Nr. 46/2009 vom 12.11.2009

«Das ist die Aufgabe unserer Generation»

Auf der deutschen Seite des Bodensees schickt man sich an, eine ganze Region auf erneuerbare Energie umzustellen. Wo sich umweltökologische Anliegen mit der Nachfrage nach günstiger Energie treffen, gelingt das immer öfter. Nur für die Idee, sich auch an den Versorgungsnetzen zu beteiligen, fehlt die Begeisterung noch.

Von Franziska Meister

Der kleine, rote Bagger «Manitou» flitzt über den asphaltierten Platz und stoppt abrupt vor dem gigantischen Haufen streng riechender, brauner Masse, die weit in den blauen Herbsthimmel reicht. Manitous Schaufel bohrt sich in den Berg und hebt die Ladung hoch, wendet und kurvt mit Schwung zur Mulde am andern Ende des Platzes. «Das ist mein Sohn. Er füttert grad die Biogasanlage», sagt Erich Henninger. Der Mann im blauen Overall, der Sekunden zuvor oben auf dem Haufen an einer riesigen weissen Plastikplane gezerrt hat, steht nun neben dem Berg aus gehäckselten und silierten Mais- und Graspflanzen, aus denen Methangas gewonnen wird. Rund 25 Tonnen dieser Biomasse landen täglich in der Mulde – «zehn Schaufeln am Morgen, zehn am Abend». Henningers rötlicher Haarschopf leuchtet in der Sonne. Er ist Landwirt, Aussendienstmitarbeiter einer Futtermittelfirma und Ortsvorsteher von Mauenheim, dem ersten Bioenergiedorf nördlich des Bodensees.

Gemeinsam mit seinem Nachbarn Ralf Keller betreibt Henninger die Biogasanlage, die etwas ausserhalb des Dorfes liegt, eingebettet in eine hügelige Landschaft mit Feldern und Apfelbäumen. Sie liefert das ganze Jahr über Strom und Wärme für das Dorf.

85 Tage bei 49 Grad

Ihr Verfahren ist einfach: In der Mulde, Erich Henninger nennt sie ihrer Funktion entsprechend «Fütterungsautomat», wird die Biomasse erst mal gründlich durchmischt. Danach wird dieses Substrat – wie es in der Fachsprache genannt wird – in zwei zylinderförmige Gärbehälter aus Beton gedrückt. In diesen Fermentern verbleibt es 85 Tage lang bei einer Temperatur von 49 Grad und wird regelmässig durchgerührt. Bakterien, die in der Brühe gedeihen, bauen das Substrat ab und produzieren dabei Methangas. Es sammelt sich im Hohlraum unter der Decke und wird von dort in einen Silo geleitet. «Da drin hängt ein Gassack, eine Art Luftballon, der das Gas vorspeichert», sagt Erich Henninger. Aus diesem Gassack führt eine Leitung direkt in das Herzstück der Anlage, das sich in einem stickig heissen, grünen Wellblechcontainer verbirgt: das Blockheizkraftwerk, das Strom erzeugt. Dabei fällt rund die Hälfte der eingesetzten Energie als Abwärme an. «Bei vielen Biogasanlagen verpufft diese Wärme einfach», sagt Henninger. «Als Ralf Keller und ich uns Anfang 2005 entschieden, eine Biogasanlage zu bauen, wollten wir die Abwärme aber unbedingt nutzen. Deshalb haben wir auch Solarcomplex mit ins Boot genommen.»

Solarcomplex ist ein sogenanntes Bürgerunternehmen, es gehört über 600 Privatpersonen und Firmen. «Wir sind zwar jetzt eine Aktiengesellschaft, aber eine mit sehr genossenschaftlichem Charakter», sagt der Mitbegründer und -geschäftsleiter Bene Müller. Das Unternehmen baut und betreibt Fotovoltaik-, Biogas- und Holzenergieanlagen, ein Wasserkraftwerk und grosse Wärmenetze. In ihren Anfängen installierte die Firma Solaranlagen auf Dächern – von der allerersten hängt eine leicht unscharfe Fotografie im kleinen Sitzungszimmer der Solarcomplex AG in Singen am Hohentwiel: Die Solarpanels stehen auf dem Dach eines Gymnasiums in Singen.

