Nr. 04/2009 vom 22.01.2009

Erfinderinnen des fairen Handels

Unter dem Titel «Entwicklung heisst Befreiung» schildern PionierInnen der Erklärung von Bern, wie die Entwicklungsorganisation entstanden ist. Ein lesenswertes Stück Zeitgeschichte.

Von Susan Boos

Zu Jahresbeginn gab es ein kleines Jubiläum: Vor vierzig Jahren, am 6. Januar 1969, wurde die «Erklärung von Bern» dem Bundesrat überreicht. Bis heute existiert die Erklärung von Bern, man kennt sie als engagierte Nichtregierungsorganisation, die seit Jahren in Davos das Public Eye, die Gegenveranstaltung zum Weltwirtschaftsforum, organisiert.

Die EvB ist in der Schweiz so bekannt, dass sich kaum mehr jemand fragt, warum die Erklärung von Bern überhaupt so heisst, obwohl sie ihre Büros in Zürich hat. Nur wenige wissen noch, was ursprünglich in der «Erklärung von Bern» stand.

Unter dem Titel «Entwicklung heisst Befreiung» haben nun drei PionierInnen der EvB – Anne-Marie Holenstein, Regula Renschler und Rudolf Strahm – gemeinsam ein Buch geschrieben, in denen sie die ersten Jahre der Organisation nachzeichnen. Holenstein war von Anfang an dabei, verliess die EvB 1982, arbeitete danach bei Radio DRS und war Direktorin bei Fastenopfer. Renschler war die erste Redaktorin beim «Tages-Anzeiger», arbeitete zwischen 1974 und 1985 bei der EvB und ging danach ebenfalls zum Radio. Rudolf Strahm stieg auch 1974 bei der EvB ein, blieb vier Jahre, war danach Zentralsekretär der SP, sass jahrelang im Nationalrat und amtete bis im vergangenen Jahr als Preisüberwacher. Drei Personen also, die diverse entwicklungspolitische Diskussionen in diesem Land massgeblich mitgeprägt haben. Und das macht das Buch zu einem wertvollen Stück Zeitgeschichte.

Es lässt sich darin auch nachlesen, wie die EvB zu ihrem Namen gekommen ist: Der Ökonom André Bieler, der an der theologischen Fakultät in Genf lehrte, setzte sich Mitte der sechziger Jahre dafür ein, dass sich die Kirche starkmacht für die Dritte Welt. Konkret verlangte Bieler, drei Prozent des Nationaleinkommens müssten in die Entwicklungshilfe fliessen. Seine Ideen verhallten jedoch folgenlos. Deshalb taten sich einige Theologen zusammen und erarbeiteten ein Manifest, das sie im März 1968 in Bern als «Erklärung von Bern» verabschiedeten. Es war ein dreiseitiges Papier, das schon damals explizit verlangte: «Für Waren aus den Entwicklungsländern muss ein gerechter Preis bezahlt werden.» Zudem verpflichteten sich die UnterzeichnerInnen der Erklärung, dass sie während dreier Jahre drei Prozent ihres Einkommens nach freiem Ermessen Hilfswerken zukommen lassen. Diese Erklärung wurde dann im Januar 1969 SP-Bundesrat Willy Spühler überreicht.

«Weniger nehmen»

Im März 1969 nahm Anne-Marie Holenstein ihre Arbeit als erste Sekretärin der EvB auf, ihre Aufgabe war es, vor allem in den katholischen Kreisen UnterzeichnerInnen zu gewinnen. Holenstein beschreibt eine unglaubliche Zeit: Ohne Zustimmung ihres Mannes konnte sie nicht einmal ein Bankkonto für die EvB eröffnen, gleichzeitig herrschte aber auch eine intellektuelle und politische Aufbruchstimmung.

Schon die EvB-GründerInnen führten eine fundierte Globalisierungsdebatte, die sich vor allem gegen den paternalistischen Entwicklungshilfebegriff wandte. Sie waren nicht so naiv zu glauben, die Welt würde besser, wenn man einfach die Mittel für die Entwicklungshilfe erhöhte, sondern vertraten die Meinung: «Es gilt, nach den Ursachen der sogenannten Unterentwicklung zu forschen. Diese liegen nicht primär in den ‹Entwicklungsländern›, sondern bei uns. Wir sind das Problem.» Und sie prägten schon früh den Leitsatz: «In der Entwicklungspolitik kommt es nicht so sehr darauf an, mehr zu geben, als vielmehr weniger zu nehmen.»

Kluge PR-Aktionen

Die siebziger Jahre waren eine kreative Zeit, in der entwicklungspolitisch viel in Bewegung kam und regionale Gruppen entstanden. Da gab es zum Beispiel die berühmten Bananenfrauen aus Frauenfeld, die Usego-Läden überzeugen konnten, Bananen mit einem Solidaritätsaufschlag von fünfzehn Rappen zu verkaufen. Sie waren in der Schweiz die eigentlichen Erfinderinnen des fairen Handels.

Später importierte die EvB den ersten gerecht produzierten Kaffee, den Ujamaa-Kaffee aus Tansania. Die EvB lancierte auch die «Aktion Konsumverzicht», die mit dem Slogan «Weniger Fleisch für uns – mehr Getreide für die Dritte Welt» bereits gegen die Sojafuttermittelproduktion in Brasilien antrat.

Die EvB kreierte zudem die berühmte Jutetasche, mit der eine ganze Generation aufgewachsen ist. Strahm schildert im Buch, wie er nach Bangladesch reiste und die ersten Jutesäcke organisierte. Innert kürzester Zeit konnten über 100 000 Taschen verkauft werden. Es war eine der klügsten PR-Aktionen jener Zeit – oder wie man es damals noch unbeschwert nannte: Bewusstseinsbildung. Es gab ein 56-seitiges «Dossier zur Verkäuferschulung», darin stand: «Bei der Aktion ‹Jute statt Plastic› geht es nicht darum, möglichst viele Jutesäcke zu verkaufen, sondern möglichst viel Information zu vermitteln.» Vier Hauptbotschaften mussten unters Volk: «Jute statt Plastic heisst Arbeit für Bangladesch. Jute statt Plastic heisst Schonung von Umwelt und Energie. Jute statt Plastic heisst Umschwenken zu einem einfacheren Lebensstil. Jute statt Plastic heisst Umdenken zu einem anderen Wachstum.»

Die EvB kämpfte ausserdem für ein besseres Entwicklungshilfegesetz, legte sich damals schon mit Nestlé an oder versuchte Grossstaudammprojekte zu verhindern – um nur einige Themen zu nennen. Kaum ein Problem, das die erste EvB-Generation umtrieb, ist gelöst. Das macht es der heutigen EvB nicht einfach, muss sie doch mit immer neuen Mitteln alte Themen frisch verpacken. Aber das gelingt ihr erfreulich gut, eben zum Beispiel mit dem Public Eye, das am 28. Januar in Davos stattfinden wird (www.publiceye.ch).

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