Nr. 39/2008 vom 25.09.2008

Voll in die Magengrube

Die neue deutsche Grossproduktion «Der Baader-Meinhof-Komplex» kann man nur als Symptom ernst nehmen. Das allerdings ist notwendig.

Von Stefan Howald

Brandanschläge, Bombenattentate und Schusswechsel mit tödlichem Ausgang, Verhaftungen, die Erschiessung eines Richters, der Tod des RAF-Häftlings Holger Meins an den Folgen eines Hungerstreiks - das liegt bereits hinter uns, im Mai 1975: In Stuttgart-Stammheim werden Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof und Jan-Carl Raspe angeklagt. Bei einer Befragung belegt Ensslin den vorsitzenden Richter mit ein paar Fäkalworten, die von Baader und Meinhof bekräftigt werden, von Letzterer etwas zögerlich. Der fassungslose Richter hält ihnen daraufhin vor, den Prozessverlauf gestört zu haben und suspendiert sie. Die Szene endet im Film «Der Baader-Meinhof-Komplex» (Regie: Uli Edel) damit, dass das Publikum im Gerichtssaal mehrheitlich klatschend die abgeführten Gefangenen feiert.

Knall auf Schuss

Es ist eine relativ unspektakuläre Szene in einem an Spektakeln überreichen Film. In einer sonntäglichen Diskussion im Ersten Deutschen Fernsehen monierte Hans-Jochen Vogel, von 1974 bis 1981 Bundesjustizminister, dennoch, hier werde die Staatsgewalt einmal mehr negativ dargestellt und die TäterInnen damit implizit verherrlicht, während Stefan Aust, Autor des gleichnamigen Dokumentarbuchs, auf dem der Film beruht, versicherte, die Szene habe sich genau so abgespielt. Und die Schauspielerin Martina Gedeck (sie verkörpert Ulrike Meinhof) beteuerte, sie habe die Tonbandaufnahme der Prozessszene 200-mal abgehört, um sie authentisch hinzubekommen.

Aber die Szene sagt weder bezüglich Politik noch Authentizität etwas aus, sondern sie ist pubertär. Die führenden RAF-Mitglieder, im mörderischen und selbstmörderischen Kampf verstrickt, feiern es als Etappensieg im revolutionären Kampf, einen Richter als Arschloch zu bezeichnen.

Machen wir es uns einfach: «Der Baader-Meinhof-Komplex» ist ein schlechter Film. Actionkino, ohne viel Reflexion. Es gibt zwei, drei kurze Szenen eines Vorspiels, die vorgeben, ein historisches Umfeld aufzureissen, doch dann reihen sich, Knall auf Schuss, alle RAF-Kommandoaktionen bis 1977 aneinander, insgesamt 149 Minuten lang. Die Figuren sind mehrheitlich starre Charaktermasken. Keine Motivation, keine Psychologie, keine politische Analyse. Nur der zunehmend selbstbezüglich werdende Kampf einer kleinen Gruppe von Desperados gegen eine sich aufrüstende Staatsmacht.

Über die Machart des Films herrscht Einigkeit, von «Popcorn-Kino» im «Stern» bis zur «Hochglanz-Powerpoint-Präsentation» im Zürcher «Tages-Anzeiger». Ob ein Film über die RAF bei der jüngsten Popcornkinogeneration zu einem kommerziellen Erfolg werden kann, wird sich zeigen; publizistisch hat er sein Ziel schon jetzt erreicht und ist zum Medienereignis geworden.

Das hat oberflächliche Gründe. Die Produktion von Bernd Eichinger wird als teuerster deutscher Film aller Zeiten beworben, ist mit einem Staraufgebot einer jüngeren Generation von Schauspielerinnen und Schauspielern ausgestattet. Stefan Aust, Exchefredaktor des «Spiegels», spielt nochmals auf allen publizistischen Klaviaturen seiner Deutungsmacht, und die Nachfahren von RAF-Opfern, oder genauer: die Söhne, machen in den Debatten mit.

Einhellig ist die Meinung, im Verlauf des Films werde die Brutalität und Inhumanität der RAF in aller Deutlichkeit vorgeführt. Von rechts wird dem die Aussage abgewonnen, die RAF sei schon immer eine blosse Mörderbande gewesen. Womit auch ganz 1968 entsorgt werden könne. Allerdings hat Frank Schirrmacher in der FAZ, dem konservativen Zentralorgan, neben den üblichen Bösartigkeiten gegen alles Linke auch die Erkenntnis beigesteuert: «Die RAF war stets eine Projektionsfläche für die Gewalt-, Sexualitäts- und Angstfantasien des Establishments.»

Fürs liberale Gewissen gibt es eine gelegentlich nachdenkliche Ulrike Meinhof und vor allem das gefurchte Gesicht von Bruno Ganz als Bundeskriminalamtschef Horst Herold, der den Staat aufrüstet und zugleich verkündet, dass es mit Repression allein nicht getan sei. Gegen den Vorwurf, die Opfer würden zu wenig gezeigt, verteidigen sich die Macher, es sei halt ein Film über die TäterInnen. Aber das stimmt ja gar nicht: Es ist ein Film über die Taten. Er schockiert ein bisschen mit den schockierenden Sitten des Aufbruchs nach 1968. Vor allem zelebriert er die Freude am Zerstören, beziehungsweise die Freude am Zeigen des Zerstörens. Pubertär eben. Aber natürlich hat auch das Unpolitische politische Bedeutung.