Bene Müller, hemdsärmelig, das wenige, blonde Haar millimeterkurz geschnitten, legt viel Überzeugungskraft in seine Stimme. Er hat eine Vision: Die ganze Region auf der deutschen Seite des Bodensees soll sich in zwanzig Jahren mit heimischer Energie aus erneuerbaren Quellen versorgen – mit Solarenergie, Wind- und Wasserkraft und mit Energie aus Biomasse, also Holz, Pflanzenöl oder Biogas. Mit dieser Vision hat Müller auch die BürgerInnen von Mauenheim begeistert. Ihr Dorf sollte energieautark werden. «Das bedeutet nicht, dass man sich unabhängig macht, indem man das Netz kappt», sagt er: «Diese Vorstellung vom gallischen Dorf ist naiv.» Vielmehr soll die Energie, die eine Gemeinde braucht, auch in der Gemeinde erzeugt werden.

«Energie für unseren Stoffwechsel»

Genau das ist in Mauenheim mittlerweile der Fall – mehr noch: Das Dorf mit seinen rund 430 EinwohnerInnen hat einen Strombedarf von einer halben Million Kilowattstunden pro Jahr, erzeugt mit der Biogasanlage aber das Siebenfache. Der überschüssige Strom wird ins öffentliche Netz eingespeist und vergütet, dank des Gesetzes über erneuerbare Energien in Deutschland (vgl. «Der Staat fördert die Energiewende» weiter unten). Das bestehende Netz ist für eine dezentrale Stromversorgung also nur von Vorteil, sagt Müller. Wenn man den Begriff der «Energiewende» zu Ende denke, also vollständig von fossiler und atomarer Energie auf erneuerbare Energie umsteigen wolle, dann sei doch völlig klar, dass städtische Ballungszentren sich nie aus ihrer eigenen Fläche werden versorgen können und auf Überschüsse aus den ländlichen Gebieten angewiesen seien. «Das machen wir bei der Lebensmittelversorgung genauso. Und das ist ja auch Energieversorgung – für unsern eigenen Stoffwechsel.»

Ein Vergleich, der ein fundamentales Problem verdeutlicht: Weltweit betrachtet ist die Fläche, die mit Pflanzen zur Energiegewinnung bebaut werden kann, begrenzt. Auf dieser endlichen Fläche müssen auch Lebensmittel produziert werden. Schon jetzt reicht sie kaum aus, um die wachsende Weltbevölkerung zu ernähren. «Dieses ethische Dilemma hat mich sehr beschäftigt», gesteht Erich Henninger. Er baut jetzt nur noch zu zwanzig Prozent Weizen an – der Rest besteht aus Energiepflanzen. «Gleichzeitig ist es in Deutschland so, dass der Anbau von Energiepflanzen den Anbau von Lebensmitteln nicht konkurrenziert.» Die Regierung habe vor einigen Jahren verordnet, dass fünf Prozent aller Ackerflächen stillgelegt werden müssen, um den Agrarmarkt zu entlasten. Diese Flächen würden nun genutzt, um darauf Energiepflanzen anzubauen.

«Wir werden langfristig keine regenerative Energieversorgung auf Biomasse aufbauen können – das wäre eine falsche Botschaft», sagt Müller. «Städte werden andere Energiequellen wie etwa Geothermie oder grosse Solarkollektorfelder einsetzen müssen.» In Dänemark etwa würden bereits heute Anlagen mit 50 000 Quadratmetern Kollektorfläche den Energiebedarf ganzer Dörfer und kleiner Städte in den Sommermonaten abdecken. «Gegenüber Sonne und Wind hat Biomasse trotzdem einen wichtigen Vorteil: Sie lässt sich sehr gut zum bedarfsgerechten Regeln einsetzen», man kann also dann Strom respektive Wärme produzieren, wenn man sie braucht.

Henninger und Keller sind derweil bemüht, ihre Biogasanlage möglichst nachhaltig zu betreiben und mit einem geschlossenen Kreislauf zu arbeiten. Rund ein Drittel der Biomasse besteht aus Kuhmist und Stallabfällen, zwei Drittel stammen von den Feldern der Landwirte aus Mauenheim und Umgebung. «Ich selber bewirtschafte 75 Hektaren – zu achtzig Prozent mit Mais, Grünroggen und Luzerne, die wir immer im Fruchtwechsel anbauen», sagt Erich Henninger. «Bei uns ist immer wieder Ernte, das ganze Jahr hindurch.» Getreide und Gras werden gleich auf dem Feld zerkleinert und zur Biogasanlage gefahren und dort gelagert. Die Masse wird mit Plastikplanen möglichst luftdicht umschlossen und fünf Wochen lang siliert. «Das funktioniert wie beim Einmachen von Sauerkraut», erklärt Henninger: «Die Milchsäure, die entsteht, sorgt dafür, dass die Energie in der Pflanze konserviert wird.»

