Nr. 19/2012 vom 10.05.2012

In verborgene Abgründe schauen

In ihrem neuen Roman beschreibt Ursula Fricker das Leben und die Liebe in einer Extremsituation.

Von Eva Pfister

Es kommt der Moment, da wünscht sich Katja, ihr Freund wäre tot. Damit sie um ihn trauern könnte. Aber Sebastian lebt, er atmet, isst, verdaut – und er hat die Augen offen. Manchmal hat Katja das Gefühl, dass er sie ansieht. Manchmal denkt sie, er lächelt. Aber wenn er lacht, dann ist das ein schreckliches Geräusch, das so wenig mit einem menschlichen Lachen zu tun hat, dass ihre Illusionen sofort wieder verfliegen.

Im Stau während einer Fahrt aufs Land ist es passiert: Während Katja überlegt, ob sie mit vierzig nicht doch noch ein Kind haben möchte, erleidet Sebastian einen Hirnschlag. Sofort beginnt die Rettung: Helikopter, Intensivmedizin, Operationen. Ursula Fricker beschreibt das aus der Sicht der Partnerin, die tagelang am Bett sitzt, auf Schläuche und Maschinen starrt und darauf wartet, dass ihr Freund aus dem künstlichen Koma erwacht. Aber als er tatsächlich die Augen aufschlägt, ist kein Erkennen mehr darin.

Dennoch hofft Katja, dass Sebastian wieder zu sich kommt, und bemüht sich mit grossem Einsatz darum. Dabei vernachlässigt sie sich selbst, ihre Wohnung, ihren Beruf als Architektin. Erst als sich ein gewisser Alltag einspielt und sie Sebastian nur noch am Wochenende aus dem Heim zu sich holt, beginnt sie, die Welt wieder wahrzunehmen, allerdings anders als zuvor. Sie erfasst nun auch bei anderen rasch die Brüchigkeit der Existenz und die verborgenen Abgründe.

Wie im vorhergehenden Roman «Das letzte Bild» spielt Ursula Fricker mit den Verschiebungen und Grenzen der Wahrnehmung. Sie hat lange mit geistig Behinderten gearbeitet. Schonungslos breitet sie die Details einer solchen Existenz aus. Aber vor allem ist «Ausser sich» ein beeindruckender Roman über das Leben und die Liebe in einer Extremsituation.

Ursula Fricker liest an den Solothurner Literaturtagen: Fr, 18. Mai 2012, 16 Uhr, Landhaussaal.

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