Unbewältigte Themen

Machen wir es uns ein wenig schwieriger: Entgegen anderslautender Versicherungen scheint die RAF noch nicht erledigt, sondern spukt weiterhin in Köpfen und Gemütern umher. Sie bleibt ein Symptom und eine Chiffre für ein paar noch nicht abgegoltene Themen.

Das zeigte sich 2007, beim Gnadengesuch von Christian Klar und der Haftentlassung von Brigitte Mohnhaupt. Es hatte sich schon 2005 gezeigt, als Christoph Hein den Roman «In seiner frühen Kindheit ein Garten» vorlegte, in dem er fiktional aufarbeitete, wie die Eltern des 1993 erschossenen RAF-Mitglieds Wolfgang Grams sich mit der amtlichen Todesversion nicht abfinden wollen: betretenes Schweigen bis unwirsche Abwehr im Feuilleton. Die Aufarbeitung und Bewältigung ist noch nicht geleistet, auf beiden Seiten. Im diffusen Spektrum der Linken geistern im Internet noch immer abstruse Worthülsen und Theorien zum bewaffneten Kampf herum.

Am Beginn steht die einfache Frage: Wie konnte es dazu kommen? Der Film zeigt einzig bei Ulrike Meinhof überhaupt den Ansatz einer motivierten Entwicklung, aber das wird sofort durch die Schwarz-Weiss-Dramaturgie zugedeckt, die der zaudernden Ulrike die eiskalt entschlossene Gudrun Ensslin gegenüberstellt. Dabei bleiben beide Fragen brisant: wie aus der scharf analytischen Kolumnistin und der engagierten Pfarrerstochter Verfechterinnen direkter Aktionen und dann mörderischer Abrechnungen werden konnten? Und wie dieser Zustand andauern, sich ins Wahnsystem hinein weiterdrehen konnte. Wie die Pathologie der Gruppe funktioniert. Notwendig bleibt der Versuch, solches erklären und verstehen zu wollen. Muss man beifügen, dass verstehen wollen nicht rechtfertigen heisst? Ja, man muss. Aber es heisst an Komplexität festhalten, an vielfältigen Motiven, individuellen und sozialen, mehrfach und überdeterminiert. Das ist gegenwärtig, weit jenseits der RAF, ein zentraler politischer Kampfplatz, Stichwort Kuschelpädagogik.

Und die klammheimliche Freude?

Und da ist die Frage der Gewalt. Die ist immer doppeldeutig. Es gibt, gleich zu Beginn des Films, eine durchaus eindrückliche Szene, bei der grossen Anti-Schah-Demonstration am 2. Juni 1967 in Berlin, bei der die sogenannten «Jubelperser», bestellte Schläger, auf die DemonstrantInnen einzuprügeln beginnen, wobei die Polizei vorerst zuschaut, sich dann an der Hatz auf die Demonstrierenden beteiligt und schliesslich Benno Ohnesorg erschossen wird. Wenn die berittene Polizei, wie US-Kavalleristen, die Flüchtenden niederknüppelt, dann trifft das durchaus in die Magengrube, und man ahnt, aufblitzend, wie diese erlebte Gewalt über ein Ohnmachtsgefühl zur Gegengewalt führen konnte.

Die Ahnung wird durch den Film sogleich erstickt. Die spätere Erotik und die Allmachtsfantasien der eigenen Gewalt werden nach cineastischen Vorbildern à la «Bonnie and Clyde» abgehandelt. Darüber lernen wir in diesem Film nichts, was wir nicht auch in jedem beliebigen Knaller lernen. Dabei müssten wir uns durchaus wappnen für die Anfälligkeit gegenüber der Gewalt, die ja auch auf die andere Seite kippen kann.

Bleibt die Frage nach der klammheimlichen Sympathie und der berüchtigten klammheimlichen Schadenfreude. Die ist nicht mit der RAF untergegangen. Hatte nicht auch der Einsturz der Twin Towers 2001 eine fatale Faszination, dass es jemand der Weltmacht USA gezeigt hatte? Man sollte solche schrecklichen Fragen der Psychohygiene nicht einfach abwehren. Am historischen Beispiel der RAF zeigt sich, dass sie vielfältig in eine bipolare Logik verwickelt war, durch den Kalten Krieg - der in Vietnam mörderisch war - und die Abstossung von der Vätergeneration, die den Faschismus mitgetragen hatte. Die bipolare Logik bleibt jederzeit eine Versuchung. Sie verführt zur Identifikation mit dem Feind des Feindes, womöglich bedingungslos.

Solche Fragen offenzuhalten: Räumt man damit der RAF weiterhin die Bedeutung ein, etwas über die Form politischen Widerstands zu sagen? Im Gegenteil. Wie politische Arbeit heute aussehen soll, dazu lässt sich weder im RAF-Film noch bei der RAF etwas lernen.

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