Etwa achtzig Prozent dieser Silage bleiben auch nach der Methangasgewinnung im Fermenter noch als vergorenes, flüssiges Substrat übrig. «Und das kommt ins Endlager.» Henninger zeigt auf einen Betonsilo mit Spitzhaube. «Im Frühling bringen wir es dann als Gülle wieder raus auf die Felder.» So bleibt der Düngerkreislauf mit Phosphor, Kalium und Stickstoff geschlossen. «Wir müssen kaum noch Mineraldünger dazukaufen.» Solarcomplex sorgt dafür, dass auch die Abwärme der Biogasanlage vollständig genutzt werden kann: Im Winter heizt das Blockheizkraftwerk die Mauenheimer Haushalte, wobei eine zusätzliche Holzschnitzelanlage dafür sorgt, dass auch in Spitzenzeiten immer genügend Warmwasser zur Verfügung steht. Im Sommer trocknet die Abwärme dann die Holzschnitzel, was deren Qualität verbessert.

«Die Bürger wollten damals eine Garantie haben – im Tausch für die Sicherheit des Heizkessels im Haus –, dass sie im Winter nicht frieren müssen», sagt Henninger. Solarcomplex hatte sich bereit erklärt, das Verteilnetz für die Abwärme aus der Biogasanlage zu bauen, wenn mindestens 45 Haushalte umsteigen würden. «Im April 2006 wurde dann mit jedem einzelnen Bürger ein Vertrag abgeschlossen. 66 haben unterschrieben.» Drei von vier Mauenheimer Haushalten sind so kostenlos ans Nahwärmenetz angeschlossen worden. «Der Landwirtschaftsminister von Baden-Württemberg hat es am 18. November 2006 offiziell eröffnet», erinnert sich der Ortsvorsteher, «das war ein grosser Anlass.»

Nachhaltig – und billig

Auch Kristl Sterk und ihr Mann sind ans Nahwärmenetz in Mauenheim angeschlossen. «Das mit der Nahwärme ist eine gute Sache», sagt sie und rückt das Haarnetz über den Lockenwicklern zurecht. Trotzdem heizt sie im Winter weiterhin auch noch mit Holz, das ihr Mann im eigenen Wald schlägt – «weil das nämlich gratis ist». Ihr Mann war früher Landwirt, jetzt arbeitet er als Maschinenbauer. Landwirtschaft betreibt im Dorf kaum noch jemand, das lohnt sich einfach nicht mehr. Der letzte Dorfladen hat vor zehn Jahren zugemacht, erzählt Kristl Sterk. Das Gasthaus Schwanen ist noch an drei Abenden die Woche geöffnet. Eine Schule sucht man in Mauenheim vergebens – dennoch ist das Dorf voller Kinder. Geht man von Sterks Häuschen im Zentrum die Strasse hoch, gelangt man zum neu erschlossenen Dorfteil, wo in jedem Garten eine Schaukel, eine Rutschbahn und ein Sandkasten stehen.

Dort hat die junge Generation der Mauenheimer gebaut. «Wer sich nachträglich ans Nahwärmenetz anschliessen will, muss 10 000 bis 12 000 Euro bezahlen», sagt Kristl Sterk. Das Geld war für viele DorfbewohnerInnen das schlagende Argument, sich überhaupt am Projekt Bioenergiedorf zu beteiligen. «Schon am Abend der ersten Versammlung sagten über zehn Bürger: ‹Wenn ihr die Wärme tatsächlich billiger liefern könnt, als was wir für Heizöl bezahlen, dann machen wir mit›», erzählt Erich Henninger. Solarcomplex garantiert dem Dorf für die nächsten zwanzig Jahre für die Wärmeversorgung einen fixen Preis von 4,9 Cent pro Kilowattstunde. Der Heizölpreis müsste also auf unter 49 Cent pro Liter fallen, um die Nahwärme zu konkurrenzieren; zurzeit liegt er bei knapp sechzig Cent. «Wahrscheinlich gehören die Heizkosten in Mauenheim zu den tiefsten in ganz Deutschland», freut sich Henninger.

