Nr. 41/2008 vom 09.10.2008

Kämpfen für die Würde

Die Zellulosefabrik Attisholz steht vor der Schliessung. Die meisten Stellen können nicht gerettet werden. Warum sich der Kampf trotzdem lohnt.

Von Samuel Durrer

Rettung gibt es keine. Wenn alles gut geht, bleiben vierzig Arbeitsplätze erhalten. Mit einem kleinen Wunder gut 200. In der Attisholz-Fabrik in Riedholz SO arbeiten 437 Menschen. Eine Anstellung in der Papierfabrik galt als Lebensstelle, ein Monopolberuf. Schon lange steht der Betrieb vor Problemen. Vor dem Verkauf der früheren Besitzerin Axantis an Christoph Blochers Ems-Chemie im Jahr 2000 war klar, dass der Betrieb, wenn überhaupt, nur mit grossen Investitionen gerettet werden könnte. Die Voraussetzungen dafür waren gut, die Kriegskasse der Gruppe war mit 400 Millionen Franken liquiden Mitteln gut gefüllt. Blocher trat als Heilsbringer auf, der Arbeitsplätze retten will. Noch heute bezeichnet ihn der letzte Konzernchef vor Blochers Übernahme, Truls D. Berg, als «weissen Ritter», der die Firma vor einer feindlichen Übernahme, die nur auf die liquiden Mittel aus gewesen wäre, gerettet habe. Doch nur zwei Jahre später verkaufte Blocher die Fabrik an den norwegischen Konzern Borregaard weiter. Die liquiden Mittel hat er seiner Ems-Chemie zugeführt, der Wald um das Firmengelände und die Hodlerbilder aus dem Direktionszimmer befinden sich gerüchteweise nun in seinem Privatbesitz. Ohne diese Investitionen lief der Betrieb über Jahre defizitär, die hohen Rohstoffpreise machten die Papierproduktion in der Schweiz unrentabel.

Vorhergesehene Schliessung

Das ist allerdings keine neue Erkenntnis. Die Firmenleitung hat bereits vor mehr als drei Jahren mit dem Gedanken einer Schliessung gespielt. Anders ist nicht zu erklären, dass sie im Mai 2005 den Stiftungszweck der firmeneigenen Wohlfahrtsstiftung abänderte und das Geld neu auch «Arbeitslosigkeit und die Folgen von einer Restrukturierung oder Liquidation der Arbeitgeberfirma durch Ausschüttung von Geldbeträgen erleichtern» sollte. Kommuniziert hat die Firmenleitung die Schliessung erst am 29. September 2008.

Die Belegschaft und die Gewerkschaft Unia werden vor beinahe vollendete Tatsachen gestellt. Corrado Pardini, der Branchenverantwortliche der Unia, hält eine Rettung aller Arbeitsplätze zum jetzigen Zeitpunkt für unmöglich. Zeit, um wenigstens ein paar Arbeitsplätze zu erhalten, bleibt wenig. Zwei Lösungsvarianten, die vierzig beziehungsweise fast die Hälfte der Arbeitsplätze retten würden, werden zurzeit abgeklärt. Die kleinere, aber realistischere Variante betrifft ein Nebenprodukt: Hefe, die gewinnbringend produziert werden könnte - sollte genügend Zeit bleiben, neue LieferantInnen und KundInnen zu finden. Pardini sieht hier ein grundsätzliches Problem: «Die Konsultationsfristen sind in der Schweiz viel zu kurz. Eine seriöse Prüfung von Alternativen dauert zwei bis drei Monate und nicht drei Wochen.» Wenn Belegschaften so kurzfristig mit einem Schliessungsentscheid konfrontiert würden, verkomme Mitwirkung zu einer Alibiübung. Die Gewerkschaften seien gefordert, hier in Zukunft vermehrt «den Finger draufzuhalten». Die erste Forderung der mit 300 Personen gut besuchten Betriebsversammlung vom letzten Donnerstag betrifft denn auch eine Verlängerung dieser Konsultationsfrist bis Ende Januar. In der Zwischenzeit soll die Belegschaft mit «Durchhalteprämien» für einen Verbleib im Betrieb motiviert werden.

Nicht gottgegeben

Für Pardini geht es im Arbeitskampf bei Attisholz um mehr als einen guten Sozialplan und die Rettung möglichst vieler Stellen: Darum, dass die Belegschaft den Betrieb «mit erhobenem Haupt» verlassen könne. Immer wieder würden Betriebsschliessungen als «gottgegeben» hingenommen, durch einen Arbeitskampf könnten sich die ArbeitnehmerInnen ein Stück Souveränität zurückerobern. Dazu ist die Belegschaft der Attisholz entschlossen. Sie hat der Unia ein Vertretungsmandat erteilt und ist bereit, ihre Forderungen auch mit Kampfmassnahmen durchzusetzen. Diese zu planen, gestalte sich allerdings als schwierig, da man die Kessel und Maschinen nicht einfach abschalten könne. Das «Herunterfahren» des Betriebs dauere Wochen bis Monate. Auch während dieser Zeit muss gearbeitet werden, da ansonsten eine Umweltkatastrophe drohen könnte. Streik ist laut Pardini allerdings auch nicht das Ziel der Auseinandersetzung, er strebt eine sozialpartnerschaftliche Lösung an: «Diese gibt es aber nicht zum Nulltarif.»

Dass sich die Firma lieber aus der Verantwortung stehlen möchte, machte sie am Dienstag klar: Sie lehnte die Forderungen der Belegschaft kategorisch ab.

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