Nr. 38/2008 vom 18.09.2008

Öko im Anzug

An der Universität St. Gallen beschäftigten sich letzte Woche Erstsemestrige mit nachhaltiger Energieversorgung. Besinnt sich die Schweizer Kaderschmiede auf ökologische Grundsätze? Oder sind die Veranstaltungen der Startwoche nur eine PR-Massnahme?

Von Alice Kohli

Die Startwoche an der Universität St. Gallen (HSG) ist eine Veranstaltung von gigantischen Ausmassen. Über 1300 Erstsemestrige drängen sich am frühen Morgen in den Gängen vor dem Auditorium Maximum, rund 300 mehr als im letzten Jahr. Wer hier ist, studiert laut «Handelszeitung» an einer «Kaderschmiede für Topmanager». Und wer oben mitmischen will, muss auch bereit sein, Ferienzeit zu opfern - die Startwoche beginnt noch vor dem Semesteranfang.

Seit 2001 organisiert die Uni eine Startwoche für die StudienanfängerInnen: Sie soll aus unschuldigen MaturandInnen richtige HSG-StudentInnen machen. «Stadt der Zukunft» und «Mode» waren Themen früherer Startwochen. Mode an der HSG? Nicht immer erkennen die StudentInnen den Sinn der Übung auf Anhieb. Dieses Jahr ist das nicht anders: «Die Herausforderungen einer nachhaltigen Energieversorgung» steht auf dem Skript. Yves ist skeptisch: «Es haben sich hier schon einige gefragt, was das Thema mit Wirtschaft zu tun haben soll.» Der junge Zürcher mit Berufswunsch «Unternehmer» findet das Thema abgedroschen. Regina hätte lieber an der Modestartwoche teilgenommen. «Energie ist auch interessant, aber ich kann mir darunter nichts vorstellen», sagt sie.

Im Foyer werden Geschenke verteilt. Das Auspacken des Aktenköfferchens lockert die verkrampfte Stimmung unter den neuen KommilitonInnen. Ein Energydrink, eine Portion Quicklunch-Käsehörnli, zwei Shampoomuster, Notizblöcke, eine Agenda - offeriert hat den StudentInnenkrimskrams Jahrgangssponsor ABB, sein roter Schriftzug prangt unübersehbar auf den Präsenten.

Networking im Gummiboot

Nachdem die StudentInnen endlich im Audimax Platz genommen haben, nutzt der Energietechnikkonzern die Gelegenheit, um sich ökologisch in Szene zu setzen. «ABB-Produkte können bis zu dreissig Prozent Energieverlust einsparen», heisst es in einem schwülstigen Werbefilm. Die StudienanfängerInnen nippen an ihren ABB-Energydrinks. Niemand kritisiert das wenig nachhaltige Geschenkköfferchen. «Ich finde Sponsoring im Allgemeinen gut», sagt Yves nach der Veranstaltung. «Das ist halt deren Marketingstrategie.» Keine Frage - ABB hat die Veranstaltung geschickt genutzt. Vielleicht sitzt im Publikum sogar eine zukünftige ABB-Nachhaltigkeitsmanagerin oder ein zukünftiger ABB-Marketingexperte.

Es sei bloss ein Zufall, dass der Jahrgangssponsor thematisch zur Startwoche passe, sagt Rolf Wüstenhagen, Vizedirektor des Instituts für Wirtschaft und Ökologie an der Uni St. Gallen. ABB sei mit der Startwoche auch nicht direkt verknüpft. Die eigentlichen Sponsoren seien die Stadt St. Gallen und der Insulinhersteller Novo Nordisk. Für sie wird ein Drittel der ErstsemestlerInnen nun ein Energiekonzept erstellen müssen. Die restlichen StudentInnen beschäftigen sich mit anderen Städten und Unternehmen.

Den zwei Siegergruppen spendiert Ernst & Young ein Riverrafting-Wochenende in Graubünden. Der Hörsaal gerät in Bewegung. Man merkt es den StudentInnen an, dass sie gedanklich bereits die Stromschnellen des Rheins bezwingen und mit Unternehmensberatern networken.

