Nr. 05/2009 vom 29.01.2009

Überleben

Von Eva Pfister

Eingeschlossen im Gestein sind die Fossilien, mit denen sich der Paläontologe Emile beschäftigt. Und genauso fühlt er sich selbst an diesem Wendepunkt seines Lebens. Eben hat sich der Mittvierziger in die achtzehnjährige Schülerin Klara verliebt, da erleidet seine Lebensgefährtin einen Schlaganfall. Emile verliert den Boden unter den Füssen. Zwar geht er täglich ins Spital, wo Lia nach fünf Tagen aus dem Koma erwacht, noch sprechen kann, aber halbseitig gelähmt bleibt. Aber jeden Abend fährt er zu Klara, klammert sich an sie, an das junge blühende Leben.

Christian Hallers neuer Roman ist die beeindruckende Studie einer schweren Lebenskrise. Der Wissenschaftler und die Kulturschaffende waren ein gut funktionierendes Paar - bis alles aus den Fugen geriet. Haller schildert die Katastrophe aus der Sicht von Emile mit dessen Verzweiflung, Schuldgefühlen und Fluchttendenzen. Das ist berührend, aber noch fesselnder ist die Konfrontation mit den Folgen einer Hirnblutung, die Lia ertragen muss und die wir mit Emiles Augen und Gefühlen miterleben.

Klara bleibt daneben seltsam vage, eine Projektionsfigur von Jugend und Zukunft. Unglaubwürdig wirken Emiles Briefe an sie, die sich in ihrer schwülstigen Symbolik auf Hieronymus Boschs Gemälde «Garten der Lüste» bezieht. In diesen Passagen scheint Emile ironisiert, beinahe als lüsterner Alter gezeichnet. Schockierend allerdings, wie Männer in seinem Alter ihm raten, sich an die «Junge» zu halten und Lia in ein Heim abzuschieben.

Der Roman geht auf eine authentische Erfahrung von Haller zurück. Er ist keine nachträgliche Bewältigung der Krise, wenn er sie auch in erstaunlich detaillierten Nahaufnahmen wieder heraufbeschwört. Eher ist er eine Liebeserklärung an Lia. Sie steht im Zentrum, denn sowohl was Emile von ihrer kämpferischen Vergangenheit als Dokumentarfilmerin berichtet, als auch wie feinfühlig er ihren Kampf um ein neues Leben beschreibt, nimmt uns für sie ein. Nicht erst am Schluss wird uns klar, dass nur Lia ihm helfen kann, sich aus der Versteinerung zu befreien.

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