen können.»

Dänu macht sich auf den Weg, den steilen Waldweg hinunter zu seinem Hof. Er weiss nicht, wie lange er noch dort arbeiten wird. Ihm ist wohl in dieser Landschaft mit ihren Hügeln, Wäldern und Bauernhäusern. Irgendwann wird es Zeit sein zu gehen, aber sicher ist, dass er auf dem Land bleiben will: «In der Stadt kann ich nicht leben.»

Siehe auch das Monatsinterview mit Michel Seiler vom September 2007.

Die Schlössli-Pädagogik

Familie Seiler und die richtige Lebensschule

Sie lernten sich kennen, weil sich beide für den Kommunismus begeisterten: die Gemüsegärtnerin Ruth Schwab und der Lehrer Robert Seiler. Das war 1938. Drei Jahre später mussten sie die geplante Hochzeit verschieben, weil Ruth an einer politischen Veranstaltung verhaftet worden war. Es war nicht das letzte Mal, dass das Paar mit dem Staat in Konflikt geriet. Trotzdem heirateten die beiden und gründeten eine Familie.

Als ihre Kritik am Stalinismus wuchs, wandten sie sich stärker der Anthroposophie zu, die Robert schon lange fasziniert hatte. 1953 gründeten Ruth und Robert Seiler-Schwab die Heimschule Schlössli Ins im Berner Seeland.

Die Schlössli-Pädagogik entstand: eine ziemlich wilde Mischung aus Anthroposophie, linken Ideen, Pestalozzi, christlichen und esoterischen Elementen – vor allem aber war das praktische Erleben, der Bezug zu Landwirtschaft und Handwerk, sehr wichtig. Anfang der siebziger Jahre übernahm der älteste Sohn Ueli Seiler die Leitung des Schlössli, sein Bruder Michel den Berghof Stärenegg. Formal unabhängig voneinander, blieben die beiden Institutionen über die Familie Seiler eng verbunden und orientierten sich an ähnlichen pädagogischen Grundsätzen. Die Liegenschaften des Schlössli im Inser Dorfzentrum gehören der Stiftung Seiler – in der auch Michel Seiler von der Stärenegg sitzt –, für den Betrieb ist ein Trägerverein zuständig. 

Doch in den letzten Monaten ist ein Konflikt zwischen der Stiftung Seiler einerseits, dem Vorstand des Trägervereins und der Heimleitung anderseits immer mehr eskaliert. Der Streit dreht sich unter anderem um pädagogische Fragen. Im Februar warfen MitarbeiterInnen, die die Stiftung Seiler unterstützen, in einer Pressemitteilung der Führung «einschneidende und der Schlösslitradition widerhandelnde Strukturänderungen» vor: «BetreuerInnen der Kinder und Jugendlichen durften nicht mehr in den Häusern wohnen, Einführung einer Zentralküche, Abschaffung des traditionellen und von den Kindern geliebten Donnerstagswerkens usw.»

Als Folge des Konflikts kündigte der Vorstand des Trägervereins an, geschlossen zurückzutreten und die Heimleiterin freizustellen, auch die Geschäftsleitung war entschlossen zu kündigen. Daraufhin entzog das Kantonale Jugendamt dem Schlössli die Betriebsbewilligung auf den 5. Juli 2014. Die MitarbeiterInnengruppe, die die Stiftung Seiler unterstützt und das Schlössli weiterführen will, möchte sich zurzeit nicht äussern. Einen gewichtigen Vorteil hat die Stiftung auf jeden Fall: Ihr gehören die Häuser.

Bettina Dyttrich

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