Nr. 42/2008 vom 16.10.2008

Ewige Liebe am Fjord

Der norwegische Autor löst extreme Reaktionen aus: Man liebt oder hasst ihn. Daran wird auch seine Erzählung «Schlaflos» nichts ändern, die Geschichte zweier junger Liebenden ohne Zukunft.

Von Anna Wegelin

Irgendwo an der westnorwegischen Küste, irgendwann in vorindustrieller Zeit. Asle (er) und Alida (sie), beide aus dem Dorf Dylgia, sind ein Paar, das nichts und niemand trennen kann: ewige Liebe auf den ersten Blick. Sie sind beide siebzehn und haben beide dunkles Haar. Beide haben ihren Vater auf hoher See verloren.

Alida erwartet ein Kind, Asles Kind, und ist hochschwanger. Sie freuen sich auf das Kind, fühlen sich jedoch schuldig. Sind eben «keine braven Eheleute», das Geld für eine ordentliche Hochzeit fehlt. Für das junge Liebespaar gibt es keine Zukunft in Dylgia («dylja» heisst auf altnordisch «verbergen», «leugnen»). Als Asles Mutter stirbt, wird dieser obdachlos. Alidas bitterböse Mutter beherbergt die Unvermählten nur widerwillig bei sich.

In einer klaren Nacht im Spätherbst fahren Asle und Alida in einem Boot südwärts in die Hafenstadt Bjørgvin, eine der grössten Städte Norwegens mit Speicherhäusern, Marktplatz und engen Gassen. Ihre einzige Habe sind zwei Netze mit Schinken, Wurst, Flachbrot und Butter. Und eine Fiedel, die Asle von seinem Vater Sigvald geerbt hat, weil dies so sein muss: «Die Bestimmung lag wohl in der Familie, dass man Spielmann wurde, obwohl es ja eher eine missliche Bestimmung war, sagte der Sigvald, aber wenn einer nun mal Spielmann war, ja dann war er eben Spielmann, wenn es nun mal so war, ja dann gab es daran nichts zu rütteln.»

Am nächsten Tag gegen Abend erreichen sie Bjørgvin und suchen Obdach für die Nacht. Es ist kalt, beginnt zu regnen und wird allmählich dunkel. Alida fühlt sich schwer und ist müde. Sie klopfen an über zwanzig Türen, aber niemand lässt sie herein, und sie werden schroff zurückgewiesen, etwa mit der Bemerkung, «so ein stattlicher Bursche und dann so eine kleine Schlampe». Als sie wieder vor der Tür jener alten Frau stehen, bei der sie zuerst um Einlass gebeten haben, verschafft ihnen Asle gewaltsam Zugang zur ofenbeheizten Küche. Alida bekommt Wehen und bringt mit Hilfe einer Hebamme ein Kind zur Welt. Das Büblein heisst Sigvald, wie der Vater von Asle.

Kraftfelder

Jon Fosse, im deutschsprachigen Raum als Theaterautor berühmt, nannte seine Erzählung im Original «Andvake» (ein altnorwegisches Wort für schlaflos). Die Handlung wäre eine langweilige altbackene Liebesgeschichte aus längst vergangenen Zeiten. Wären da zunächst nicht diese zwei Dunkelstellen im Plot, die an der moralischen Unschuld Asles rütteln: Was passiert mit der alten Frau in Bjørgvin, nachdem Asle sie gepackt und ihr den Mund zugehalten hat? Woher kommt das Fluchtboot, und warum muss das Liebespaar Dylgia schleunigst verlassen? «Wo bist du gewesen, sagt Alida / Nein nirgends, sagt Asle / Aber du bist so nass und kalt, sagt Alida / und sie sagt, er soll ins Bett kommen, und Asle steht / nur da / Steh nicht so da, sagt sie / und er steht nur so da, bewegt sich gar nicht / Was hast du, sagt sie / und er sagt, sie müssen jetzt fahren, das Boot ist bereit / Aber willst du nicht ein bisschen schlafen, sagt Alida / Wir sollten fahren, sagt er.»

Asle und Alida sind zwar zwei Ausgestossene. Von einem Sozialdrama mit kriminalistischem Touch ist «Schlaflos» jedoch weit entfernt. Dazu fehlt es Asle und Alida an psychologischer Tiefe - typisch für Fosse, der seine Figuren mit Vorliebe nur andeutet und sagt, er schaffe keine Charaktere, sondern die Kraftfelder zwischen ihnen.

Was an der Geschichte betört, ist die Art, wie sie erzählt wird, genial bewahrt in der deutschsprachigen Übersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel. Die Sprache macht einen Teil des «Phänomens Fosse» aus, das die Kritik entweder in Begeisterung versetzt oder endlos nervt: Sie ist karg, repetitiv, redundant, elliptisch und fliesst dahin.

Am schönsten tritt dies in Erscheinung in den melodiösen Paarläufen zwischen Asle und Alida: «Du denkst an den Sigvald, sagt Alida / Ja, sagt Asle / und er hebt seine Hand in die Luft und steht da und / hält sie in den Wind / Aber du hast mich, sagt Alida / Und du hast mich, sagt Asle / und dann bewegt Asle seine Hand vor und zurück, als ob er winken würde / Du winkst deinen Eltern, sagt Alida / Ja, sagt Asle / Du kannst sie wohl auch spüren, sagt er / Ja sie sind hier, sagt er / Sie sind jetzt beide hier, sagt er / und dann lässt Asle die Hand sinken und er bewegt sie zu Alida hinüber und er streichelt ihr die Wange und dann legt er seine Hand in ihre Hand und dann stehen sie so da / Aber denk nur, sagt Alida / Ja, sagt Asle / Denk nur mal an, sagt Alida / und sie legt sich die andere Hand auf den Bauch / Ja denke an, sagt Asle / und dann lächeln sie einander zu und dann gehen sie / Hand in Hand».

Maria und Josef im Norden

Norwegische KritikerInnen sehen in dem obdachlosen Paar Asle und Alida die biblischen Figuren Josef und Maria. Die Sprache in «Schlaflos» sei «archaisch» und «altertümlich», heisst es etwa. (Jon Fosse schreibt in Nynorsk, der zweiten Standardsprache des Norwegischen, die im 19. Jahrhundert aus westnorwegischen Dialekten entwickelt worden ist.) Ähnlich lässt sich der deutsche Verlag vernehmen: Die doppelbödige, melancholische Geschichte sei voller Bibelanklänge, steht im Klappentext. Das ist eine mögliche Lesart, zumal der Autor auch in «Schlaflos» um die Mythen Geburt und Tod, Trauer und Sehnsucht kreist und das Liebespaar in eine von linearer Zeit befreite Dimension entrückt, in der Jetztzeit, Erinnerung und Traum zuweilen nahtlos ineinander übergehen.

Allerdings ist die Liebesgeschichte nicht im alttestamentarischen Schwarz-Weiss-Schema von Gut und Böse gehalten: Asle und Alida sind eben kein unbeflecktes glückloses Liebespaar in einer ihnen gegenüber feindlichen Umwelt, sie gehen über Leichen für ihre temporäre Glückseligkeit. Jon Fosse selbst spricht in der norwegischen Zeitung «Bergens Tidende» von der Spannung zwischen der Liebe der beiden jungen Menschen und der Brutalität um sie herum «und vielleicht in ihnen selbst», so fügt er bei. «Ich will über das Leben und die Menschen mit ihren Widersprüchlichkeiten schreiben: gut und schlecht, richtig und falsch.»

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