Nr. 43/2008 vom 23.10.2008

Hans Henny Jahnn

Von Florian Vetsch

Mit Gespür für aktuelle Zusammenhänge hat Jan Bürger eine Studie zum Leben und Schaffen des «masslosen» deutschen Schriftstellers Hans Henny Jahnn (1894-1959) verfasst. «Der gestrandete Wal» lehnt sich an einen Vortrag, in dem Jahnn das Schicksal eines genialen Werks mit demjenigen eines Wals vergleicht, «der in zu flaches Wasser kam und strandete». So war es lange Zeit auch um die Werke dieses Autors bestellt; erst seit wenigen Jahren sind sie in erschwinglichen Ausgaben erhältlich.

Bürgers Studie zeigt einen Schriftsteller, dessen ökologische Überlegungen aus direkter Naturerfahrung schöpfen, der die Rolle der Geschlechter offen diskutiert, die literarisch darstellbare Erotik bis an die Schmerzgrenze auslotet und eine feinsinnige Zivilisationskritik entwickelt. So gab er früh der atomterroristischen Bedrohung des modernen Menschen Ausdruck. «Man kann nicht den nationalen Gedanken hochhalten, wenn es Giftgase gibt», schrieb er 1932; ein typischer Satz für den Pazifisten, der die Nazizeit im dänischen Exil überstand.

In seinen Essays setzte Jahnn der «Oberflächenvernunft» des Kapitalismus ein ganzheitliches Wissen entgegen, das sich unter anderem auf die Harmonielehre von Johannes Kepler, Erfahrungen im Orgelbau, der Tierhaltung und hormonelle Untersuchungen stützte. Der Dichter des 1929 zeitgleich mit Döblins «Berlin Alexanderplatz» erschienenen Bewusstseinsstrom-Romans «Perrudja» und des 2000-seitigen erzählerischen Fragments «Fluss ohne Ufer» (1930-1945) erscheint hier als ein Mensch, der dem Geheimnis des Lebens in vielen Facetten dicht auf den Fersen war. In seinen avantgardistisch-archaischen Bühnenwerken, bildstarken Erzählungen und monumentalen Romanen vibriert diese Suche nach. Bürgers geschmeidig geschriebenes Buch belegt dies eindrücklich und erreicht sein bestes Ziel leicht: den starken Impuls, Hans Henny Jahnn wieder zu lesen, neu, jetzt.

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