Eifrig, aber immer noch cool genug, machen sich die StudentInnen auf den Weg zu den ihnen zugewiesenen TutorInnen. Diese studieren selbst an der HSG und verdienen sich mit ihrem Engagement bei der Startwoche Kreditpunkte. Nun führen sie die Neuen zu den Gruppenräumen. Aus Platzmangel wurden auf dem Olma-Messegelände provisorische Klassenzimmer eingerichtet - hier werden in den nächsten Tagen Energiekonzepte für St. Gallen, San Francisco und Nagpur (Indien) erstellt. Ein Teil der Gruppen wird sich auf dem HSG-Campus mit den Ökobilanzen von Novo Nordisk, dem Baustoffkonzern Holcim und Ikea beschäftigen.

«Die Stadt St. Gallen hat das unmittelbarste Interesse an den Resultaten der Startwoche», sagt Rolf Wüstenhagen. Erst vor gut einem Jahr habe das Stadtparlament einem neuen Energiekonzept zugestimmt, das nun umgesetzt werden soll. «Vielleicht schreibt ja einer der Studenten einst seine Bachelor- oder Masterarbeit zu den sanktgallischen Energiesparmassnahmen», so Wüstenhagen.

Die übrigen Firmen und Städte sind an der Startwoche nicht so direkt beteiligt. Für die Aufgabenstellung habe man lediglich die nötigen Daten angefordert. Auch die Zweimillionenstadt Nagpur wird von den Energiekonzepten der HSG-Studenten nicht viel haben, obwohl sich etwa 200 StudentInnen damit beschäftigen. Darunter Regina, die lieber etwas zum Thema Mode gemacht hätte, und Yves, der Unternehmer in spe.

Streberin, Diva und Platzhirsch

Yves, Regina und die rund zwanzig weiteren Teilnehmer der Gruppe 26 haben in der lärmigen Olma-Halle an ihren Schulbänken Platz genommen. Sie beugen sich über das «Energie-Quiz», die erste Aufgabe der Startwoche. Es geht darum, sich mit dem Thema Energie vertraut zu machen. «Wofür kann man eine Kilowattstunde Strom einsetzen?» lautet die erste Frage. Die StudentInnen beginnen zu diskutieren. In kleiner Runde sehen auch HSGler aus wie gewöhnliche MaturandInnen. Die Dynamik der Schulklasse entlarvt die Streberin, die Diva oder den Platzhirsch. Sogar ein ehemaliger Chemiestudent findet sich in der Gruppe. Auch er kann sich unter einer Kilowattstunde Strom nicht wirklich viel vorstellen. Kann man damit A: 300 Liter Bier kühlen? B: Einen Kilometer Auto fahren? C: Fünfzehn Liter Tee aufbrühen? Oder gar D: 4800 Zitronen auspressen?

Die Klasse einigt sich auf Antwort C. «Aber das kann man doch gar nicht wissen», nörgelt Thea. Maximilian pflichtet ihr bei. «Das sind doch reine Schätzaufgaben.» Die Gruppe 26 löst nur drei von elf Fragen richtig. Thea sieht es gelassen. «Das Quiz gibt in der Endauswertung nur fünf Punkte.» Und sie hat etwas dazugelernt: Mit einer Kilowattstunde Strom kann man 4800 Zitronen auspressen.

Das Thema Energie nimmt für die StudentInnen langsam Konturen an. Dem Skript entnehmen sie, dass Nagpur eine Industriestadt ist und als geografischer Mittelpunkt Indiens auch ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt. Die StudentInnen sollen nun die Stärken und Schwächen fossiler und erneuerbarer Energien analysieren und eine Strategie entwickeln, um Nagpur mit einer hochwertigen Energieversorgung auszurüsten. Auf Flipcharts zeichnen die Neu-HSGlerInnen Diagramme und Tabellen, überlegen sich Logos und Leitideen. Zum wohl ersten Mal bekommt die indische Stadt mit ihrer riesigen Armut und der maroden Infrastruktur an der HSG einen wirtschaftlichen Stellenwert.