Mittlerweile muss Solarcomplex seine Projekte nicht mehr mühsam anschieben. «Wir gehen nur noch auf Projekte und Gemeinden zu, in denen ein positives Umfeld vorhanden ist», sagt Bene Müller. «Wir reiben uns nicht mehr auf mit Bürgermeistern, die die Zeichen der Zeit noch nicht erkannt haben.» Denn Solarcomplex will jedes Jahr mindestens zwei neue Bioenergiedörfer realisieren. Randegg und Schlatt im Landkreis Konstanz sind eben umgestellt worden und sollen an den beiden kommenden Wochenenden offiziell eingeweiht werden. Für die nächsten zwei Jahre sind fünf Bioenergiedörfer in Planung.

Aber ist das die richtige Reihenfolge? Müssten nicht zuerst die Häuser saniert werden, damit ihr Energieverbrauch sinkt? «Das ist eine Utopie», ereifert sich Müller. «Wenn wir den Leuten sagen, sie müssten erst ihre Gebäude dämmen, bevor wir das Nahwärmenetz bauen – tja, dann können wir das Ganze auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschieben.» Er ist überzeugt, dass die Nahwärmenetze jetzt gebaut werden müssen. «Das ist die Aufgabe unserer Generation. Uns läuft beim Umstieg auf erneuerbare Energien einfach die Zeit davon.» Ausserdem diene das Rohrnetz lediglich der Verteilung: «Ob man danach Energie aus Biomasse, Solarkollektoren oder geothermischen Kraftwerken einspeist, ist egal.»

Die Netze auch besitzen?

Bene Müller, der Visionär, gerät in Fahrt. Wenn man von den grossen Energiekonzernen eines lernen könne, dann dies: «Wer die Netze hat, der hat die Macht.» Auf dieser Überzeugung fusst die ganze Geschäftsidee von Solarcomplex als genossenschaftliche AG: Die Menschen sollen sich am Bau ihres lokalen Wärmenetzes finanziell beteiligen und so zu MitbesitzerInnen werden. «So könnte man durch eine Versorgung mit regenerativer Energie auch die Kaufkraft vor Ort behalten.» Noch aber tun sich die Leute schwer damit. In Mauenheim etwa haben nur gerade zehn Personen in Solarcomplex investiert. Das, sagt Ortsvorsteher Henninger, liege aber auch daran, dass viele das erforderliche Grundkapital von 2500 Euro nicht haben.

Und die Gemeinden? Für Randegg war das nie ein Thema; für Lippertsreute, das nach Mauenheim zweite Bioenergiedorf der Bodenseeregion, schon. «Bei uns stand eine finanzielle Beteiligung am Nahwärmenetz zur Diskussion», sagt Traudl Kessler, die frühere Ortsvorsteherin von Lippertsreute. «Aber wir hatten leider kein eigenes Budget, weil wir Teil von Überlingen sind – und die Stadtwerke dort wollten sich nicht beteiligen.» In Schlatt am Randen ist die Situation nochmals eine andere: Das frisch gebackene Bioenergiedorf ist Teil der Gemeinde Hilzingen. Und die betreibt laut Bürgermeister Franz Moser bereits ein eigenes Wärmenetz mit einer gemeindeeigenen Biogasanlage.

Solarcomplex schwingt derweil weiter die Werbetrommel. Jeden Samstag – manchmal auch öfter – kurvt ein Bus durch die engen Gassen Mauenheims, um interessierten kommunalen Vertretern und Bioenergie-Touristinnen zu zeigen, wo überall die Strassen und Vorgärten aufgerissen wurden, um das Nahwärmenetz zu legen und die Häuser anzuschliessen.

«Sogar Chinesen waren schon hier», sagt Kristl Sterk und beschwichtigt. «Nein, stören tun uns die Besucher nicht – die fahren dann ja gleich raus zur Biogasanlage.» Dort stehen ein paar Informationstafeln mit Zahlen und Fakten zur Anlage. Inzwischen hat Solarcomplex auch Firmen und vier regionale Stadtwerke als Investoren gewonnen – darunter die Technischen Betriebe von Bischofszell. «Auf der Schweizer Seite tut sich mittlerweile einiges», sagt Müller. Er wird oft zu Vorträgen eingeladen, um über seine Erfahrungen zu berichten. Sein Handy klingelt. Müller muss weiter, er ist auf Mission.

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