Am Donnerstagabend um 18 Uhr ist Abgabeschluss. Die Gruppe 26 feilt bis zur letzten Minute an ihrem Konzept. Am frühen Freitagmorgen stellen Daniel und Maximilian die Resultate einer Vorjury vor. Die beiden entsprechen dem Bild des typischen HSG-Studenten: Sie haben ein gewinnendes Auftreten, sind teuer gekleidet und lächeln wie für eine Zahnpastawerbung. Bereits am ersten Tag haben sie mit ihren Erfahrungen im Eventmanagement geprotzt. Daniel, neunzehn, organisiert regelmässig Partys in Zürcher Edeldiskotheken. Maximilian, zwanzig, hat in Deutschland Events organisiert und verfügt ausserdem über gute Verbindungen zu Flyerdruckereien. «Wir müssen unbedingt mal etwas zusammen machen», beschliessen die Nachwuchsunternehmer.

Atomkraft für Nagpur

Dani und Max sind auch die Masterminds hinter dem Projekt Nagpur. Die Stadt soll im Jahr 2012 ein brandneues Atomkraftwerk bekommen (Dani: «Atomkraftwerke der Generation vier sind viel sicherer als ihre Vorgänger!»), und auch im Nahverkehr soll sich einiges ändern. Die Eisenbahn soll privatisiert werden und von Diesel- auf Elektroantrieb umgerüstet werden. Maximilian ist überzeugt, die Privatisierung sei die einzige Möglichkeit, eine elektrische Eisenbahn zu finanzieren. Er hat kürzlich eine Fernsehdokumentation darüber gesehen.

Bereits 2020 soll der Strom aus dem neuen AKW aber wieder reduziert werden. Bis dahin sollen die Wind- und Solarkraftwerke stehen, deren Finanzierung vorher noch im Argen lag. Die meisten Gruppen haben sich an der Finanzierung ihrer Projekte die Zähne ausgebissen. Die pure Gewinnoptimierung ist offenbar noch nicht das Hauptziel der jungen HSG-StudentInnen. Dafür zeigen sie gestalterisches Geschick. Eine Gruppe verkleidet einen Studenten als Maskottchen: Der «Energy-Man» hat sich einen riesigen roten Trichter auf den Kopf geklebt und trägt einen Blitz aus Alufolie um den Hals. Für das Energiekonzept von Ikea hat eine andere Gruppe den «Grülch» geschaffen - eine Art grünen Elch. Das Team um Dani und Max hat einen AKW-Kühlturm gebaut, aus dem ein Bäumchen und eine Papiersonne ragen. «Sie stehen für die erneuerbaren Energien», steht im Konzept. Damit schafft es Gruppe 26 ins Finale.

Die Gewinner der Startwoche sind - wenig überraschend - zwei Gruppen, die sich mit den Sponsoren St. Gallen und Novo Nordisk befasst haben. «Natürlich versuchen jetzt viele Firmen, sich ökologisch zu positionieren», sagt Rolf Wüstenhagen. Er sieht darin den Anfang einer nachhaltigen Wirtschaft. «Auch die Studenten begreifen allmählich, dass man mit erneuerbaren Energien Geld verdienen kann.» Wüstenhagen räumt ein, dass es in der ganzen Energie- und Klimathematik noch einen ziemlich grossen Bildungsbedarf gebe. Deswegen ist ihm auch die Startwoche so wichtig. «Selbst wenn bei zehn Prozent der Leute ein bisschen was hängen bleibt, dann haben wir schon viel erreicht», sagt er. «Investmentbanker wollen sie noch früh genug werden.»

Maximilian und Daniel möchten an ihren zukünftigen Veranstaltungen keine Plastikbecher benutzen, sagen sie am Ende der Startwoche. Sie wollen auch keine Parkplätze zur Verfügung stellen, damit die Gäste die öffentlichen Verkehrsmittel benützen müssen. Aber das Engagement der zwei HSG-Studenten hat Grenzen. «Letztlich sind eben alle Menschen Egoisten», weiss Dani. Er selber würde auf nichts verzichten - ausser, alle anderen täten es auch.

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